Jodie sieht an der einen Stelle fast nackt aus


Mit Jochen Schmidt ins Ferienlager

 

schmidt coverMit 14 steht einem die Welt offen, auch wenn es nur die kleine Welt der DDR ist, die höchstens bis zum Balaton reicht, in der ein Ausflug in die CSSR schon den Hauch von Exotik und Abenteuer verströmt. Die Sommerferien dauerten zwei volle Monate, und der Aufenthalt im Ferienlager gehörte zum Standardprogramm. Zumindest für die Jüngeren, mit 14 durfte man ein letztes Mal. 14 ist auch das Alter von Jens, Protagonist in Jochen Schmidts Roman „Schneckenmühle“, so der Name des Ferienlagers in Sachsen, dass auch der Autor Jochen Schmidt besucht hat. Jeder größere Betrieb unterhielt ein eigenes Ferienlager für die Kinder der Werktätigen, Schneckenmühle war das Ferienlager der Akademie der Wissenschaften. Gleichwohl legt Schmidt Wert darauf, dass er keinen autobiographischen Roman verfasst hat.

Es ist ein besonderer Sommer, aber davon ahnen Jens und die anderen noch nichts oder nicht viel, es ist der Sommer 1989. Die sich andeutenden politischen Umwälzungen spielen vorerst nur am Rande eine Rolle, zwei Mitarbeiter des Ferienlagers sind eines Tages verschwunden, es heißt, sie hätten sich nach Ungarn in die Botschaft der BRD abgesetzt. Viel wichtiger sind aber die klassischen Beschäftigungen, die so in jedem Ferienlager stattfanden. Tischtennis, vor allem in der Variante Chinesisch, Skat, als Höhepunkte die Nachtwanderung, die Diskos und das abschließende Lagerfeuer. Und natürlich erste zaghafte Erfahrungen mit Alkohol und die Bungalows der Mädchen, inklusive der Waschräume.

Schneckenmühle“ ist kein Roman mit einer sonderlich stringenten Handlung, das Erzählte lebt von Abschweifungen und Gedanken, der Alltag im Ferienlager gestaltet sich zunächst recht geruhsam, zumindest so geruhsam, wie es in einer Gruppe von Kindern und Jugendlichen sein kann. Erst nachdem Jens Peggy begegnet, spannt sich der Erzählbogen. Peggy ist Außenseiterin, irgendwie komisch und einzige Sächsin unter lauter Berliner Gören, deren Arroganz DDR-weit Legende war. Trotz ihres Außenseitertums fühlt sich Jens zu Peggy hingezogen, auch wenn er sich das Warum nicht so recht erklären kann. Als Peggy vor dem Mobbing der anderen ausreißt, werden der schüchtern-naive Jens und das Mädchen zu Verbündeten, in der Folge kommt es auch zu einer anrührenden Roadmovie-Geschichte.

Jochen Schmidt war Mitbegründer der Berliner Lesebühne „Chaussee der Enthusiasten“ und die Lesebühnenerfahrung schimmert immer wieder im Text durch, die hohe Pointendichte ist kennzeichnend. Flach wird’s nur dann, wenn die Erinnerung all die flachen Witze („Tod durch Bongo Bongo“ oder der mit dem Maiskolben, „Hm, mit Butter!“) und Bezeichnungen hervorbringt, die 14-Jährige nun mal so raushauen. Und davon gibt es einige, die meisten werden nur angedeutet, der Leser kennt sie ja alle (fast zumindest, welches Essen sich hinter dem Begriff „Kinderpuller“ verbarg, traut man sich auch nicht zu googeln). Wenn er denn eine Vergangenheit in der DDR hat, wie der Rezensent. Der war nämlich im Sommer 1989 ebenfalls 14, ebenfalls zum letzten Mal im Ferienlager, genauer im Pionierlager Graal-Müritz. Und natürlich hat man damals dieselben Unterhaltungen geführt, die Pubertierende eben so führen, in der Mischung aus Halbwissen, Klugscheißen, Sexismus, Mythen und Unbedarftheit, mit der Chuzpe, die man aufbringt am Übergang zwischen Kindheit und Erwachsenwerden, denn „In allem, was uns betrifft, sind wir ihnen [den Erwachsenen] von Natur aus überlegen“. Alle wussten, dass, „wenn man bei Colt Seavers auf Schwarz-Weiß dreht“, Jodie „an der einen Stelle fast nackt“ aussieht, auch wenn das irgendwie nie funktionierte, so sehr man auch drehte. Auch wir verzogen in der Disko angewidert das Gesicht, wenn ein Lied „von hier“ gespielt wurde und sangen an der Stelle „Deutschland, Deutschland, (mehr…)

