„Heil Hitler, Herr Friedman.“


Mit dieser launigen Begrüßung beginnt das zweistündige Interview, das Michel Friedman im Auftrag von „Vanity Fair“ mit Horst Mahler, dem vom Links- zum Rechtsextremen gewandelten Ex-Anwalt, führt.
http://www.vanityfair.de/articles/agenda/horst-mahler/2007/11/01/04423/

Michel Friedman bricht das Gespräch nämlich nicht nach diesem Satz ab und geht, nein, er fragt höflich: Wie geht es Ihnen?

Horst Mahler geht es gut, er ist immer noch der ruhige, ausgeglichene Nazionkel, der er ist, seitdem er aufgehört hat, der ruhige, ausgeglichene RAF-Terroristenonkel zu sein (vielleicht war er zwischendurch auch mal was anderes, aber wen interessiert das) . Er hat Sehnsucht nach dem Deutschen Reich und im Knast endlich Zeit gehabt, Dinge zu tun, zu denen man sonst nicht kommt. So spricht ein Mensch, der mit sich selbst im Reinen ist, oder doch nicht? Steckt hinter den Holocaustleugnungen Also Auschwitz als Konzentrationslager, Arbeitslager hat es gegeben – damit es da kein Vertun gibt –, aber die systematische Vernichtung der Juden in Auschwitz, das ist eine Lüge. Das wissen Sie auch.
ein nicht verarbeitetes Kindheitstrauma? Michel Friedman hakt nach und befragt Mahler zum Selbstmord seines Vaters. Der hatte sich nämlich nach Kriegsende umgebracht,

Er konnte die Niederlage des Deutschen Reichs und alles, was damit verbunden war, nicht verwinden. Er hat daran geglaubt mit allen Fasern seines Herzens. Und für mich war er nicht ein Gutmensch, wie man sie heute so zahlreich trifft, sondern ein guter Mensch, ein gütiger Mensch,

und im Krieg hat er zwar nicht selbst gekämpft, aber als Zahnarzt seine Pflicht getan. So einfach lässt sich Mahler aber nicht fangen, da weicht er doch lieber auf die jüdische Weltherrschaft aus:

Wissen Sie, Juden sind anders. Sie sind die Negation zu den anderen, und insofern tragen sie ein schweres Los. Und deswegen wird ihnen ja auch die Weltherrschaft versprochen als Kompensation dafür, dass sie die Gehassten sind bei den Völkern.

Und so schwadroniert er weiter, es wird von beiden Seiten viel gelacht, Nachhilfe in Sachen staatliche Souveränität gegeben, [es] ist das klarste Recht eines jeden Volkes (Mahler haut auf den Tisch), Ausländer von seinem Territorium zu entfernen. Damit fängt nämlich die Souveränität an, über die Gefahr von Mischehen geredet, Mahler stellt klar, dass die korrekte Bezeichnung für ihn eigentlich Nationalsozialist ist, er aber mit der Bezeichnung Nazi auch leben kann, weil diese auch von Goebbels verwendet wurde, und irgendwann, nach 28 Bildschirmseiten, verabschiedet man sich dann voneinander:

M.F. Wie verabschieden Sie sich? So, wie Sie reingekommen sind? Oder wie ist der Abschiedsgruß? Ich meine, den Eingangsgruß habe ich ja jetzt mitbekommen. Wie verabschiedet sich ein deutscher Reichsvertreter?

H.M. Leben Sie wohl.

M.F. Aha. Früher hat man immer wieder „Heil Hitler“ geschrien, nicht?

H.M. Das weiß ich nicht.

M.F. Danke.

H.M. Ja

Was bleibt, sind Fragen. Vor allem eine. Was soll das?

Da sollte man die verschiedenen Intentionen kurz beleuchten.

Bei Horst Mahler ist das relativ klar.

Bei Michel Friedman ist die Frage nach der Intention schon schwerer zu beantworten.

Wohlwollend könnte man meinen, er hat versucht, den Irrsinn sich selbst entlarven zu lassen. Nur stellt sich dann die Frage, ob dies notwendig war? Haben wir tatsächlich neue Erkenntnisse über die Geisteswelt des Horst Mahlers gewonnen oder war uns allen nicht schon vorher klar, wie ein Vorzeigenazi tickt? Und wem dies vorher nicht klar war, hat er es dann jetzt erkannt?

Harald Martenstein vertritt in einem Kommentar im „Tagesspiegel“ die Ansicht, dass es richtig war, Mahler diesen Platz einzuräumen:

In Deutschland setzt man sich mit dem Rechtsradikalismus nicht auseinander, stattdessen läuft man vor ihm davon. Wenn die NPD einen Wahlerfolg erzielt hat, ist das Fernsehen nicht in der Lage, mit einem NPD-Funktionär ein Interview zu führen wie sonst mit jedem Kannibalen, Ex-Stalinisten oder RAF-Mörder, stattdessen wird der Mann mundtot gemacht.

