Der erste Satz – Romananfänge


Der erste Satz eines Buches ist der Türöffner. Mitunter entscheidet er darüber, ob ein Buch gekauft und/oder gelesen wird, oder ob man sich von ihm abwendet.

Die Regel für den ersten Satz ist ganz einfach, Faulkner hat sie aufgestellt: “Schreiben Sie den ersten Satz so, dass der Leser unbedingt den zweiten lesen will – und dann immer so weiter“, eigentlich ganz einfach. Und doch, auf den ersten Satz ist kein Verlass. Sagt „Was ist das. -Was-ist das….“ (nicht mal als Frage formuliert) etwas darüber aus, dass diesem Anfang einer der besten Romane der Weltliteratur entspringt, zumal Thomas Mann in den „Buddenbrooks“ gleich noch „Je, den Düwel ook, c’est la question, ma tres chere demoiselle!“ nachsetzt? Nun konnte Thomas Mann zu diesem Zeitpunkt Faulkners Regel nicht kennen, aber dieser Einstieg nimmt einen nicht gleich gefangen, drei Sprachen in zwei Sätzen, er verlangt, sich davon nicht beirren zu lassen und TROTZDEM weiter zu lesen.

Da klingt doch „Wie froh bin ich, dass ich weg bin!“ schon bedeutend besser, auch wenn es natürlich fraglich ist, ob „Die Leiden des jungen Werther“ mit einem anderen Beginn nicht ebenso erfolgreich geworden wäre, aber wir wollen schon wissen, warum er froh ist und wovon er sich gelöst hat.

Auch Mark Twain wusste, wie man ein Buch beginnt, „Eines Tages fiel mir auf, wie viele Jahre vergangen waren, seit die Welt das Schauspiel erlebt hatte, dass ein Mann verwegen genug war, eine Fußreise durch Europa zu unternehmen.“ Schon ziemlich gut, der zweite Satz ist dann noch besser: „Nach vielem Nachdenken entschied ich, dass ich der Richtige wäre, der Menschheit dieses Schauspiel zu bieten.“ Und spätestens jetzt ist der Leser bereit, diesem mutigen und selbstlosen Erzähler überall hin zu folgen.

Eine recht häufige Variante des ersten Satzes ist die namentliche Vorstellung des Hauptakteurs, „Mein gesetzlicher Name ist Alexander Perchow.“ Da ist noch nicht alles erleuchtet, aber immerhin, eine klare Aussage.

„Ich bin nicht Stiller!“ ist an dieser Stelle unbedingt zu erwähnen, dieser eine Satz umschreibt die ganze Thematik eines über 400seitigen Romans in vier Worten. Wie toll dieser Satz ist, erschließt sich zwar erst nachdem man „Stiller“ beendet hat, aber auch sonst sorgt das Ausrufezeichen für Aufmerksamkeit.

Und dann ist da noch der Satz, den jeder sofort dem Roman zuordnen kann, drei Worte, die einen Giganten der Literatur einleiten, „Call me Ishmael.“ Und wir nennen ihn Ismael und begleiten ihn bis zum Untergang der Pequod.

 

Gute erste Sätze sind auch diejenigen, die dem Leser sofort etwas verheißen: „Strapse!“ ein Wort nur, aber natürlich legt man nach diesem einen Wort „Kolks blonde Bräute“ nicht weg, sondern will mehr wissen und Frank Schulz enttäuscht da dann auch nicht.

Sex geht eigentlich immer, auch wenn der erste Satz nur die Möglichkeit auf entsprechende Stellen andeutet. „Hätte ihm jemand in der Morgendämmerung des vierten Septembers, da Joris Marquet nach einem kurzen Schlaf über dem Atlantik sich selbst zum Geburtstag gratulierte und den Plastikbecher mit Whisky in einem Zug leerte, hätte ihm da jemand vorausgesagt, er werde in diesem Jahr, seinem dreiundfünfzigsten, eine Affäre mit einer seiner Studentinnen haben, Joris hätte nur abwehrend das Gesicht verzogen.“ Gut gemacht, Roger Monnerat! Und, soviel sei verraten in „Die Schule der Scham“ hat Joris nicht nur mit seiner Studentin Sex.