Keine Lust auf Wirtschaftswunder. Ralph Dohrmanns Debütroman “Kronhardt”


kronhardtAuf rund 920 Seiten mal eben die gesamte bundesrepublikanische Geschichte abhandeln, dazu noch die große Weltgeschichte und ein paar Ausflüge zurück ins Kaiserreich und zu den Nazis. Man kann nicht behaupten, dass es Ralph Dohrmann mit seinem ersten Roman klein angehen lassen hat. Das Ergebnis ist allerdings nur in Teilen gelungen.

Als einziger Erbe eines Bremer Stickereiunternehmens wird Willem Kronhardt in den frühen fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts geboren. Sein Vater starb früh während einer gemeinsamen Bootsfahrt, Willem hat dies nie verwinden können. Seine geschäftstüchtige, kontrollbesessene Mutter heiratet den Bruder des Vaters, gemeinsam richten sie Willems Erziehung auf die spätere Übernahme der Firma aus. Bereits in der Grundschule wird Willem dazu verdonnert, mit Kindern zu spielen, deren Eltern nützlich fürs Geschäft sind, seine Kreise soll der Junge in der Bremer Upperclass ziehen. Da passt es nicht ins Erziehungskonzept von Mutter und Stiefvater, beide noch in der Gedankenwelt und im Vokabular der Zeit, in der die Stickerei eifrig Hakenkreuze stickte, dass Willem so gar keine Ambitionen zu einer Karriere im Wirtschaftswunderland hat, lieber mit seinem nicht standesgemäßen Freund Schlosser die Umgebung, später auch die Frauen erkundet. Willem entwickelt im Laufe der Zeit eigene Mechanismen, um sich Freiräume zu schaffen, indem er sich scheinbar mit den Erwartungen arrangiert, diese aber immer wieder unterläuft. Eigentlich Naturwissenschaften studieren wollend, nimmt er ein Betriebswirtschaftsstudium auf, sein eigentliches Engagement gilt aber der einen oder anderen Affäre. Mit Schlosser verbringt er einige Zeit in Berlin – wir befinden uns mittlerweile am Ende der 60er Jahre –, er lernt das Leben in einer Kommune kennen. Allerdings sind ihm extreme Ansichten suspekt und zu anstrengend, Willem strebt eine Existenz als Oblomow des 20. Jahrhunderts an, ohne dessen tragische Züge freilich. Da passt es auch ganz gut, dass sich Willems Zeugungsunfähigkeit herausstellt, was ihn von der Pflicht der Nachkommenschaft befreit. In Barbara findet er seine kongeniale Frau fürs Leben, sie bringt den Ehrgeiz mit, die Geschäfte des Familienunternehmens den sich wandelnden Anforderungen anzupassen und sie prosperieren zu lassen. „Kronhardt“ lässt sich auch als Kapitalismusgeschichte der BRD lesen. Willem Oblomow hingegen richtet sich bequem in einer Halbtagsexistenz als Firmenerbe ein, während er den Rest des Tages überwiegend auf dem Sofa liegend mit der Lektüre naturwissenschaftlicher Magazine verbringt. All dies spielt sich vor dem Hintergrund der bundesdeutschen Geschichte ab, die immer wieder ins Leben der Protagonisten rein drückt. Zudem ist es ein Sittenbild der unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, flankiert von zahlreichen Personen, die zwischen Karikatur, Typen und Charakteren wechseln, wichtigen und weniger wichtigen. Sie tauchen auf, viele verschwinden ebenso schnell wieder und selbst Schlosser fliegt ab nach Mexiko und ward nie wieder gesehen.

