Manuel Vázquez Montalbán: Die Meere des Südens


Montalbán, katalanischer Autor, ist vor allem als Schöpfer der Figur des Pepe Carvalho bekannt geworden.
Die Carvalho-Reihe gehört zum Besten im Bereich des Kriminalromans und Pepe Carvalho ist eine der interessantesten Figuren des Genres. Er ist Kommunist, Kämpfer gegen das Franco-Regime, Feinschmecker, (in diesen Punkten gibt es Parallelen zwischen Figur und Autor, lebt in einer turbulenten Beziehung mit Charo, einer Prostituierten und hat die zweifelhafte Angewohnheit, Bücher zu verbrennen. Ansonsten ist er im Hauptberuf Privatdetektiv.
Seine Heimat ist Barcelona, seine Welt ist das Rotlichtmilieu, die Armenviertel der Stadt und seine Sympathie gehören den Gestrandeten der Gesellschaft.
In „Die Meere des Südens“ beschäftigt Carvalho der Fall des Unternehmers Stuart Pedrell. Dieser hatte sich eigentlich für immer in die Südsee verabschiedet, wird aber ein Jahr später erstochen auf einer Baustelle in Barcelona gefunden. Es stellt sich heraus, dass Pedrell offenbar nie in der Südsee war. Zusammen mit seinem treuen Begleiter Biscuter, Sekretär und Koch zu gleichen Teilen, nimmt sich Carvalho des Falles an.
Es entspinnt sich eine Handlung, in der der eigentliche Kriminalfall fast nur nebensächlich ist. Der 1979 erschienene Roman ist auch eine Zustandsbeschreibung des Spaniens der Nach-Franco-Ära (der Transición), eine Beschreibung der Zustände in den Trabantenstädten mit ihren Sozialbauten, orientierungsloser Jugendlicher ohne Perspektive und skrupellosem Unternehmertums.
Die Romane von Montalban stehen damit in einer Tradition des Kriminalromans, der teilweise über bloße Unterhaltung hinausgeht, der „Erkenntnis der Großstadt“ (so hat ihn Chesterton im „Lob der Detektivgeschichte“ charakterisiert) auf der einen und der Sozialkritik auf der anderen Seite.
Der Zyniker Carvalho ist ein Kommentator gesellschaftlicher Schieflagen, distanziert und involviert zugleich.
Andrea Camilleri hat seinen Commissario Montalbano nach Manuel Vázquez Montalbán, den er sehr verehrte.
Montalbán starb, mit nur 64 Jahren, 2004 auf dem Flughafen von Bangkok an den Folgen eines Herzinfarktes (http://www.sincolumna.com/columna_vertebral/especiales/vazquez_montalban/index.html).
Seine Romane erscheinen bei Piper.

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William Howard Russel: Meine sieben Kriege


