Streifzug durch die Frühjahrsprogramme 2015, Teil 3


Welche Titel ich genauer anschauen werde:

Jan Brandt: Tod in Turin (Dumont)

Marc Degens: Fuckin Sushi (Dumont)

Kathrin Spoerr / Britta Stuff: Nach Feierabend (Dumont)

Lukas Hartmann: Auf beiden Seiten (Diogenes)

Emrah Serbes: Deliduman (binooki)

Heðin Brú: Vater und Sohn unterwegs (Guggolz Verlag)

Gerhard Gäbler: Zeit ohne Wiederkehr. Fotografien aus der DDR (Mitteldeutscher Verlag)

Winfried Völlger: Das Windhahn-Syndrom (Mitteldeutscher Verlag)

Tonio Walter: Am sechsten Tag (Schöffling)

Streifzug durch die Frühjahrsprogramme 2015, Teil 2


Welche Titel ich genauer anschauen werde:

Isabell Straub: Das Fest des Windrads (Blumenbar)

Tao Lin: Richard Yates (Luxbooks)

Percival Everett: Ich bin nicht Sidney Poitier (Luxbooks)

Andre Herrmann: Klassenkampf (Voland & Quist)

Elias Hirschl: Der einzige Dorfbewohner mit Telefonanschluss (Milena)

Thomas Raab: Die Netzwerk-Orange (Luftschacht)

Dietmar Dath: Venus siegt (Hablizel)

Hans Joachim Schädlich: Narrenleben (Rowohlt)

Rachel Kushner: Flammenwerfer (Rowohlt)

Tex Rubinowitz: Irma (Rowohlt)

Stefan Gärtner: Putins Weiber (Rowohlt Berlin)

Hans-Ulrich Obrist: Kuratieren (C.H. Beck)

Jochen Rausch: Rache (Berlin Verlag)

Inger-Maria Mahlke: Wie ihr wollt (Berlin Verlag)

Thomas Wendrich: Eine Rose für Putin (Berlin Verlag)

Alex Bellos: Warum die Elf hat, was die Zehn nicht hat (Sachbuch, Berlin Verlag)

Louis Calaferte: Requiem für die Schuldlosen (diaphanes)

Carl Nixon: Lucky Newman (Weidle Verlag)

Anke Stelling: Bodentiefe Fenster (Verbrecher Verlag)

Éric Vuillard: Kongo (Matthes & Seitz)

Frank Witzel: Die Erfindung der Rote Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 (Matthes & Seitz)

Thomas Macho: Schweine (Naturkunden bei Matthes & Seitz)

Streifzug durch die Frühjahrsprogramme 2015, Teil 1


Welche Titel ich genauer anschauen werde:

Manuel Jorge Marmelo: Eine tausendmal wiederholte Lüge (A1)

Barbara Honigmann: Chronik meiner Straße (Hanser)

Annika Reich: Die Nächte auf ihrer Seite (Hanser)

W.G. Sebald: Logis in einem Landhaus (Hanser)

Teju Cole: Jeder Tag gehört dem Dieb (Hanser Berlin)

Péter Esterházy: Die Mantel-und-Degen-Version (Hanser Berlin)

Richard Schuberth: Chronik einer fröhlichen Verschwörung (Zsolnay)

Antonia Baum: Ich wuchs auf einem … (Hoffmann & Campe)

Thomas Brussig: Das gibt’s in keinem Russenfilm (Fischer)

Ulrich Zieger: Durchzug eines Regenbands (Fischer)

Sarah Thornton: 33 Künstler in 3 Akten (Sachbuch, Fischer)

Valerie Fritsch: Winters Garten (Suhrkamp)

Andreas Maier: Der Ort (Suhrkamp)

Uwe Nettelbeck: Prozesse (Sachbuch, Suhrkamp)

Technischer Totalitarismus (edition Suhrkamp)

Vea Kaiser: Makarionissi (KiWi)

Leif Randt: Planet Magnon (KiWi)

Bruno Preisendörfer: Als Deutschland noch nicht Deutschland war (Galiani)

Peter Richter: 89/90 (Luchterhand)

Christiane Neudecker: Sommernovelle (Luchterhand)

Kristine Bilkau: Die Glücklichen (Luchterhand)

Steffen Kopetzky: Risiko (Klett Cotta)

David Whitehouse: Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek (Tropen)

Thomas Asbridge: Die Kreuzzüge (Sachbuch, Klett Cotta)

Gedanken zum Mauerfall


Ich habe keine Erinnerungen an den 9. November 1989. Es muss ein Tag wie so viele andere gewesen sein, ein Tag, an den man sich nach 25 Jahren einfach nicht mehr erinnert. Der 9. November war immer der Tag vor Muttis Geburtstag. Irgendwann bin ich schlafen gegangen. Ich habe es schlichtweg verpennt. Natürlich ahnte ich auch einen Tag später noch nicht, welche Bedeutung der 9. November für mein weiteres Leben haben sollte.

Ich gehöre zu den Glücklichen. 1989 war ich 14. Ein Alter, in dem man die DDR noch bewusst erlebt hat, ein Alter aber auch, in dem das System DDR noch keinen entscheidenden Einfluss auf die eigene Zukunft nehmen konnte. Ich war nicht Mitte 20, mit einem frischen Studienabschluss in einem Fach, dass mir zugewiesen wurde und für das es auf einmal keine berufliche Perspektive mehr gab. Ich war auch nicht Ende 40, hatte mich nicht mit Überzeugung in meinem Leben eingerichtet und musste nicht verarbeiten, wie aus richtig auf einmal falsch wurde.

