Raymond Queneau: Intimes Tagebuch der Sally Mara


Sally lebt in Dublin zu Beginn der 30er Jahre, steht kurz vor der Volljährigkeit und beginnt, Tagebuch zu führen. Sie schwärmt für ihren Französischlehrer, der Irland gleich zu Beginn des Buches verlässt, lernt gälisch, lebt mit ihrer Mutter, ihrer Schwester Mary, dem Bruder Joel und der Haushälterin zusammen. Der Vater ist vor 10 Jahren Streichhölzer kaufen gegangen, die offenbar schwierig aufzutreiben waren, denn er ist noch nicht zurück vom Einkauf. Die Haushälterin wird vom versoffenen Bruder schwanger, behauptet sie zumindest, allerdings fehlt es ihr an Glaubwürdigkeit, man schiebt die ausbleibenden Periode auf die Wechseljahre und entlässt sie nach einiger Zeit wegen zunehmender Fettleibigkeit. Irgendwann taucht sie dann mit einem Kind auf, der Bruder zieht mit ihr zusammen, macht sich selbstständig, indem er Knöpfe (mit und ohne Knopflöcher) aus Tierknochen fertigt, irgendwann taucht auch der Vater wieder auf, allerdings nicht für lange, denn als das neue Dienstmädchen Bess verschwindet, entpuppt er sich als der „Vampir von Dublin“, worauf ein kurzer gesellschaftlicher Aufstieg von Sally und Joel folgt.. Kurzum, eine ganz normale Familie.

Und Sally? Weiß nicht so recht, ob sie jungfräulich ist, weil unbeackert, aber doch kultiviert (so das Lexikon, in dem sie den Begriff nachschlug: wird von einer Erde gesagt, die weder beackert noch kultiviert ist) sie leckt mit Vorliebe an den Waden der Herkulesstatue im Museum, verprügelt den Wächter und gerät ständig in pikante Situationen, ergründet langsam aber sicher das Geheimnis der Fortpflanzung, unternimmt diesbezügliche Experimente, will einen Roman schreiben und versucht, immer schön bei der Stange zu bleiben.

Sie vermerkt alles in ihrem Tagebuch, scheinbar naiv, aber doch durchtrieben.

Und all dies ergibt ein urkomisches, frivoles Buch, dessen Charme man sich nicht entziehen kann.

Intimes Tagebuch der Sally Mara ist bei Wagenbach erschienen.

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3 Gedanken zu “Raymond Queneau: Intimes Tagebuch der Sally Mara

  1. Wenn ich davon absehe, daß mir die Naivität der fast volljährigen Sally unter den geschilderten sozialen Umständen etwas unglaubwürdig erscheint, war es ein gut zu lesendes, unterhaltsames und pikant-witziges Buch.
    Danke für den Tip!

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