Russel wurde 1821 in Dublin geboren. Studiert hat er am Trinity College und in Cambridge. Nach seinem Studium begann er als Journalist für „The Times“. Bekannt wurde als durch seine Reportagen aus dem Krimkrieg (1853-1856). Der Krimkrieg war der erste Krieg, den die Leser europäischer Zeitungen mittels neuer Technologien wie Telegrafie und Fotografie mehr oder weniger unmittelbar miterleben konnten.
Der Herausgeber der Times, John Thadeus Delane, erreichte beim Oberbefehlshaber der britischen Armee, dass ein Journalist die britischen Truppen begleiten durfte. Mit dem Kriegseintritt Großbritanniens wurde Russel Sonderberichterstatter.
Sein Einsatz war innerhalb der Armee nicht unumstritten, Russel berichtete von Beginn an auch über mangelnde Versorgung der Truppen, über inkompetente Befehlsgeber, über sinnlose Opfer und seine Berichte veranlassten die Öffentlichkeit zu heftigen Diskussionen und Kritik an der Regierung, die schließlich auch aufgrund eines eingesetzten Untersuchungsausschusse stürzte.
William Howard Russel war vor allem bei den einfachen Soldaten beliebt, seine Reportagen sind Resultat seiner Erlebnisse mitten im Gefecht, sie beschönigen nichts, sie glorifizieren nichts, sie sind ein Beitrag zur Militärgeschichte des 19. Jahrhunderts.
Nach seiner Wiederkehr aus dem Krimkrieg erhielt er die Ehrendoktorwürde des Trinity College.
Im Band „Meine sieben Kriege“ ist eine Auswahl aus seinen Reportagen aus dem Krimkrieg, dem indischen Aufstand von 1857-58, dem Amerikanischen Bürgerkrieg, der Schlacht bei Königsgrätz, dem Deutsch-Französischen Krieg, dem Zulukrieg und dem Krieg in Ägypten 1882.
Russell, der erste moderne Kriegsberichterstatter, verfügte über eine geschliffene, prägnante Sprache, seine Berichte zeichnen sich durch die Unanhängigkeit von herrschenden Stimmungen der Öffentlichkeit aus, geprägt sind sie durch den Respekt und die Sympathie für den einfachen Soldaten, ohne dass er für eine Seite Partei ergriff.
Er war der Wegbereiter einer objektiven, ungeschönten Berichterstattung von den Schlachtfeldern dieser Welt, ein Journalist, der sich nicht vereinnahmen ließ und seine Arbeit trotz zahlreicher Widerstände und Widrigkeiten ‚Gewissen’-haft vollbrachte.
William Howard Russel: „Meine sieben Kriege“ ist als Band 186 der „Anderen Bibliothek“ erschienen und antiquarisch noch erhältlich.

Stephen Fry: Geschichte machen


Der Geschichtsstudent Michael Young stößt in Cambridge zufällig mit dem Physiker Leo Zuckermann zusammen. Young hat gerade seine Doktorarbeit über die Jugend Adolf Hitlers beendet. In Gesprächen eröffnet ihm Zuckermann, dass er eine Maschine entwickelt habe, die Reisen in der Zeit ermöglicht. Beide entwickeln einen Plan: Was wäre, wenn Adolf Hitler nie das Licht der Welt erblickt hätte?
Auf wundersame Weise gelingt es ihnen, in das Jahr 1888 nach Braunau zu reisen und den Brunnen, aus dem Familie Hitler Wasser holt, mit einem unfruchtbar machenden Mittel zu vergiften.
Wird damit das Dritte Reich ungeschehen gemacht?
Zurück in der Gegenwart ist plötzlich alles anders. Michael ist nicht mehr Student in Cambridge, er findet sich in Princeton wieder und teilt sich ein Zimmer mit Steve. Dieser verneint die Frage, ob er jemals etwas von einem Adolf Hitler gehört habe.
Michael Young ist hocherfreut darüber, dass es offenbar gelungen ist, Hitler und die Nazis nie passieren zu lassen. An dieser Stelle wird er aber mit der Bemerkung unterbrochen, dass der Name Hitler zwar unbekannt ist, aber niemand ernsthaft behaupten könne, nie etwas von den Nazis gehört zu haben. Steve zählt ihm die Nazigrößen auf: Goebbels, Himmler und natürlich der Führer Rudolf Gloder.
Der Roman teilt sich hier in zwei Stränge, in einem wird der Werdegang Gloders geschildert, im zweiten die Versuche Youngs, zu recherchieren, wie sich die Geschichte entwickelt hat. Um an dieser Stelle nicht die Spannung zu nehmen, verzichte ich auf weitere Ausführungen, nur soviel sei gesagt: irgendwie wurde alles anders aber schlimmer.
Young muss sich auf die Suche nach Zuckermann begeben, um dass Geschehene wieder rückgängig zu machen, verliebt sich in seinen Zimmergenossen Steve, was durch den Umstand erschwert wird, dass Homosexualität in den (fiktiven) USA unter Strafe steht und kommt in Konflikt mit dem Geheimdienst.
„Geschichte machen“ ist ein Unterhaltungsroman par excellence. Fry mixt einen Cocktail aus den Elementen, die einen Roman zu einem Schmöker machen, den man nicht mehr aus der Hand legen möchte, bis man die letzte Seite erreicht hat,
spannend und komisch zugleich.
Stephen Fry ist ein Multitalent. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit (auch seine Romane „Der Sterne Tennisbälle“, eine Adaption des ‚Graf von Monte Christo‘ Themas und „Das Nilpferd“ ein sehr skurriler Krimi sind unbedingt empfehlenswert) ist er auch ein erfolgreicher Schauspieler (u.a. „Gosford Park“, „V wie Vendetta“ oder „Oscar Wilde“), Sprecher (er liest die Originalversion von Harry Potter) und Komödiant (u.a. „Black Adder“ mit Rowan Atkinson und „Jeeves & Wooster“, basierend auf den Jeeves-Romanen des von ihm sehr verehrten P.G. Wodehouse).
2003 wurde er zu den „50 Funniest Acts in British Comedy“ gezählt.
„Geschichte machen“ ist bei Aufbau erschienen.