Schlussendlich gibt es noch die Sätze, die sich jeglicher Klassifizierung entziehen. Mit den Worten „Zu Anfang erscheint die Kunst des Puzzles als eine Schmalspurkunst,“ beginnt der erste Satz in „Das Leben. Gebrauchsanweisung“ und endet mit „die nun ebenfalls Ursache für Irrtum, Zögern, Verwirrung und Hoffen ist.“ erst auf der nächsten Seite.

Ein Romanbeginn schlägt aber alle anderen, „…Flußaufs, vorbei an Adam und Eva, von KüstenKurven zur BuchtBiegung, führt uns durch einen kommodien Ouikuß der Rezierkuhlation zurück nach Haus Castell und Emccebung.“ ist einzigartig, unvergleichlich, der Rest von „Finnegans Wehg“ ist genauso bescheuert wie dieser Satz und niemand kann sich darüber beschweren, dass der erste Satz etwas anderes erwarten lies.

Vorgestern wurde »Der schönste erste Satz« (eines deutschsprachigen Romans) gekürt. Der Wettbewerb war von der Initiative Deutsche Sprache und der Stiftung lesen durchgeführt worden und gewonnen hat „Ilsebill salzte nach“, mit dem Günter Grass „Der Butt“ beginnt, nach dem Nobelpreis für Literatur hat er jetzt also auch diesen Preis abgeräumt.

Ich hätte mich ja für „Im September 1999 stürzte eine Mann frühmorgens vornüber aus einer im Souterrain gelegenen Kreuzberger Kneipe in eine Pfütze brackigen Regenwassers und fühlte sich nun bereit für einen abschließenden Döner.“ aus Frank Goosens „Liegen lernen“ entschieden, aber mich hat ja niemand gefragt.

Auch wenn der erste Satz seit der Erfindung des Klappentextes ein wenig an Bedeutung verloren hat, trotzdem schön, dass man ihn mal wieder ins Gedächtnis gerufen hat.

Beenden möchte ich diesen Beitrag mit dem mir liebsten letzten Satz eines Buches.

„Beim nächsten Mal hab ich die Dinger aber doch gekauft, und dann ist folgendes passiert.“

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10 Gedanken zu “Der erste Satz – Romananfänge

  1. Ich habe gerade den tollen Text „Der erste Satz gelesen“. Wirklich gut. Von wem und aus welchem Buch ist denn der letzte Satz: „Beim nächsten Mal hab ich die Dinger aber doch gekauft …“ Würde mich wirklich mal interessieren.

    Heike

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  2. Dieser letzte Satz stammt aus der Feder Thomas Kapielskis und beendet die wundervolle, komische und kluge Erzählung (selten war dieser Begriff passender) „AQUA BOTOLUS“, momentan nur antiquarisch erhältlich.

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  3. Ein sehr guter erster Satz ist auch: „Als Konrad Lang zurück kam stand alles in Flammen außer dem Holz im Kamin“ aus „Small World“ von Martin Sutter – eine behutsame Geschichte über einen an „Alzheimer“ Erkrankten mit spannendem Hintergrund.

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  4. Der beste erste Satz, den ich kenne lautet:

    Im achtzehnten Jahrhundert lebte in Frankrein ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten, dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte.

    Aus „Das Parfum“, von Patrick Süskind. Das ist ein Anfang, nicht so mittelmäßiges Wurstgepampe wie oben beschrieben.

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  5. Wow, dieser Text war wirklich sehr hilfreich. Ich bin 14 Jahre alt und bin gerade dabei, mein drittes Buch zu schreiben. Nach einem Fachbuch und einem Kriminal-Roman habe ich mir vorgenommen dieses Mal einen relativ normalen Roman zu verfassen, ich habe die Charakter ausgeklügelt und eine sympathische Handlung entwickelt, jedoch fehlt mir der erste Satz, da ich genau diesen Effekt der Freude auslösen möchte. Ich danke vielmals! Der Verfasser dieser Schrift hat viel dazu beigetragen, dass mein „Erster-Satz“ gelungen rüber gekommen ist.
    Viele liebe Grüße,

    Ineke R.
    Jungautorin 🙂

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