Hätte Ralph Dohrmann seinen Roman nach reichlich 500 Seiten beendet, (mehr…)

Von Stinktieren und anderen großen Lieben. Justin Courter “Skunk”


Von Zeit zu Zeit stößt man auf einen Roman, der den Leser noch zu überraschen vermag. Überraschen durch ungewöhnliche Abhandlung der klassischen Themen der Literatur – Liebe, Rausch, Isolation, Selbstfindung.

Überrascht war auch Markus Hablizel, als er vor einigen Jahren zufällig auf Justin Courters Romandebüt „Skunk – A love story“ stieß. Und begeistert; derart begeistert, dass er kurzerhand einen eigenen Verlag gründete, um „Skunk“ in Deutschland zu veröffentlichen. Im letzten Herbst ist der Roman – bisher eher unbeachtet – in der sehr lebendigen Übersetzung von Stephan Glietsch erschienen.

Skunk“ ist ein schwarzhumoriger, liebevoll misanthropischer, freakiger Suchtroman, ein Aufeinandertreffen durchgeknallter Charaktere, eine selbst gewählte Robinsonade.

Es gibt Vorlieben, die das Leben in der Gesellschaft schwer machen. Die Vorliebe für Stinktiersekret gehört zweifelsohne dazu, wenn man in einem Vorort an der Ostküste wohnt.

Das Alleinsein stört Damien Youngquist, Werbetexter in seinen Dreißigern, nicht, ist er doch sowieso ein Einzelgänger, dem Kollegen, neugierige Nachbarn und andere Nervensägen ein Graus sind. Er möchte seine Ruhe, den Kontakt zur Außenwelt auf das Nötigste beschränken und sich ganz seiner Familie widmen. Diese besteht aus Homer, Louisa und ihren Kindern, allesamt Skunks. Denn eines Tages hatte Damien beschlossen, sich einen eigenen Skunk anzuschaffen. Jahrelang hatte ihn der Skunkgeruch zaghaft umworben, es schien an der Zeit, seinem Verlangen nach dem Analdrüsensekret, dem – wie Damien es nennt – Moschus, nachzugeben. Er lernt, seine Stinktiere zu melken und die Flüssigkeit in Gläsern zu konservieren. Mit seinem Arbeitgeber vereinbart Damien, von zu Hause aus zu arbeiten, Homer und Louisa fühlen sich wohl bei ihm, das Leben könnte für einen Stinktierfetischisten kaum angenehmer sein. Dann lernt er noch Pearl kennen, Einzelgängerin wie er, Meeresbiologin mit einer Vorliebe für Fisch und dessen Geruch. Es entspannt sich eine zarte Liebe mit robustem Geschlechtsverkehr.

Dann gerät sein Leben aus den Fugen. Homer und Louisa werden getötet und Pearl verschwindet. Damien lässt sein altes Leben hinter sich und kauft sich eine Farm mit Blockhütte tief im Mittleren Westen. In der Abgeschiedenheit versucht er, mit ökologischem Landbau als Selbstversorger über die Runden zu kommen, ungestört von seinen Mitmenschen. Er hält sich eine erkleckliche Anzahl Stinktiere, und nach anfänglichen Schwierigkeiten scheint es mal wieder, als würde Damien seinen Frieden finden. Dem ist natürlich nicht so. Lokale Hinterwäldler – eine derart präzise Zeichnung der Figur des Redneck war zuletzt in Joey Goebels „Heartland“ zu lesen -, Junkienachbarn, Tierschützer und die Staatsgewalt dringen ein, Pearl taucht schwanger wieder auf und Damien bekommt die Nebenwirkungen seiner Sucht zu spüren, er erblindet langsam.