Clemens Meyer: Als wir träumten


Der Roman erzählt die Geschichte einer Gruppe von Jugendlichen, die in Leipzig-Reudnitz in den Nachwendejahren aufwachsen. Ihr Alltag ist trost- und perspektivlos, ihr Stadtteil, dessen Zentrum die lokale Brauerei ist, verfällt (Reudnitz gehört auch heute zu den Teilen Leipzigs, die nicht wirklich vom Aufstreben Leipzigs profitiert haben) und die Mitglieder der Clique geraten zunehmend in den Strudel aus Alkohol, Drogen, Gewalt und Kriminalität, der unweigerlich im Knast oder auf dem Friedhof endet. Meyer verschafft denjenigen Gehör, die zwischen zwei Gesellschaftssystemen aufwuchsen und die in keinem von beiden eine Heimat fanden, die schließlich am untersten Ende der Gesellschaft strandeten. Er erzählt von Träumen und wie sie platzen, vom Scheitern der Boxkarriere, von der illegalen Diskothek (zu Beginn der 90er gab es zahlreiche illegale Clubs und Bars in der Stadt), vom Wiederfinden der alten Liebe in einem Bordell und von der stetigen, aber trügerischen Hoffnung, doch noch einen Platz in einem besseren Leben zu finden. Trotzdem finden sich immer wieder Momente des kleinen, privaten Glücks, die sich allerdings ebenso schnell verflüchtigen wie sie aufgetaucht sind.
„Als wir träumten“ ist eine Zeitgeschichte der frühen 90er, aus der Sicht derer, die an der Veränderung zerbrechen. Clemens Meyer, der in diesem Roman auch autobiographische Elemente verarbeitet, wertet nicht, er verurteilt nicht, er erhebt nie den pädagogischen Zeigefinger seinen Figuren gegenüber. Und er findet die richtige Sprache, brutal, rotzig und schnörkellos, seine Figuren sind ehrlich und direkt gestaltet. Der Roman funktioniert als Milieustudie und Sittenbild, er ist traurig, wütend und hoffnungslos, er zollt den Verlierern den Respekt, den sie von der Gesellschaft nie bekommen haben. Er zeichnet den Übergang von einer totalitären Gesellschaft in eine Gesellschaft der grenzenlosen Freiheit, an der man teilhaben, aber auch zerbrechen kann.
„Als wir träumten“ ist der erste Roman des 1977 geborenen Clemens Meyer. Aufgewachsen im Osten von Leipzig, dort spielt auch der Roman, arbeitete er nach seinem Abitur als Bauhelfer, Möbelträger und Wachmann. Zwischen 1998 und 2003 studierte Meyer am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.
„Als wir träumten“ erschien im Jahr 2006 und wurde von den meisten Kritikern und von den Lesern begeistert aufgenommen. Für den Roman wurde Clemens Meyer mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
Ebenfalls 2006 las er beim Bachmannpreis in Klagenfurt, bekam viel Lob von der Jury, allerdings keinen Preis. Nicht die beste Entscheidung der Jury. Den dort vorgetragenen Text „Reise zum Fluss“ findet man hier zum Download:
http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/texte/stories/1175…
„Als wir träumten“ ist bei S. Fischer erschienen und sowohl als Hardcover als auch als Taschenbuch erhältlich.