Und weiter:

Dahinter steckt auch eine irrationale Furcht vor der scheinbaren Allmacht des rechtsradikalen Arguments. Offenbar können Naziparolen durch bloßes Ausgesprochenwerden die Massen verzaubern. Ein Misstrauen haben viele von uns offenbar auch sich selbst gegenüber, denn wer sich mit einem Gedanken wirklich auseinandersetzt, der muss ihn erst einmal in seinem Kopf zulassen. Das alles nützt vor allem den Nazis, deren mythische Größe als Medientabu in einem drolligen Missverhältnis zu ihrer intellektuellen Dürftigkeit steht.

http://www.tagesspiegel.de/meinung/Kommentare-Rechtsextremismus-TV;art141,2414174

Mahlers verquaste Aussagen erwecken demnach nur eines, nämlich Mitleid und Mitleid ist in keiner Weise sexy.

Weniger wohlwollend könnte man den Verdacht hegen, Michel Friedman sei seiner Eitelkeit erlegen und hat dabei nicht gemerkt, dass er nur benutzt wurde, um diesem Interview den Anstrich zu verleihen, den es brauchte, um veröffentlicht zu werden.

Hendryk M. Broder dazu:

Martin Luther King wäre nie auf die Idee gekommen, sich mit einem Ku-Klux-Klan-Häuptling zu einem Gespräch zu treffen, weder privat noch öffentlich. Denn er war klug und er hatte einen Begriff von Würde. Michel Friedman ist nur eitel und merkt nicht einmal, wie er benutzt wird. Hätte die Redaktion von „Vanity Fair“ vorgehabt, den „Chef-Nazi“ von einem prominenten „Arier“ interviewen zu lassen, gäbe es weder ein Interview noch einen Skandal.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,515278,00.html

Vielleicht war es aber auch die Lust am Tabubruch und da dürfte sich Friedman dann mit „Vanity Fair“ einig sein.

Neu an der ganzen Geschichte ist nämlich die Tatsache, dass ein Lifestylemagazin, welches sich vorzugsweise mit Paul McCartneys Scheidung, Pete Dohertys Experimenten mit stimulierenden Substanzen und den Fotos attraktiver junger Damen beschäftigt, eine Plattform bietet für Holocaustleugnung, Antisemitismus und verschwurbelte Verschwörungstheorien. Der Auflage tut es gut, dem Ruf kann es egal sein und Michel Friedman ist mal wieder im Gespräch, ohne dass Begriffe wie Kokain und ukrainische Nutten fallen.

Einen schalen Beigeschmack hinterlässt es allemal, aber zu einem Skandal taugt dies nicht, dafür ist das Ganze zu sehr auf Skandal inszeniert.

Anmerkung: Zitate sind in Bold gekennzeichnet.

Advertisements

4 Gedanken zu “„Heil Hitler, Herr Friedman.“

  1. „[…] Michel Friedman ist mal wieder im Gespräch, ohne dass Begriffe wie Kokain und ukrainische Nutten fallen.“

    Irrtum. Bitte das Interview nochmal aufmerksam durchlesen.
    🙂

    Gefällt mir

  2. Wenn man sich zu einem sinnvollen Gespräch trifft, wobei die Sinnlosigkeit auf Grund beider Gesprächpartner von vornherein schon gegeben und der Eklat vorprogrammiert war, sollte man auf beiden Seiten auf Provokationen weitgehend verzichten.

    Daher war es von Mahler sicherlich unangebracht Friedman mit „Heil Hitler“ zu begrüßen, wenngleich die Zahl der Deutschen sicherlich in die Millionen geht, die Friedman eben den gleichen Gruß auf Grund seines unglaublichen „Beliebtheitgrades“ einmal entgegen bringen möchten, ohne deswegen gleich sogenannte „Neonazis“ zu sein. Genauso unangebracht wäre es auch gewesen, Friedman mit „na Alter, wann hast Du die letzte „Linie“ gezogen und was machen Deine ukrainischen Nutten“ zu begrüßen.

    Hätte Friedman Stil, was er trotz seiner teuren Staffage nie besaß, wäre er nach der Begrüßung durch Mahler mit „Heil Hitler“ sofort gegangen.

    Er setzte das Gespräch trotzdem fort, um sein deformiertes Ego in einem in seinen Augen gewonnenen Rednerduell etwas aufzupolieren

    Das für ihn und seines gleichen typische „Nachtreten“ in Form einer Anzeige (§130 StGB Volksverhetzung, auch Meinungstotschlagparagraph genannt) bei der willfährigen deutsche Justiz, versteht sich von selbst.

    Lutz Huth

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s