Marisha Pessl: Die alltägliche Physik des Unglücks



„Die alltagliche Physik des Unglücks“ ist der erste Roman von Marisha Pessl, einer jungen amerikanischen Autorin.
Der geneigte Leser lernt Blue van Meer kennen, ein junges, begabtes Mädchen, das mit ihrem Vater von Provinzuniversität zu Provinzuniversität zieht, nie länger als ein Semester an einem Ort bleibt.
Gareth van Meer, Blues Vater, ist ein brillianter Politologe, den es nach dem Tod seiner Frau nie lange an einem Ort hält und der von den Frauen umschwärmt wird, dessen Beziehungen aber so schnell verglühen wie sie begannen und eine Spur gebrochener Herzen (und Racheschwüre) hinterlassen.
Die einzigen verlässlichen Begleiter in Blues Kindheit und Jugend waren Bücher und Filme, was dazu führt, das Blue uns die Zitate nur so um die Ohren haut. Keine Seite ohne mindestens eine Klammer, die Zitate entstammen dem Kanon der Weltliteratur und der Filmgeschichte, viele sind auch einfach nur erfunden (Kishon wies einmal darauf hin, dass auch der größte Blödsinn als Weisheit aufgefasst wird, wenn man ihn nur mit einem illustren Namen garniert), die Kapitel sind nach großen Romanen benannt, allerdings erschließt sich der Zusammenhang nicht immer .
In ihrem letzten Jahr vor dem College, auf der letzten gemeinsamen Station mit ihrem Vater, findet sie auf recht eigenartige Weise, mit Hilfe von Hannah Schneider, Lehrerin an ihrer Higschool, Zugang zur Clique der „Bluebloods“, einer Ansammlung von exzentrischen Mitschülern, die ihr, nach einem alkoholbedingten Absturz den Namen „Würg“ bzw. „Kotz“ verpassen.
Sie erlebt das, was man in jungen Jahren erlebt, Alkohol, Verliebtheit, Enttäuschung, kurz gesagt: Adoleszenz im Zeitraffer, bisher spielte sich vieles nur in der Phantasie ab.
Die Geschichte plätschert dann eine ganze Weile vor sich hin, die Mitte des Buches ist der größte Schwachpunkt, Pessl braucht ungefähr 300 Seiten, um nach relativ furiosem Beginn wieder Fahrt aufzunehmen, lange Zeit passiert eigentlich nichts.
Im letzten Viertel bekommt die Handlung einen Zug in den Bereich des Kriminalromans. Hannah Schneider begeht während eines gemeinsamen Campingausflugs (vermeintlich) Selbstmord, es gibt einen weiteren mysteriösen Todesfall und in der Vergangenheit von Gareth van Meer finden sich einige dunkle Stellen.
Angereichert wird dies mit der einen oder anderen Verschwörungstheorie, auch wenn hier die Nachvollziehbarkeit nicht immer gegeben ist, wobei dies Verschwörungstheorien eben so an sich haben.
Der Schluß ist überraschend und wird hier selbstverständlich nicht verraten.
„Die alltäglich Physik des Unglücks“ ist nicht der große Wurf, als den ihn Jonathan Safran Foers im Klappentext anpreist (in den USA war der Roman ein veritabler Bestseller, wobei die Tatsache, dass Pessl eine äußerst attraktive Frau ist, sicher nicht geschadet hat), vieles ist nicht ausgereift, der Zitatenwahn wird überreizt und nicht jede der zahlreichen, ja sehr zahlreichen Pointen sitzt.
Pessl versucht (zu) viele Elemente in die 600 Seiten zu pressen, der Roman ist Roadmovie, Krimi, Thriller, Campusroman und Coming-of-age-Geschichte in einem, dabei verirrt sie sich gelegentlich und führt die einzelnen Erzählelemente nur mit Schwierigkeiten, teilweise sehr holprig aus dem Labyrinth wieder ins Freie.
Das Lesen bereitet aber auch über weite Strecken großes Vergnügen, die sich durch das Leben klugscheissernde Blue ist eine überaus sympathische Person, überhaupt liegt in der Entwicklung der einzelnen Figuren eine der großen Stärken von Pessl.
Wenn sie sich beim nächsten Roman daran erinnert, das weniger oft mehr ist, dürfen wir darauf gespannt sein, ein großes Talent ist sie, die Marisha Pessl.

Marisha Pessl: „Die alltägliche Physik des Unglücks“. Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Adelheid Zöfel. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007. 602 S., geb., 19,90 [Euro].

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2 Gedanken zu “Marisha Pessl: Die alltägliche Physik des Unglücks

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