M(auri) A(antero) Numminen: Der Kneipenmann


Ein Buch über keskiolut, Bier der Kategorie III, oder einfacher: Dreierbier.
In Finnland (und in Schweden) wird das Bier, gemäß seiner Stärke, in drei Kategorien eingeteilt. Das Dreierbier (4,5 Vol.%) darf, anders als stärkeres Bier, Wein und Schnaps, in Lebensmittelläden verkauft und Cafeterias ausgeschenkt werden, andere alkoholische Getränke bekommt man in staatlichen Alkoholgeschäften und ausgeschenkt werden sie in Restaurants.
Die keskiolutbaari, die Dreierbierbar, entspricht in etwa der deutschen Kneipe oder dem englischen Pub, allerdings ist sie Treffpunkt der Arbeiter, Arbeitslosen, Rentner und Bauern, die Mittel- und die Oberschicht findet man dort nicht.
Ihr Charme besteht darin, keinen zu besitzen, die meisten Lokale erinnern den Westeuropäer eher an kleinstädtische Discount-Matratzen-Geschäfte kurz vor dem Konkurs.
Numminen (geb. 1940), Sänger, Komponist, Filmemacher, Entertainer und Autor, hat es sich für dieses Buch zur Aufgabe gemacht, innerhalb eines halben Jahres möglichst viele dieser baari aufzusuchen, In 185 Gemeinden hat er 350 Bars besucht, dabei zwischen Lappland, Karelien und den schwedischsprachigen Inseln im Westen mehr als 20.000 Kilometer zurückgelegt.
Resultat ist ein wundervolles Buch, voll von skurrilen Figuren und Geschichten, eine Liebeserklärung an Lokalitäten, die Namen wie Verlanhovi oder Kolma Kukkoa tragen und an die Menschen, die dort verkehren.
„Der Kneipenmann“ liefert Einblicke in die finnische Gesellschaft, die finnische Trinkkultur und den finnischen Sex. Numminen beschreibt, wie er vom Wirt einer Bar selbige zum Kauf angeboten bekommt, er erlebt die nationale Dartmeisterschaft der Frauen und trinkt viele keskiolut, immer mit einem Kaffee und meist noch mit einem Krapfen dazu.
Schlußendlich erfasst er das Wesen der baari „Jetzt verstehe ich, was es ist, warum die Finnen in ihren kleinen Dörfern so eisern an den Dreierbierbars festhalten: Was immer andere auch denken mögen, sie gehen da nicht hin, um schweigend zu saufen, sondern um ihre zwanglose und gesellige Art auszuleben.“
Und der schwedische Gast seufzt „Ich beneide die Finnen“.
„Der Kneipenmann“ wurde bei seinem Erscheinen 1986 in Finnland begeistert aufgenommen, in Rezension wurde das Buch als zweites Nationalepos, als Bier-Kalevala gefeiert. Der Konsum von Dreierbier ist in der Folge sprunghaft angestiegen, keskiolut ist mittlerweile das populärste Getränk in Finnland.
„Der Kneipenmann“ ist erschienen bei Zweitausendeins, momentan allerdings vergriffen.
Erhältlich ist die CD „Numminen sings Wittgenstein“, auf der sich Numminen an der Vertonung von Ludwig Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus“ versucht.
Im 1998 erschienenen Roman „Tango ist meine Leidenschaft“ erzählt Numminen von der finnischen Vorliebe für den Tango, ein unterhaltsamer, lesenswerter Roman.