Skunk“ steht in einer erzählerischen Tradition, in der sich Realismus und Absurdität auf gleicher Höhe begegnen. Wenn im Klappentext vom kauzigen Cousin John Irvings zu lesen ist, dann ist dies nicht zu hoch gegriffen. Wie Irving auch vermag es Courter, das Groteske einzuflechten, ohne die Imagination des Glaubhaften zu verlassen.

Bei allen Reminiszenzen findet „Skunk“ jedoch seinen ganz eigenen Weg, der es mehr als verständlich macht, dass dafür eigens ein Verlag gegründet wurde. Viele Leser sind ihm zu wünschen.

SKUNK
Justin Courter

Roman

Aus dem amerikan­ischen Englisch übersetzt von Stephan Glietsch

Broschur
416 Seiten
18,90 Euro (D)
ISBN 978-3-941978-09-6

Erschienen bei Hablizel.

Meine Lieblingsbücher der ersten Jahreshälfte 2011


Es ist wieder an der Zeit, einen Rückblick auf das erste Bücherhalbjahr zu werfen.

Komischstes Buch: Sven Regener: Mein Jahre mit Hamburg-Heiner

 

zeitgenössische Belletristik: Rafael Horzon: Das weisse Buch

Es könnte auch in der Kategorie drüber stehen, die Geschichte eines Tausendsassas, voller abstruser Ideen. Eine Akademie wird gegründet, ein Apfelkuchengeschäft, ein Möbelladen, in dem es nur Regale zu kaufen gibt. Außerdem entwirft Horzon den Plan, durch Fassadenverschalung zur Stadtverschönerung beizutragen, handelt sich dabei Ärger mit seinem Vermieter ein. Schön erzählte (in Teilen) fiktionale Autobiographie eines Künstlers, der alles, nur kein Künstler sein will.

Erschienen bei Suhrkamp

 

 

Krimi: Tony O’Neill: Sick City

 

Sachbuch: Lentes/Roth (Hrsg.) Im Bahnhofsviertel. Expeditionen in einen legendären Stadtteil

Umfassendes, vielschichtes Porträt des Frankfurter Banhofviertels. Der Band versammelt Beiträge von Autoren wie Jakob Arjouni und Martin Mosebach, klärt über Mythen der Laufhausprostitution auf, erinnert an die Zeit, als das Viertel die Zentrale des deutschen Pelzhandels war. Eine liebevoll-kritische Topologie, reich bebildert. Auch für Nicht-Frankfurter.

Erschienen im B3-Verlag

 

 

Wiederkehrendes Ärgernis

Das immer wieder vergebliche Warten auf eine Spiegel-Bestsellerliste, von deren Top-Ten-Titeln ich nicht nur einen oder zwei lesen möchte. Und damit das vergebliche Warten darauf , dass sich Qualität besser verkauft als am Reißbrett entworfene Dutzendware.

Und eure Favoriten?

Das Rauschen der Diskurse. Wolfgang Frömberg “Spucke”


Dereinst galt »Spex« als führende Musikzeitschrift, deren Themen weit jenseits des Mainstreams lagen. Autoren wie Diedrich Diederichsen machten »Spex« zu einem einflussreichen theoriebildenden und debattenstiftenden Blatt, das untrennbar mit der Entwicklung der Popliteratur verbunden war. 2006 beschloss der Inhaber Alexander Lacher den Umzug des Magazins von Köln nach Berlin, dem sich die gesamte Redaktion widersetzte, die daraufhin entlassen wurde. Wolfgang Frömberg war letzter Literaturredakteur vor dem Umzug. In »Spucke« erzählt er, nur wenig verklausuliert, so wird aus »Spex« (auch Verleger Markus Hablizel schrieb für »Spex«) »Spucke«, aus Wolfgang Frömberg wird Walter Förster, von dieser Zeit. Und dreht dabei noch mal am ganz großen diskursiven Rad.

Die eigentliche Handlung ist schnell erzählt. Journalist in finanziellen Dauerschwierigkeiten, pendelt zwischen diversen Lokalitäten. Wir erfahren von seiner Tochter, von zahlreichen Wohnungen, in denen er lebte, von einem London-Aufenthalt und von seinem Vater. Das alles wird in Rückblenden und Einsprengseln in anekdotischer Form erzählt.

