Edgar Hilsenrath: Das Märchen vom letzten Gedanken


Der letzte Gedanke eines Menschen steht außerhalb der Zeit und der letzte Gedanke von Thovma Khatisian sitzt auf dem Stadttor von Bakir, einer anatolischen Stadt und fliegt von dort zurück an den Beginn des 20. Jahrhunderts, in das kleine Bergdorf Yedi Su (Sieben Wasser), geleitet vom Märchenerzähler Meddah.
Es entsteht ein Roman, der wie ein orientalisches Märchen klingt, voller sprachlicher Poesie, Phantasie, Satire, Legenden, Sex, Überlieferungen, Sagen und – unvorstellbarer Grausamkeit.
Yedi Su ist ein Dorf, das von Armeniern bewohnt wird und der letzte Gedanke durchlebt noch einmal die Leidensgeschichte des (christlichen) armenischen Volkes, die geprägt durch Unterdrückung und Progromen, in den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts mündet.
Im Jahr 1915 beschloss das jungtürkische „Komitee für Einheit und Fortschritt“ mit Innenminister Talaat Pascha als treibende Kraft, die Auslöschung der armenischen Bevölkerung in Anatolien. Die Armeniern wurden entweder an Ort und Stelle von türkischen Soldaten und Polizisten ermordet oder starben auf Todesmärschen (unter Mithilfe von kurdischen Hilfstruppen) und in den Lagern, die im Gebiet des heutigen Syrien errichtet wurden. Lediglich in Konstantinopel und Smyrna blieben die Massaker aus, da sich dort der deutsche General Liman von Sanders unter Androhung militärischer Gewalt gegen die Deportation stellte.
Zwischen 1915 und 1917 werden zwischen 1 und 1,5 Millionen Armenier ermordet.
Hilsenrath hat in aufwendigen Recherchen einen detaillierten, den historischen Tatsachen entsprechenden, Bericht über die Planung, die Organisation, die Verharmlosung dessen, was geschehen wird, die Durchführung des Völkermordes, über die Untätigkeit und das nicht-sehen-wollen der einflußreichen Vertreter des Deutschen Kaiserreichs verfasst, der durch die gemächliche, im Ton eines Märchenerzählers gehaltene Sprache, die immer wieder Atempausen gestattet, in seiner ganzen Brutalität auf den Leser wirkt.
In abschweifenden Erzählungen wird anhand der Familiengeschichte von Thovma Khatisian das alltägliche Leben in Yedi Su geschildert, die Geschichte und die Geschichten der Armenier, ein Panorama der Zeit entworfen und immer umgibt, wie ein Schatten, die ständige Bedrohung durch Türken und Kurden, die vermeintliche Idylle, bis die Bedrohung real wird und fast alle Bewohner von Yedi Su ermordet werden. Einige wenige entkommen, darunter Thovmas Vater, Wartan Khatisian, auch mit Unterstützung von einigen Türken und Kurden, die ihr eigenes Leben riskieren, weil sie sich der Teilnahme an den Massakern verweigern und Armeniern versteckten oder zur Flucht verhalfen.
Die ermordeten Armenier leben im Märchen weiter und ein Märchen erzählt Edgar Hilsenrath, der für „Das Märchen vom letzten Gedanken“ 1989 mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet wurde.
In den frühen 90er Jahren erscheint der Roman im sich von der Sowjetunion gelösten Armenien, „Diese Publikation macht Hilsenrath zu einem Schriftsteller, den die Armenier wie einen Heiligen verehren. Mehrfach bereist er das Land, wird begeistert gefeiert und vielfach geehrt.“ (Nachwort von Helmut Braun).
1997 wird der Roman im kleinem Verlag Gökkusagi in der Türkei veröffentlicht, der Verleger wird daraufhin wegen Beleidigung des Türkentums zu acht Monaten Haft verurteilt.
Der Genozid an den Armeniern wird von der Türkei bis heute geleugnet und die Deportationen als Notmaßnahme im Krieg aufgrund mangelnder Loyalität der Armenier , die aufgrund bürgerkriegsähnlicher Zustände 300.000 Todesopfer forderte, verharmlost.
Frankreich plant ein Gesetz, das die Leugnung des Genozids unter Strafe stellt.
Eine ausführliche Sammlung von offiziellen deutschen Dokumenten, die den Völkermord belegen, findet man unter
http://www.armenocide.de/armenocide/armgende.nsf

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