Raymond Queneau „Zazie in der Metro“


Raymond Queneau „Zazie in der Metro“
Der 1959 erschienene Roman ist ein Großstadtroman, ein Roman über Paris. Zazie, eine kleine Rotzgöre (Beigbeder schrieb über sie „Zazie ist wie Lolita zwölf Jahre alt, vögelt jedoch nicht so viel, auch wenn sie die ganze Zeit ‚am Arsch‘ sagt. ), besucht mit ihrer Mutter Paris. Die Mutter gibt Zazie bei ihrem Onkel Gabriel ab, sie selbst möchte die Zeit in Paris ohne ihre Tochter verbringen. Gleich nach der Ankunft muss Zazie feststellen, dass ihr größter Wunsch, Metro fahren, nicht in Erfüllung gehen wird, diese wird nämlich grad bestreikt. Gabriel nimmt sie mit nach Hause und dort lernt sie Abertine, Gabriels Frau, Turandot, den Besitzer der Kneipe unter der Wohnung, Mado, Kellnerin und Laverdure, den Papagei, der nur einen Satz spricht, nämlich „Du quasselst, du quasselst, das ist alles, was du kannst“, kennen.
Die Figuren könnten grotesker kaum sein, so arbeitet z.B. Onkel Gabriel als Stripperin in einem ‚homosechsuellen‘ Nachtklub. Auf ihren Streifzügen durch Paris, allein oder in Begleitung, lernt Zazie viele weitere Personen kennen, die eins gemeinsam haben: sie sind alle völlig durchgeknallt und irren durch Paris, auf der Suche nach irgendwas, sei es Glück, Erfolg, Geld, Sex oder Liebe.
Der Reiz des Romans liegt nicht allein in der Handlung, der man Queneaus Verbindung zu den Surrealisten deutlich anmerkt. Queneau ist ein Sprachakrobat, ein Virtuose, er wirbelt die Syntax durcheinander dass es eine wahre Freude ist. Ein Großteil des Buches ist in wörtlicher Rede verfasst, ein bunter Mix aus Hochsprache, Anglizismen, Slang und Alltagssprache, von Eugen Helmle wunderbar übersetzt.
Raymond Queneau (* 21. Februar 1903 in Le Havre, † 25. Oktober 1976 in Neuilly bei Paris) gehörte zu den ersten Unterzeichnern des Manifests der Künstlergruppe ‚Pataphysik, die sich auf Alfred Jarry berief und der unter anderem auch Boris Vian angehörte. Später gründete er Oulipo, die „Werkstatt für Potentielle Literatur“, die als Mitglieder u.a. Marcel Duchamp, Italo Calvino, Oskar Pastior und Georges Perec hat (die Mitgliedschaft bleibt auch nach dem Tod bestehen) und die sich zum Ziel gesetzt hatte, durch kreative Beschränkung und selbst auferlegtem Formzwang neue Darstellungsformen zu entwickeln.
Queneau war seit 1951 Mitglied der Akademie Goncourt.
„Zazie in der Metro“ wurde 1960 von Louis Malle verfilmt.
Der Roman wurde vor einigen Jahren in Frankreich auf Platz 36 der fünfzig besten Bücher des 20. Jahrhunderts gewählt und ist sicher der einzige, der mit dem Wort ‚Fonwostinktsnso‘ beginnt.

