Quo vadis, Spiegel?


Nachdem bekannt wurde, dass der Vertrag mit Chefredakteur Stefan Aust nicht verlängert wird, stellt sich die Frage, in welche Richtung sich der Spiegel nach der Ära Aust, die spätestens am 31.12.2008 endet, bewegt.

In den letzten Jahren erstarrte das ehemalige Flaggschiff des deutschen Qualitätsjournalismus in Beliebigkeit. Ein fehlendes Profil und die immer stärkere Konzentration auf Nicht-Themen wie Second Life oder coole Städte des 21. Jahrhunderts bewirkten einen zunehmenden Verlust an Ansehen.

Ja, der Spiegel gehört immer noch zum Montag wie die Sportschau zum Samstag, aber längst überwiegen bei der Lektüre Ärger oder, häufiger und noch schlimmer, Gleichgültigkeit. Klare Standpunkte? Nur noch gelegentlich. Anstöße zu Debatten? Fehlanzeige. Statt dessen Aufmacher wie das Gespräch einiger 68er, für deren Belanglosigkeit sich selbst der Stern geschämt hätte.

Die letzte ‚Heldentat‘ des Spiegeljournalismus bestand im Wegschreiben der Rot-Grünen Koalition, hier sah sich der Spiegel in einer ihm unwürdigen Allianz mit dem Springer-Verlag. Nur bei letzterem gehört dies durchaus zum politischen Profil und es ist traurig, dass BILD immerhin ein solches besitzt, der Spiegel jedoch nicht mehr. Chefredakteure dürfen, ja sie müssen, streitbar sein, ihre Aufgabe ist es, dem von ihnen verantworteten Medium ein Profil zu verschaffen, ihm ihre Handschrift zu verpassen. Dies hat Stefan Aust in den letzten Jahren nicht mehr vermocht und so ist seine Ablösung eine logische Konsequenz, die eigentlich viel zu spät kommt.

Über den Stil der Kündigung, Aust erreichte die Nachricht im Urlaub, kann man streiten, über die Notwendigkeit nicht.

Aber was kommt danach? Angekündigt ist, dass sich der Spiegel in Zukunft verstärkt an eine jüngere Leserschaft richten möchte. Fraglich ist, ob dies der richtige Weg ist. Spiegel Online bedient besonders diese Zielgruppe schon jetzt, nur kann es nicht das Ziel sein, den Onlineableger als Maßstab für die Blattgestaltung zu nehmen. Die Stärke eines Nachrichtenmagazins liegt in der Möglichkeit, Themen zu vertiefen und intensiv zu behandeln, Spiegel Online verflacht sie und bringt sie auf ein dem Medium Internet genehmes Maß.

Man darf gespannt sein, wohin die Reise geht, die Messlatte für eine qualitative Verbesserung hängt zumindest nicht sonderlich hoch.

Spiegel Online widmete übrigens der Ablösung von Stefan Aust nicht eine Zeile, dies habe keinen Nachrichtencharakter, Nicole Kidman und die Paparazzi-Paranoia hatte Nachrichtenwert.

HORIZONT.NET beschäftigt sich mit der Nachfolgersuche, Stefan Niggemeier führt eine Kandidatenstrichliste, F!XMBR findet die Reaktion von SpOn interessant, Zettels Raum geht der Frage nach, ob der Spiegel jetzt nach links rutscht.

Nachtrag 20.12.2007

grad gefunden, ebenfalls bei Stefan Niggemeier ein Radiointerview mit Matthias Matussek, in dem er sich kurz zur Situation beim Spiegel äußert.

Dass bei einem irischen Wettbüro Wetten auf Stefan Austs nächste Tätigkeit platziert werden können, wie Medienrauschen vermeldet ist zwar eine nette Idee, mehr aber auch nicht.

Nachtrag 21.11.2007

euckenserbe bietet bei Freunde der offenen Gesellschaft doch eine Wette an, nämlich dass Aust aus seinem Vertrag finanziell abgelöst wird.

Advertisements

3 Gedanken zu “Quo vadis, Spiegel?

  1. Es ist nicht meine Aufgabe, Chefredakteure zu finden, die mir genehm sind, es geht auch nicht darum, wer meinen Ansprüchen genügt. Ich habe nur den Ist-Zustand kommentiert und dieser ist, aus Sicht eines langjährigen Spiegellesers, verbesserungswürdig.
    Gruß
    smoel

    Gefällt mir

  2. Profil, so scheint es mir, besitzen nur noch Zeitungen, die eine extreme Klientel bedienen – Die „Deutsche Stimme“ oder vielleicht „Jungle World“. Zudem denke ich, dass jede Messlatte von einem SPIEGEL in derzeitiger Form nach belieben unterboten werden kann.

    Sturmgeschütz mit Ladehemmung.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s