Frank Schirrmacher missglückt eine Dankesrede


Frank Schirrmacher gewinnt den diesjährigen „Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache“ und beschäftigt sich in seiner Dankesrede mit dem Verhältnis des Internets zum Qualitätsjournalismus.

Schirrmacher tappt dabei leider in eine Falle, er verfängt sich zwischen dem Lob des Qualitätsjournalismus (und da natürlich die FAZ an exponierter Stelle, aber dies sei ihm nachgesehen) und der Charakterisierung des Internets als ein Medium, das „in steigendem Maße Nicht- oder Fastnichtmehrlesen ermöglicht“ und dem Werteverfall der Gesellschaft Vorschub leistet.

Und diese Falle stellt er sich selbst. Dazu muss man betrachten, an wen er seine Ausführungen richtet: „Wir, fast alle noch Kinder des zwanzigsten Jahrhunderts, haben Geschichte abgelesen an denen, die uns die Märchen vorlasen, Eltern und Großeltern. Sie waren Menschen, an deren Lebensanfang noch die Pferdekutsche und an deren Lebensende die Mondlandung stand“.

Er richtet sich nämlich nicht an uns alle, sondern an die Generation derer, die heute die 50 bereits überschritten haben, und selbst bei dieser stand am Ende des Lebens der Eltern nicht die Mondlandung (wenn man genauer rechnet, dann ist die angesprochenen Generation noch älter).

Aus dieser Perspektive kann eine unvoreingenommene Betrachtung dieser Thematik nicht gelingen, es ist eine Perspektive von Außen und verwunderlich ist, dass Frank Schirrmacher dies in Kauf genommen hat.

Ausgehend von Jacob Grimms Aussage, „Unter unsern Vorfahren hergebracht war eine zusagende, progressive Berechnung des Menschenalters, wie sie ein Hausvater den ihm zunächst umgebenden Gegenständen entnehmen konnte. Ein Zaun währt drei Jahre, ein Hund erreicht drei Zaunes alter, ein Ross drei Hundes Alter, ein Mann drei Rosses Alter. . .“

kommt er zu der im achtzehnten Jahrhundert einsetzenden Epoche der Beschleunigung, die sich in der heutigen Zeit vor allem in einer Beschleunigung der Kommunikation und der Informationsbeschaffung und –verarbeitung manifestiert.

Schirrmacher verweist darauf, dass in der Generation derer, die mit dem Internet aufgewachsen sind, der Anteil der Lesenden dramatisch sinkt.

Ob der Anteil dramatisch sinkt ist sicher eine Auslegungssache, es gibt aber tatsächlich einen Rückgang.

Die Ursachen liegen, und da wird es moralinsauer, für Schirrmacher im Konsum von gewalttätigen und pornographischen Bildern, es wird riskiert, „die wenigen Kinder, die unsere Gesellschaft in Zeiten des demographischen Wandels hat, auf Dauer mit seelischem Extremismus zu programmieren“, Schirrmacher fordert eine Debatte über ebendiese Inhalte und hat dabei offenbar übersehen, dass diese Debatte längst geführt wird, zum Teil mit eigenartigen Allianzen (so gingen Betreiber pornographischer Internetseiten rechtlich gegen das Portal youporn bzw. gegen die Provider vor, mit dem Argument der unzulänglichen Altersprüfung).

Weiterhin beklagt er eine Nichtdifferenzierung von verlässlichen und nicht-verlässlichen Nachrichten im Netz.

Es ist ein alter Hut, wenn das ikonografische Primat der Inhalte des WWW dem textlichen des Gedruckten untergeordnet wird, dies bedingt die Art des speziellen Konsums der jeweiligen Medien, aber statt sich mit den entscheidenden Frage zu beschäftigen, nämlich wie man die verlässlichen Stimmen im Internet sicherstellen kann, verklagt die FAZ, im Verbund mit der Süddeutschen Zeitung, mal eben perlentaucher.de und Schirrmacher spart sich in seiner Rede nicht den Seitenhieb „Tageszeitung selbst, die von manchen allzu voreilig totgesagt wird – und zwar gerade von jenen mit Vorliebe, die von der Ausbeutung fremder redaktioneller Inhalte leben“.

Der schnellen Umlaufzeit und der Unzulänglichkeit von Nachrichten im Internet stellt Schirmmacher die Zeitung, respektive die Qualitätszeitung gegenüber, deren Redaktionen er als Gelehrten-Republiken mit „X-Men-Einschlag“

bezeichnet. Inhalte dürfen nicht ausschließlich von Rendite bestimmt sein, eine Zeitung garantiert Verlässlichkeit der Nachrichten, in beiden Punkten begibt sich der Herausgeber der FAZ auf ziemlich dünnes Eis.

War es nicht die FAZ, die erst ihr Magazin und dann die Tiefdruckbeilage am Samstag und die Berliner Seiten aus Kostengründen eingestellt hat? Sind die Kampagnen gegen Martin Walser und Günter Grass Zeichen von informativer Verlässlichkeit? Man mag darüber streiten, ohne der FAZ die Qualität abzusprechen, aber wer sich weit aus dem Fenster lehnt, sollte sich eines festen Standes gewiss sein.

Man wird den Eindruck nicht los, hier redet ein alter Mann, der einer Illusion einer Gesellschaft anhängt, die es so nie gegeben hat (zu keiner Zeit gab es eine wirklich lesende Mehrheit, der Begriff der Res publica lit[t]eraria, der Gelehrtenrepublik, bezeichnet ein Ideal und wurde bis in das achtzehnte Jahrhundert gebraucht, einer Zeit, in der die Analphabetenquote bei ungefähr 50 Prozent lag).

Herr Dr. Schirrmacher, das können Sie besser!

Nachtrag vom 12.11.2007: weitere Reaktionen auf Frank Schirrmachers Dankesrede finden sich bei

Sendungsbewusstsein

Spiegelfechter

Martin Welker

kühlschranknotizen

Jörg Friedrich

kein thema.

medienlese

onlinejournalismus.de

 

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2 Gedanken zu “Frank Schirrmacher missglückt eine Dankesrede

  1. „[…] Voltaire, Rousseau, Diderot und ihresgleichen, denen für einen Augenblick meine Bewunderung galt, die ich auch seitdem zu würdigen wußte, haben die Jugend verdorben, die im Rausche liest, und haben die zahlreichste Klasse Menschen verdorben, die ohne Überlegung liest. Ohne Zweifel, mein lieber Malesherbes, erweitert die Freiheit der Presse den Kreis der menschlichen Kenntnisse; ohne Zweifel ist es wünschenswert, daß die Schriftsteller ohne Zustimmung irgendeiner Zensur ihre Gedanken äußer können; aber die Menschen gehen immer dermaßen über den Punkt hinaus, an dem die Weisheit ihnen Halt gebieten müßte… […]“

    Ludwig XVI. an Malesherbes, Dezember 1786

    Daran liegt die Krux. Das Lesen, ob im Internet oder im Buch oder in der Zeitung, macht noch keinen „guten“ Menschen aus dem Leser, aber es verleitet (wohin, das ist eine andere Geschichte). Damals, wie heute.

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