Eigentlich aber ist »Spucke« eine Reflexion und Abrechnung einer Ära, die mit Sigmar Gabriels Ernennung zum »Popbeauftragten der Bundesregierung« ihr Ende fand. Meta-Ebene folgt auf Meta-Ebene, die Diskurse rauschen. Es geht um die Nation, um Blumfeld, um das Aufgreifen von Pop durch den herrschenden Diskurs, es geht ums große Ganze, um das, was mal war, was ist und wie es hätte werden können. Lacan trifft auf Bret Easton Ellis und Marcel Bayer auf Lou Grant. »Spucke« ist ein blitzgescheiter Roman, dessen ständige Gedankenwirbel den Leser fordern. Walter Förster versucht im Laufe des Romans immer wieder, Roland Barthes »Lust am Text« zu lesen, aber ständig hält ihn etwas davon ab. Der Aufsatz von Barthes trifft im Kern die Aussage, dass sich der Leser dem Text vollständig hingeben muss. Hingeben muss man sich auch »Spucke«. Man wird es nicht bereuen.

Wolfgang Frömberg
Spucke
Roman
Hablizel Verlag
ISBN 978-3-941978-00-3
224 Seiten
14,90 EUR
28,00 CHF

Erschienen bei Hablizel

Leseprobe

Annäherung durch Verzicht auf Authentizität – Maxi Obexers Flüchtlingsroman „Wenn gefährliche Hunde lachen


Obexer erzählt die Geschichte von Helen, einer 20-Jährigen, die sich von Lagos aus durch die Sahara nach Tanger durchschlägt, dort auf ein Boot nach Europa wartet. Nach der Ankunft in Spanien entgeht sie der drohenden Abschiebung durch erneute Flucht nach Deutschland. Dort angekommen wartet sie auf den Bescheid über Abschiebung oder Bleiberecht. Den Weg nach Deutschland rekonstruiert die Autorin anhand der Berichte zahlreicher Flüchtlinge, bei der Recherche stand ihr die Organisation „Woman in Exile“ zur Seite. Detailliert, fast dokumentarisch wird der Weg durch die Wüste beschrieben, die Gefahren durch Schlepper, die den Flüchtlingen alles abnehmen, was sie besitzen. Wer nicht immer wieder zahlt, wird zurückgelassen, verdurstet und verhungert. Frauen, auch Helen, müssen sich prostituieren, um zu überleben, im Laufe der Zeit verliert die Protagonistin jegliches Vertrauen in andere. Das Europa, das die Flüchtlinge erreichen, ist nicht das erhoffte Europa, statt Freiheit wartet wieder das Gefängnis in Form von Abschiebelagern auf sie. Helen erreicht das Gelobte Land als gebrochener Mensch, ihre Zukunft ist ungewiss.

Es gibt Romane, die man sich selbst nicht zur Lektüre ausgesucht hätte. Obexers Roman ist einer dieser. Die Nachrichten von den Tragödien, die sich Tag für Tag im Mittelmeer und auf dem Atlantik abspielen, die Bilder der Auffanglager auf Lampedusa oder in Spanien bieten genügend Stoff für schlechte Bücher, für Betroffenheitskitsch, für einen politisch korrekten, aber hölzernen Plot. Ein Stoff, der in der Reportage besser aufgehoben scheint als im Roman.

Nun kam der Roman aber doch auf den Tisch des Rezensenten. Zum Glück, denn „Wenn gefährliche Hunde lachen“ ist ein gutes Buch.

