Intermedia / Intermedium / Intermedialität: Zur Begriffsgeschichte und medientheoretischen und poetologischen Begriffsbestimmung


Der Begriff „intermedium“ taucht erstmals 1812 bei Coleridge auf.[1] Intermedium beschreibt in diesem Fall spezifische Eigenschaften und Funktionen der Allegorie: „Narrative allegory is distinguished from mythology as reality from symbol; it is, in short, the proper intermedium between person and personification. Where it is too strongly individualized, it ceases to be allegory […].“[2] Diese Deutung von intermedium kann als terminologischer Ursprung des heutigen Begriffs gelten, nicht aber als Ursprung der heutigen Verständnisses von Intermedia. Coleridge beschreibt ein literarisches Verfahren, das ein literarisches Zwischenspiel zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen ermöglicht.

Im medientheoretischen Kontext legt der Begriff ‚Intermedialität’ ein Abrücken von tradierten isolierten Medienarten nahe. ‚Medientexte’ bewegen sich in wechselnden medialen Relationen und ändern ihre Funktion durch die historischen Veränderungen dieser Relationen.[3] Intermedien entstehen also dann, wenn das „multi-mediale Nebeneinander medialer Zitate und Elemente in ein konzeptionelles Miteinander überführt [wird], dessen (ästhetische) Brechungen und Verwerfungen neue Dimensionen des Erlebens und Erfahrens eröffnen.“[4]

Diese, medientheoretische, Eingrenzung’ des Begriffs Intermedialität greift auf die Ansätze von Bachtin und Kristeva und damit auf das Konzept von Intertextualität zurück. Im ‚Dialogprinzip’ geht Bachtin davon aus, dass Worte schon mit Deutungen besetzt sind, die frühere Sprecher ihnen gegeben haben. Kristeva Überlegungen zum Intertextualität-Konzept gehen davon aus, dass sich im Raum eines Textes mehrere Aussagen überlagern, die aus anderen Texten stammen und interferieren. Intertextualität ist eine Zentralkategorie einer umfassenden Textwissenschaft, nach der jeder Text ein Mosaik von Texten ist.[5] Mittels Intertextualität lassen sich generelle Eigenschaften von Texten feststellen, die über die vom Autor beabsichtigten Beziehungen und Anspielungen auf andere Texte hinausgehen.

Durch Sprengung des Textbegriffs, etwa durch Formen wie Collage, wurde deutlich, das ein Konzept von Intertextualität nicht mehr ausreichend ist. Schon die Wort- und Bildkunst der russischen Moderne hat deutlich gemacht, das einem ‚herkömmlichen’ Textbegriff zu enge Grenzen gesetzt sind.

Erste Verweise auf die Relevanz intermedialer Prozesse lassen sich bereits in antiken Poetiken finden. In der Auffassung von Simonides von Keos, dass Malerei stumme Poesie sei und Poesie stumme Malerei findet sich ein erstes Zeugnis von intermedialer Auffassung. Der Versuch eines Vergleichs zwischen den Künsten lässt sich in der Literatur- und Kunstgeschichte vielfach feststellen. So legt da Vinci das Primat der bildenden Kunst fest, indem er das Sehen höher stellt als das Hören. Giordano Bruno stellt 1591 fest, dass Musik, Malerei, Poesie und Philosophie untrennbar miteinander verbunden sind.[6] Demzufolge generiert ein Maler Bilder auf der Basis von Ansichten und Klängen, indem er diese miteinander kombiniert, ein Verfahren, das so auch auf die zeitgenössische Videokunst angewandt werden kann.

Bruno kann als Ausnahme gelten, da die bildenden Künste nahezu ausnahmslos über die Poesie gestellt werden.[7] Besonders Horaz Diktat „ut pictura poesis“ wirkte bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts nach. Erst mit Lessings „Laokoon“ wurde dies aufgelöst. Indem Lessing die unterschiedlichen Wirkungsmechanismen von Malerei, Plastik und Dichtkunst bestimmt, konnte die Wirkung von Kunstwerken auf spezifische mediale Strukturen zurückgeführt werden. Hier findet sich der Ausgangspunkt der romantischen Ästhetik. Eine konzeptionelle Fusion verschiedener Medien wird in der Romantik als ästhetisches Wirkpotential eingesetzt. Poesie kann sich in der Musik und in der Malerei realisieren. Durch die Überschreitung medialer Grenzen erreicht das romantische Kunstwerk seine größtmögliche Wirkung. So entstand u.a. das Poetic Drama, welches „imaginäre poetische und dramatische Welten [konstituiert], die ihren Aufführungs- und Handlungs-Spiel-Raum, ihre Bühne, im Bewusstsein des Lesers findet, ohne jemals zu einer Aufführung gelangen zu können.“[8]

Im 20. Jahrhundert wurde die ‚Poetik der Intermedialität’ nicht zuletzt durch das voranschreiten der technischen Entwicklung und den damit verbundenen neuen Möglichkeiten künstlerischer Produktion weiter entwickelt. Das Medium Film bekommt hierbei eine wichtige Funktion. Indem Eisenstein die Modalitäten „filmischer Produktion und Rezeption an Konzepten des Pantoskops, des Panoramas, des Zirkus, des Varietes und des Theaters“[9] festmacht, den Film aber nicht als bloße Verbindung verschiedener Medien betrachtet, kann man hier einen weiteren Ansatz eines intermedialen Konzepts finden.


[1] Coleridge’s Miscellaneous Criticism, ed. T.M. Raysor; Folcroft PA 1936; pg. 33; hier zit. nach J.E.Müller, Intermedialität als poetologisches und medientheoretisches Konzept; in: Helbig. (Hrg.) Intermedialität

 

[2] ebd.

[3] Vgl. Müller; S. 31.

[4] Ebd.; S. 31f.

[5] Vgl. Kloepfer; Intertextualität und Intermedialität. An dieses Konzept kann auch die Diskurstheorie von Foucault angeschlossen werden. In jüngerer Zeit greift der New Historicism beide Theorien wieder auf, um damit ein Konzept zur Literaturgeschichtsschreibung zu entwickeln.

[6] De Imaginum, Signorum & Idearum Compositione, vgl. Müller, S. 33.

[7] So u.a. bei Alberti und Du Bos.

[8] Müller, S. 34. Als Beispiele lassen sich u.a. Byron und Shelley anführen.

[9] Müller; S. 35

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