Gerhard Roth: Der See


Protagonist des am Neusiedler See spielenden Romans ist Paul Eck, der eine Einladung von seinem Vater erhält. Beim Eintreffen ist dieser allerdings spurlos verschwunden. Daraus entspinnt sich eine Geschichte, die an einen klassischen Kriminalroman erinnert, aber weit darüber hinausgeht. Eck kommt einem Waffenschmuggel auf die Spur, es tauchen Leichen auf, der alkohol- und tablettensüchtige Paul Eck trifft diverse zwielichtige Figuren, sein Vater erscheint ihm immer rätselhafter, die Handlungsstränge zerfasern zusehends ohne dass die Spannung abreisst. Auf mehreren erzählerischen Ebenen steht die innere Zerrissenheit des an der Gegenwart scheiternden Protagonisten ebenso im Blickpunkt wie die Gleichgültigkeit und Kälte der modernen österreichischen Gesellschaft.
Ein im Roman geschildertes fehlgeschlagenes Attentat auf einen rechtsgerichteten Politiker löste 1995, dem Erscheinungsjahr des Buches, einen Skandal in Österreich aus, wurde doch eine Parallele der Figur zu Jörg Haider gesehen.
„Der See“ ist Auftakt des „Orkus“ Zyklus, dem auch „Der Plan“, „Der Berg“, „Der Strom“ und „Das Labyrinth“ angehören.
Neben dem „Orkus“ Zyklus gelten „Die Archive des Schweigens“ als Roths Hauptwerk.
Der 1945 in Graz geborenen Roth verwendet in seinen Romanen häufig die Form des Kriminalromans, mittels dessen er die österreichische Vergangenheit und deren Aufarbeitung (ein zentrales Thema der zeitgenössischen österreichischen Literatur) untersucht. Seine Protagonisten sind meist am Leben gescheitert, auf der Flucht vor der Realität, Suchenden, aber keine Findenden.
Gerhard Roth erscheint im S.Fischer Verlag http://www.fischerverlage.de/sixcms/detail.php?template=fv_w…