Der Roman ist (mehr…)

Künstlerfreundschaft im Exil. Klaus Modicks Roman „Sunset“ über die Freundschaft zwischen Brecht und Feuchtwanger


BERTOLT BRECHT GESTORBEN STOP BITTEN UM IHRE TEILNAHME AM STAATSAKT SONNABEND 18 AUGUST IM THEATER AM SCHIFFBAUERDAMM

DR HC JOHANNES R BECHER MINISTER FUER KULTUR

Dieses Telegramm erreicht Lion Feuchtwanger am 17. August 1956 in seinem Haus in Pacific Palisades, Kalifornien und erschüttert den Autor zutiefst. Weil Brecht sein Freund war, der einzige Freund, eine Freundschaft, während der Feuchtwanger, der international erfolgreiche Romanautor, den 14 Jahre jüngeren Brecht förderte, unterstütze, mit ihm zusammenarbeitete. Beeindruckt von der Ehrlichkeit des jungen Brechts, der ihn 1919 in seiner Münchner Wohnung aufsuchte, ihm sein Stück „Spartakus“ – das später den Titel „Trommeln in der Nacht“ bekommt – vorlegt und unverblümt zugibt, er, Brecht, habe ihn aufgesucht, weil Sie Erfolg haben, in München einflussreich sind und über die notwendigen Beziehungen verfügen. Durch Feuchtwangers Mithilfe wird „Trommeln in der Nacht“ 1922 in München uraufgeführt.

Daraus erwächst eine Künstlerfreundschaft, in der sich der Handwerker Feuchtwanger und das Genie Brecht, ein Gegensatzpaar, gegenseitig befruchten. Immer wieder hilft Feuchtwanger dem stets finanziell klammen Brecht, lädt ihn in den Puff ein, sie streiten sich und vertragen sich. Der Ältere gibt sich versöhnlich und nachsichtig dem hitzigen Naturell Brechts gegenüber.

Das Telegramm mit der Nachricht vom Tod Brechts ruft Erinnerungen an die Freundschaft hervor, an Stationen und Ereignisse. In Rückblenden beschreibt Klaus Modick, der über Lion Feuchtwanger promovierte, den Werdegang zweier Literaten, von denen der eine zu Lebzeiten finanziell abgesichert und weltberühmt, in der Literaturgeschichte hinter dem Dramatiker und Lyriker Brecht einen geringeren Stellenwert einnimmt.

Brecht und Feuchtanger stehen auch exemplarisch für die Schicksale von Künstlern, die nach 1933 emigrieren mussten. Los Angeles und vor allem Pacific Palisades war der zentrale Ort, an dem sich Literaten wie Heinrich und Thomas Mann, Alfred Döblin, Vicky Baum oder Leonhard Frank nach ihrer Flucht aus Deutschland und Europa versammelten. Heimatlos geworden, aber in durchaus unterschiedlichen Verhältnissen lebend. Thomas Mann und Feuchtwanger konnten ein finanziell sorgenfreies Leben führen, beider Bücher verkauften sich weltweit, sodass der Verlust der Einnahmen aus Deutschland nur eine untergeordnete Rolle spielte. Andere, wie Brecht oder Heinrich Mann, waren auf finanzielle Unterstützung angewiesen und trugen schwer daran, (mehr…)

Glücksfall für das Genre. Hilary Mantels historischer Roman „Wölfe“


Der historische Roman als Genre ist ein Tummelplatz von Belanglosigkeiten, Dutzendware nach Schema F verfasst; ein Genre, in dem Huren wandern und die Feuerbraut feuert, in dem es  von tugendhaften, emanzipierten Jungfrauen und heldenhaften Jungmännern wimmelt, platte Charaktere und wieder aufgewärmte und kopierte Plots – kurz: Es ist ein Genre des Grauens; und da sind die meist scheußlichen Cover nicht mal einbezogen.

Selten, sehr selten findet sich in diesem Brei etwas wirklich Lesenswertes.

Hilary Mantels „Wölfe“ ist einer dieser seltenen Romane, der sich nicht um die selbst abgesteckten ästhetischen Grenzen und vorgefertigten Plotfade des Genres kümmert.

In dem 2009 mit dem Booker Prize – wichtigster Literaturpreis Großbritanniens – ausgezeichneten Roman wirft Mantel ein neues Licht auf die Figur Thomas Cromwell.

