Ingo Schulze beklagt die Refeudalisierung des Kulturbetriebs


Der diesjährige Gewinner des Thüringer Literaturpreises ging in seiner bemerkenswerten Dankesrede mit dem Preis selber ins Gericht. Der Thüringer Literaturpreis, dotiert mit 6000 EUR und alle zwei Jahre vergeben, wird von E.ON Thüringer Energie gestiftet. Ingo Schulze fragt, warum das Land Thüringen nicht in der Lage sei, für einen Preis, der seinen Namen trägt, monatlich die Summe von 250 EUR anzusparen, um innerhalb von 24 Monaten das Preisgeld selber bereit stellen zu können, zumal Ministerpräsident Althaus bei der letzten Verleihung die Bedeutung des Preises für das Land Thüringen hervorgehoben hat.

Die Kritik richtet sich nicht an die Wirtschaft, deren Engagement Schulze begrüßt, auch wenn Kultursponsoring immer auch unter wirtschaftlichen Aspekten betrieben wird, deren Schlagworte „Beitrag zur Standortattraktivität“ oder „Werbefaktor“ lauten.

Allerdings ist die Tendenz, immer mehr Lebensbereiche zu privatisieren und damit zu ökonomisieren, verheerend, sie verleitet dazu, Gelder vor allem dorthin zu geben, wo sie die größtmögliche Beachtung finden, also die größtmögliche Wirkung im Sinne des Sponsoring und die Förderung dort zu vernachlässigen, wo sie dringender benötigt würde.

Der Staat entzieht sich seiner Verantwortung, die er (nicht nur) für die Künste trägt. Nicht für das, was Kunst zu sein hat, sondern dafür, dass Kunst die Freiheit hat, auch in ökonomischer Sicht, um sich entwickeln zu können. Er entzieht sich und räumt das Feld für die Wirtschaft.

Die Industrie verfolgt ihre eigenen Interessen, dadurch entstehen Abhängigkeiten, die sich auf die Inhalte von Kunst auswirken können oder den Künstler zumindest in Zwiespalt geraten lassen. Schulze fragt, ob ausgehend von den Konzerndaten und der Erhöhung des Strompreises, ob das heute jetzt und hier der richtige Platz [ist], um meinem Preisgeldgeber sein Streben nach Maximalprofit vorzuwerfen. Soll ich sagen, wer solche Gewinne einfährt, darf die Preise nicht erhöhen?

Diese Problematik zieht sich durch sämtliche kulturellen Bereiche

Mich stört, dass es kaum noch einen Ausstellungskatalog gibt ohne das Logo oder den Namen einer Firma, beinah jedes Festival oder Gastspiel gibt zu Beginn die Liste seiner Sponsoren bekannt. Selbst der Empfang der deutschen Botschaft in Rom zum Tag der Einheit wurde mit dem Dank an eine Autofirma eröffnet, deren Produkte wie Karyatiden den Eingang schmückten.
Die Wirtschaft übernimmt damit die Rolle, die früher die adligen Gönner inne hatten.Der Künstler selbst kann sich nicht frei davon machen, dafür ist er zu stark auf finanzielle Unterstützung angewiesen. 6000 EUR bedeuten 50 Prozent des durchschnittlichen Jahresverdienstes eines Schriftsteller, und damit kommt Schulze zu der Begründung, warum er den Preis trotzdem angenommen hat. Weil es sich die wenigsten Schriftsteller leisten können, auf diese Summe zu verzichten und weil diese Verleihung ihm die Möglichkeit gibt, genau diese Dinge anzusprechen.

Deshalb nimmt er den Preis an, der ehrlicherweise nicht Thüringer Literaturpreis sondern EON-Thüringer-Energie-Preis heißen müsste.

Am Ende verzichtet er aber doch auf das Preisgeld, er schlägt vor, dass EON ein Literaturstipendium stiftet, dass jährlich 6000 EUR beinhaltet und dass anderen Autoren für einen gewissen Zeitraum ein Grundeinkommen ermöglicht. Das Land Thüringen aber soll sich entschließen, den Preis, der seinen Namen trägt, selbst zu bezahlen und als Grundstock stiftet Ingo Schulze sein Preisgeld. Er ist in der glücklichen Lage, darauf verzichten zu können.

Reaktionen u.a. in der Thüringer Blogzentrale

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2 Gedanken zu “Ingo Schulze beklagt die Refeudalisierung des Kulturbetriebs

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