Marisha Pessl: Die alltägliche Physik des Unglücks



„Die alltagliche Physik des Unglücks“ ist der erste Roman von Marisha Pessl, einer jungen amerikanischen Autorin.
Der geneigte Leser lernt Blue van Meer kennen, ein junges, begabtes Mädchen, das mit ihrem Vater von Provinzuniversität zu Provinzuniversität zieht, nie länger als ein Semester an einem Ort bleibt.
Gareth van Meer, Blues Vater, ist ein brillianter Politologe, den es nach dem Tod seiner Frau nie lange an einem Ort hält und der von den Frauen umschwärmt wird, dessen Beziehungen aber so schnell verglühen wie sie begannen und eine Spur gebrochener Herzen (und Racheschwüre) hinterlassen.
Die einzigen verlässlichen Begleiter in Blues Kindheit und Jugend waren Bücher und Filme, was dazu führt, das Blue uns die Zitate nur so um die Ohren haut. Keine Seite ohne mindestens eine Klammer, die Zitate entstammen dem Kanon der Weltliteratur und der Filmgeschichte, viele sind auch einfach nur erfunden (Kishon wies einmal darauf hin, dass auch der größte Blödsinn als Weisheit aufgefasst wird, wenn man ihn nur mit einem illustren Namen garniert), die Kapitel sind nach großen Romanen benannt, allerdings erschließt sich der Zusammenhang nicht immer .
In ihrem letzten Jahr vor dem College, auf der letzten gemeinsamen Station mit ihrem Vater, findet sie auf recht eigenartige Weise, mit Hilfe von Hannah Schneider, Lehrerin an ihrer Higschool, Zugang zur Clique der „Bluebloods“, einer Ansammlung von exzentrischen Mitschülern, die ihr, nach einem alkoholbedingten Absturz den Namen „Würg“ bzw. „Kotz“ verpassen.
Sie erlebt das, was man in jungen Jahren erlebt, Alkohol, Verliebtheit, Enttäuschung, kurz gesagt: Adoleszenz im Zeitraffer, bisher spielte sich vieles nur in der Phantasie ab.
Die Geschichte plätschert dann eine ganze Weile vor sich hin, die Mitte des Buches ist der größte Schwachpunkt, Pessl braucht ungefähr 300 Seiten, um nach relativ furiosem Beginn wieder Fahrt aufzunehmen, lange Zeit passiert eigentlich nichts.
Im letzten Viertel bekommt die Handlung einen Zug in den Bereich des Kriminalromans. Hannah Schneider begeht während eines gemeinsamen Campingausflugs (vermeintlich) Selbstmord, es gibt einen weiteren mysteriösen Todesfall und in der Vergangenheit von Gareth van Meer finden sich einige dunkle Stellen.
Angereichert wird dies mit der einen oder anderen Verschwörungstheorie, auch wenn hier die Nachvollziehbarkeit nicht immer gegeben ist, wobei dies Verschwörungstheorien eben so an sich haben.
Der Schluß ist überraschend und wird hier selbstverständlich nicht verraten.
„Die alltäglich Physik des Unglücks“ ist nicht der große Wurf, als den ihn Jonathan Safran Foers im Klappentext anpreist (in den USA war der Roman ein veritabler Bestseller, wobei die Tatsache, dass Pessl eine äußerst attraktive Frau ist, sicher nicht geschadet hat), vieles ist nicht ausgereift, der Zitatenwahn wird überreizt und nicht jede der zahlreichen, ja sehr zahlreichen Pointen sitzt.
Pessl versucht (zu) viele Elemente in die 600 Seiten zu pressen, der Roman ist Roadmovie, Krimi, Thriller, Campusroman und Coming-of-age-Geschichte in einem, dabei verirrt sie sich gelegentlich und führt die einzelnen Erzählelemente nur mit Schwierigkeiten, teilweise sehr holprig aus dem Labyrinth wieder ins Freie.
Das Lesen bereitet aber auch über weite Strecken großes Vergnügen, die sich durch das Leben klugscheissernde Blue ist eine überaus sympathische Person, überhaupt liegt in der Entwicklung der einzelnen Figuren eine der großen Stärken von Pessl.
Wenn sie sich beim nächsten Roman daran erinnert, das weniger oft mehr ist, dürfen wir darauf gespannt sein, ein großes Talent ist sie, die Marisha Pessl.

Marisha Pessl: „Die alltägliche Physik des Unglücks“. Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Adelheid Zöfel. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007. 602 S., geb., 19,90 [Euro].

Willem Elsschot: Käse


Frans Laarmans ist der typisch kleinbürgerliche Angestellte, beschäftigt auf einer Werft in Antwerpen, den der Traum vom Aufstieg in höhere Gesellschaftsschichten begleitet. Wie aus heiterem Himmel bekommt er eines Tages durch Mijnheer van Schoonbeeke, einem Freund seines Bruders, das Angebot, für eine große niederländische Firma die Vertretung in Belgien zu übernehmen. Auf die Frage, womit diese Firma handelt bekommt er Käse zur Antwort, „Das geht immer, denn essen müssen die Leute ja doch.“ Geld müsse nicht investiert werden, die Kosten für den Käse würden erst einige Zeit nach der Lieferung beglichen und der Käse verkauft sich von selbst. Laarmans wird Generalvertreter für Belgien und das Großherzogtum Luxemburg, läßt sich krankschreiben und richtet sich zu Hause ein Büro ein, weil man dann keine zusätzliche Miete zu zahlen hat und die Familie das Telefon mitbenutzen kann. Den sozialen Aufstieg vor Augen bestellt er 10.000 Edamer, vollfett. Erst als die Lieferung eintrifft, Gewicht 20 Tonnen, bekommt er erste, leise Zweifel. Ein zusätzliches Problem ist, das Laarmans Käse eigentlich widerlich findet. Man ahnt es, die Sache geht natürlich gründlich schief und als sein Vorgesetzter, Herr Hornstra aus Amsterdam seinen Besuch ankündigt um die Rechnungen zu begleichen, wird Frans Laarmans panisch.
„Käse“ ist ein wunderbarer, kleiner Roman über das Scheitern von Träumen, den verzweifelten Versuch des kleinen Mannes, ein Stück vom großen Kuchen abzubekommen, ein Werk, in dem Tragik und Komik dicht beieinander liegen.
Elsschot beschreibt präzise, wie sich Frans Laarmans durch die Geschäftswelt stümpert, mit welch von vornherein zum Scheitern verurteilten Versuchen er das Geschäft ankurbeln will, ohne das ein Zweifel an der Sympathie, die er für seinen ‚Helden‘ hat, besteht.
Willem Elsschot ist das Pseudonym für Alfons de Ridder, (* 7. Mai 1882 in Antwerpen, † 31. Mai 1960 ebenda), der in Antwerpen eine Werbeagentur führte. In seinem Roman „Leimen“ verarbeitet er seine Erfahrungen in der Werbebranche, ebenfalls ein tragisch-komischer Roman über die zweifelhaften Praktiken eines Werbekaufmanns.
In Deutschland relativ unbekannt, viele Jahre waren seine Romane hier nicht erhältlich, ist Elsschot in Belgien und den Niederlanden ein moderner Klassiker, seine Werke erfreuen sich großer Beliebtheit.
http://www.unionsverlag.ch/info/title.asp?title_id=2250

