Selbstzensur aus Angst vor Islamisten


Grayson Perry, Turner-Preis-Gewinner des Jahres 2003, hat in einer Diskussionsrunde die Tatsache, dass er sich in seinen Werken nicht mit dem Islamismus auseinandersetzt, mit der Angst um sein Leben begründet, I feel real fear that someone will slit my throat.

Perry ist bekannt für seine dekorierten Töpferarbeiten, deren Motive sich mit Geschlechteridentität, Gewalt in der Familie, Sexualität und Religion befassen.Der Islamismus sei ein sehr amorphes Themengebiet, das viel Unsicherheit hervorruft.
You don’t know what the threshold is. Even what seems an innocuous image might trigger off a really violent reaction
Aus diesem Grund habe er das Thema Islamismus immer umgangen. Nicht nur der Mord an Theo van Gogh habe ihn zur Zurückhaltung veranlasst, auch die Reaktionen auf die dänischen Karikaturen und die Proteste gegen den Ritterschlag von Salman Rushdie sind Grund, Angst zu haben. Dass die Angst um das eigene Leben eine reale ist, weiß man spätestens seit der Veröffentlichung der Satanischen Verse. Hitoshi Igarashi, der japanische Übersetzer des Romans, wurde 1991 ermordet, der italienische Übersetzer und der norwegische Verleger überlebten Mordanschläge. Bei Protesten gegen Aziz Nesin, der einen Großteil der Türken dumm und feige nannte, weil sie nicht den Mut hätten, für Demokratie einzutreten und der die Satanischen Verse ins Türkische übersetzte, wurde am 2. Juli 1993 Brandsätze auf ein Tagungshotel, in dem sich Nesin aufhielt, geworfen. Nesin wurde leicht verletzt, fast 40 Menschen aber starben. Selbstzensur ist eine Handlung, die in diktatorischen Systemen notwendig war. Dass sie jetzt auch in demokratische Gesellschaften Einzug gehalten hat, ist etwas, mit dem man sich nicht abfinden darf. Dem Einzelnen, ob bildender Künstler, Schriftsteller, Übersetzer oder Zeichner, diesen Mut abzuverlangen kann niemand. Die Reaktionen einiger europäischer Medienvertreter spiegeln aber die zunehmende ‚Vorsicht’ bei bestimmten Themen wieder. Wenn der Nachrichtenchef der FAZ, Peter Sturm, anlässlich des Karikaturenstreits aussagt,
Ich nehme zur Kenntnis, dass das die religiösen Gefühle vieler Menschen verletzt hat und wäre sehr zurückhaltend, da mutwillig Gräben aufzureißen. Ja, ich glaube, dass es in zunehmender Weise Selbstzensur gibt, was islamische Themen angeht, eben weil die Reaktionen so heftig ausfallen, dass es sogar zu Boykottmaßnahmen kommt, dann gibt er letztendlich auch die Reaktionen der Europäischen Union wieder. Anstatt eines klaren und uneingeschränktem Bekenntnisses zu Presse- und Meinungsfreiheit, als absolute Werte, denen sich religiöse Befindlichkeiten unterzuordnen haben, kam von vielen offiziellen Stellen ein relativierendes Verständnis dafür, dass religiöse Gefühle verletzt wurden. Sicher gilt es, in bestimmten Situationen die Reaktionen abzuwägen, um nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen, aber Relativierung kann und darf in Bezug auf Extremismus keine Option sein. Damit höhlt man das demokratische Selbstverständnis aus und bohrt am Fundament einer liberalen Gesellschaft. Extremismus wird gestärkt, wenn man das Gefühl vermittelt, durch Drohungen und Gewalt seinen Zielen näher kommen zu können. Dies kann weder das Interesse der Politik, der Medien und der Kunst sein, und vor allem kann es nicht das Interesse der Bürger sein, die sich zu den Grundwerten einer demokratischen Gesellschaft bekennen. Und wer sich beleidigt fühlt, dem bleibt noch die Empfehlung von Titanic-Chefredakteur Thomas Gsella:
Dieser islamische Fundamentalismusquatsch ist ja nur eine von den ganz neuen Dummheiten, die uns jetzt auch noch beschäftigen müssen – sie sollen sich halt melden. Ich glaube, einmal kam so eine Bombendrohung: “Wir werden euch alle töten.” Nicht mal das halten sie ein… Also Angst vor Repressalien haben wir nicht, unsere Auflage in den arabischen Staaten ist gering und wenn da der ein oder andere muslimische Abonnent zurücktritt, weil wir seine religiösen Gefühle beleidigt haben, dann muss er halt kündigen. Ich glaube, so viele sind es in der Tat aber nicht.

Nachtrag: In Großbritanien wurde eine junge Frau verhaftet, die in Gedichten den Jihad und Osama bin Laden gefeiert hatte. Und da stellt sich dann die Frage, ob eine liberale Gesellschaft sich Methoden bedienen darf, die ihrer nicht würdig sind. Müssen wir jetzt schon das Verfassen von Gedichten bekämpfen?  Rod Liddle bringt es in seinem Artikel auf den Punkt:  If our conflict with Islam is a battle of ideas, as Tony Blair once said it was, then we have to dredge through our memories to discover what our idea actually is. And, when you boil it down, it’s not much more than a belief in individual liberty, freedom of conscience, freedom of speech — that rather ectoplasmic sort of thing. And so every time we jail a Samina Malik for writing a horrible poem, we chip away at the very principle which sustains us. […] She’s an objectionable cretin — but let her have her say.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s