Georges Perec: Das Leben. Gebrauchsanweisung


Eigentlich ist „Das Leben“ kein Roman, es ist ein Haus, Paris, Rue Simon-Crubellier 11, 99 Räume, inklusive Treppenhaus, Keller und Dienstbotenkammern, jeder Raum eine Geschichte.
Und was für Geschichten! Die Geschichte vom einarmigen Skelett, die Geschichte vom Koch, der das Theater liebte, die Geschichte vom Juwelier, der dreimal ermordet wurdet, die Geschichte vom Trapezkünstler, der eines Tages nicht mehr vom Trapez herunter wollte, 107 verschiedenen Geschichten sind versammelt, das Personenregister hat 1467 Einträge.
Perec betrachtet die Welt unter dem Mikroskop, es gibt nichts, was nicht interessant genug ist, um darüber zu berichten, nicht ohne Grund ist dem Roman das Jules Verne Zitat „Schau mit beiden Augen, schau“ vorangestellt. In einem leeren Raum kann das einzige sich darin befindende Möbelstück eine Geschichte erzählen, eine weggeworfene Zeitung kann eine Geschichte erzählen, ein an der Wand hängendes Bild kann eine Geschichte erzählen und die Mieter (und deren Vormieter) können Geschichten erzählen, die häufig ineinander verflochten sind, deren einzelne Handlungsstränge sich verlieren, an unerwarteter Stelle wieder aus dem Dunkel auftauchen um dann wieder zu verschwinden.
Das Zentrum des Romans, in der Konstruktion eigentlich ohne Zentrum, ist der reiche Engländer Bartlebooth, dessen sich über 50 Jahre erstreckender Lebensplan folgendes umfasst: In 10 Jahren die Kunst des Aquarellmalens zu erlernen, 20 Jahre in 500 verschiedenen Häfen jeweils ein Seestück anzufertigen, aus dem ein raffiniertes Puzzle gefertigt wird und in den nächsten 20 Jahren die Puzzle zusammenzusetzen und am Ort der Entstehung zu vernichten.
Um ihn herum entspinnt sich die größte Anzahl an Geschichten, auch wenn er in vielen nur durch ein winziges Detail den Anstoß gab.
Den Handlungen, Aus- und Abschweifungen, Reflexionen, Aufzählungen und Listen des Buches zu folgen, ist ein Spaß ohnegleichen, nie langweilig, immer faszinierend. Man kann das Buch an jeder beliebigen Stelle aufschlagen und zu lesen anfangen, es ist keine Leserichtung vorgegeben.
Perec war Mitglied von Oulipo, der Werkstatt für Potentielle Literatur, in der auch Queneau (dem der Roman gewidmet ist) und Marcel Duchamp Mitglieder waren.
Für „Das Leben. Gebrauchsanweisung“ hat sich Perec vor zahlreiche Regelungen gestellt. Man soll sich im Buch wie ein Springer auf dem Schachbrett bewegen, manche Kapitel enthalten vorher vorgegebene Wörter, der Textkorpus ist von der ersten bis zur letzten Seite durchkalkuliert, wobei dies noch relativ einfach anmutet im Vergleich zu seinem Roman „Anton Voyls Fortgang“, in dem er vollständig auf die Verwendung des Buchstaben e verzichtet.
Vor allem aber ist der Roman Symbol dafür, dass das Leben unergründlich ist, egal, wie sehr man es seziert.
Ich habe es noch nicht gesagt, aber ich sage es jetzt: Dieses Buch ist ein Meisterwerk, von Eugen Helmle genial ins Deutsche übertragen, es ist eines der besten, wahnwitzigsten und faszinierendsten Bücher, das ich jemals gelesen habe.
Und der einzige Kritikpunkt, das schlampige Lektorat, kann den Genuß beim Lesen nicht ansatzweise trüben.
„Das Leben. Gebrauchsanweisung“ ist bei Zweitausendeins erschienen.

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