Mihail Sebastian „Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt – Tagebücher 1935-44“


Die posthum Mitte der neunziger Jahre erschienenen Tagebücher des rumänischen Autors Mihail Sebastian, Verfasser von Romanen, Stücken, Theater- und Literaturkritiken, sind ein eindrucksvolles Zeugnis des langsam, aber stetig anschwellenden Antisemitismus im Rumänien der dreißiger und vierziger Jahre. Sebastian, 1907 in Braila als Sohn jüdischer Eltern geboren, gehörte der sogenannten ‚Jungen Generation‘ um Nae Ionescu, den er als seinen Mentor betrachtete, an, einer Gruppe, die jenseits abgestandener Konventionen die geistige Existenz suchte. Zunächst als unpolitische Gruppierung agierend, beschreibt Sebastian den zunehmenden Antisemitismus und die Begeisterung für den Faschismus, der sich auch zahlreiche Mitglieder, unter anderem Eliade und Ciorin, nicht entzogen.
In seinen Tagebüchern läßt sich der Wandel fast minutiös nachvollziehen. Wie in Deutschland auch sind es erst kleinere Repressalien, dann der Verlust der Einnahmequellen, die dann in Zwangsarbeit, antijüdischen Progromen und ständiger Angst vor Deportation gipfeln. Derartig präzise Beobachtungen und Wiedergabe von Erlebtem, der Versuch, geistig nicht abzusterben stellen „Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt“ in eine Reihe mit den Tagebüchern von Victor Klemperer.
Neben all dem Schrecken gibt es aber auch immer wieder Momente privaten Glücks, Sebastian ist schönen Frauen ebensowenig abgeneigt wie diese ihm, auch wenn seine Liebe zur Schauspielerin Leni Caler, die ihn während des gesamten Zeitraums durch Höhen und Tiefen führt, letztendlich unerfüllt bleibt.
Die Tagebücher sind aber auch als ‚Werkstattprotokoll‘ von Interesse, sie geben Einblick in den Schaffensprozeß von Sebastians literarischer Arbeit, von den Schwierigkeiten, der Erleichterung nach Beendigung eines Werkes.
Mihail Sebastian wird nicht deportiert, Rumänien hatte davon Abstand genommen, die Juden aus dem Altreich zu deportieren, ein Glück, dass die Juden in Bessarabien, der Bukowina und Transnistrien nicht hatten, er stirbt aber 1945 bei einem Autounfall.
„Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt“ ist bei Claassen erschienen:
http://www.ullsteinbuchverlage.de/claassen/buch.php?id=5421&…