Ich weine der DDR keine Träne nach. Mein Leben ist um so vieles schöner, als es in der DDR hätte sein können.

Ich lebe in Hannover, hier ist mein Zuhause. Als ich vor knapp acht Jahren nach Hannover gezogen bin, kannte ich fast niemanden. Heute bin ich mit vielen tollen Menschen befreundet. Dass ich aus dem Osten komme, hat hier nie eine Rolle gespielt, weder positiv noch negativ, obwohl meine Frau und ich die Einzigen im Freundeskreis sind, die in der DDR geboren wurden. Ich bin damals auch nicht vom Osten in den Westen gezogen, sondern von einer Stadt in eine andere. Wenn wir uns in der Kneipe abends über unsere Kindheits- und Jugenderinnerungen unterhalten, werfe ich immer mal wieder ein „Wir hatten ja nichts!“ in die Runde, und meine Freunde tun dann so, als ob sie das auch beim 500. Mal noch lustig finden. Es sind halt tolle Freunde.

Heimat aber ist woanders. Heimat ist Dessau, Heimat ist Anhalt. Da sind meine Wurzeln, da bin ich aufgewachsen und dahin komme ich immer wieder gern zurück. Für ein paar Tage. Leben möchte ich dort nicht mehr.

Wenn man mich heute fragen würde, was an mir typisch ostdeutsch sei – ich wüsste keine wirkliche Antwort. Natürlich bewundere ich, wie alle anderen in der DDR Geborenen, die Fähigkeit manches Altbundesrepublikaners, genau zu wissen, wie er sich in der DDR hätte verhalten, nämlich mutig und aufrecht. Die Begabung, eine Situation zu beurteilen, in der man selber nie war, geht mir ab. Aber reicht das, um es als „typisch ostdeutsch“ zu klassifizieren?

Ich spreche keinen Dialekt, zumindest keinen sehr ausgeprägten, auch wenn ich die Herkunft von Anhaltern mit heimatlichem Sprachklang auf ungefähr 20 Kilometer genau verorten kann. Auch viele Jahre in Leipzig sind sprachlich spurlos an mir vorbeigegangen, wenn ich zu sächseln versuche, klingt das, als versuchte jemand, sächsisch zu parodieren, der dafür aber null Talent hat.*

Die DDR war ein Unrechtsstaat. Und sie bleibt auch dann ein Unrechtsstaat, wenn einzelne Gesetze durchaus liberal waren; so die Tatsache, dass es in der DDR Frauen weit vor 1977 erlaubt war, ohne Erlaubnis ihres Ehemannes arbeiten gehen zu dürfen und es bereits seit 1972 eine Fristenlösung zur Schwangerschaftsunterbrechung gab. Wer die DDR nicht als Unrechtsstaat betrachtet, betreibt Geschichtsklitterung.

Trotzdem hatte ich eine schöne Kindheit. Ostalgie ist dumm, sentimental auf die Kindheit zurückblicken ist es nicht.

Vor einigen Wochen erschienen in der Zeit eine Reihe von Artikeln, geschrieben von Ostdeutschen, alle ungefähr zehn Jahre jünger als ich. Ich habe mich nicht in vielen Texten wiedererkannt. In Erinnerung geblieben ist mir aber der Beitrag  „Erinnert euch!“ von Bettina Malter. Der Text dreht sich um den Satz „Unsere gemeinsame Erinnerung ist zutiefst westdeutsch.“ Bettina Malter hat mit jeder** Zeile recht. 25 Jahre nach dem Mauerfall drohen die Erinnerungen der Ostdeutschen zu verschwinden. Nicht die Erinnerungen an das politische System, sondern die Erinnerungen an Bücher, Filme und Musik, mit denen man in der DDR aufgewachsen ist. Malter fragt, warum Reinhard Lakomy nicht ebenso groß beerdigt wurde wie Otfried Preußler. Spiegel online war Lakomys Tod zehn knappe Zeilen wert. 2010 starb Helga Göring, als Schauspielerin hatte sie in der DDR einen Bekanntheitsgrad, der dem von Inge Meysel in der Bundesrepublik entsprechen dürfte. Spiegel online fand das nicht erwähnenswert, wie auch die meisten anderen überregionalen Zeitungen. Diese Ignoranz ist respektlos, aber vermutlich werden sich Spiegel, Stern, FAZ und Co. auch weiterhin die Frage stellen, warum sich die SUPERillu im Osten besser verkauft als alle genannten zusammen.

Anne Wizorek schreibt in derselben Zeit-Ausgabe, dass ihr Feminismus ostdeutsch ist. Feminist bin ich auch. Und Atheist. Vielleicht ist es ja typisch ostdeutsch, das Konzept Religion wenig überzeugend zu finden. Zumindest gehören die fünf neuen Bundesländer zu den atheistischsten Regionen der Welt. Daran kann ich nichts Schlechtes finden.

*Edit: E. wies mich drauf hin, dass ich aber „um Acht“, „halb Acht“ und „viertel Acht“ sage. Es ist tatsächlich etwas anstrengend, sich immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass vor allem bei die letzten beiden fast nie verstanden werden und man stattdessen „viertel nach“ und „viertel vor“ sagen muss.

**Wobei: Eine ungarische Wurstsuppe habe ich in Hannover ebenso wenig auf einer Speisekarte gefunden wie eine Soljanka (ein Wort übrigens, das mir die Rechtschreibkontrolle meines Schreibprogramms als unbekannt unterstreicht).