In der englischen Geschichtsschreibung und den darauf basierenden literarischen und filmischen Umsetzungen, zuletzt in der – sehenswerten – Serie „Die Tudors“, ist Thomas Cromwell die Verkörperung des skrupellosen, intriganten, eiskalten Machtmenschen, unter dessen Federführung die katholische Kirche in England durch die Suprematsakte zerschlagen wurde, die Klöster enteignet und zerstört wurden. Er war treibende Kraft bei der Durchsetzung der Suprematsakte, durch die Heinrich VIII. Oberhaupt der anglikanischen Kirche werden konnte, Grundlage für die Scheidung von Katharina von Aragon und die Hochzeit mit Anne Boleyn.

Als Nachfolger von Lordkanzler Thomas More fällt in seine Amtszeit die Verurteilung und Hinrichtung Thomas Mores, des Autors von „Utopia“, die Cromwells und Mores Bild für die Nachwelt prägten. More, der den Eid verweigerte, der ihn verpflichtet hätte, die Scheidung Heinrichs und die Legitimität der Nachkommen aus der Ehe mit Anne Boleyn anzuerkennen, ging in die Geschichte als aufrechter Märtyrer ein, wird heiliggesprochen, vergessend, dass er sich während seiner Amtszeit durchaus Mitteln wie Folter und Hinrichtungen bediente, um das Ausbreiten der Reformation in England zu verhindern. Cromwell hingegen galt seinen Zeitgenossen als der Sendbote des Teufels, ein Bild, für dessen Überlieferung zeitgenössische Geschichtsschreiber sorgten.

„Wölfe“ – im Original „Wolf Hall“, hervorragend übersetzt von Christiane Trabant – wagt sich an die Zerstörung des überlieferten Bildes, deutet fast radikal – aber nachvollziehbar – um.

Im ersten Kapitel begegnen wir dem sehr jungen Cromwell, der von seinem Vater, einem Bierbrauer, brutal verprügelt wird, von zu Hause wegläuft, ein Schiff besteigt und England verlässt. Seine niedere Herkunft unterscheidet Cromwell von anderen Höflingen Heinrich VIII., als „Emporkömmling“ fügt er sich nur schwer in die höfischen Gegebenheiten ein. Immer wieder wird er von Selbstzweifeln geplagt, die er nach außen verstecken muss. Nach der Rückkehr nach England wird Cromwell erfolgreicher Advokat.

Der eigentliche Erzählstrang setzt 1527 ein, Cromwell ist seit einigen Jahren Sekretär von Lordkanzler Wolsey. Sein Aufstieg beginnt mit dem Fall Wolseys – Heinrich wirft ihm vor, durch sein Tun die Erlaubnis des Papstes zur Scheidung mit Katharina zu verhindern – 1529, Cromwell wird zum großen Gegenspieler Mores.

Bei Hilary Mantel aber entpuppt sich Thomas More als selbstgerechter, (mehr…)

Düsteres Vergnügen. Marco Dzebro “Dorian. Ein Scheitern in Postkarten”


Nach dem Briefroman und dem E-Mail-Roman jetzt also der Postkartenroman. Marco Dzebro legt mit „Dorian. Ein Scheitern in Postkarten“ seinen ersten Roman vor.

Dorian berichtet in Postkarten über den Zeitraum von einem Jahr aus New York.

Jede Karte beginnt mit den Worten Meine Stadt ist …, gefolgt von Vergleichen, die tief aus der Kiste geholt sind, auf deren Schild Lebensfreude durchgestrichen ist.

Da kommt schnell der Verdacht auf, dass es sich der Autor da recht einfach gemacht hat.

Und tatsächlich wird der Leser diesen Verdacht zu Beginn der Lektüre nicht los.

Meine Stadt ist ein Gedicht namens Hass, lautet der erste Satz. In dieser Tonalität geht es weiter. Wenn es Untertitel und Klappentext nicht bereits verraten würden, man käme ziemlich schnell darauf, dass die Postkarten vom Scheitern und von Verlorensein berichten.

Meine Stadt ist deine Adoptivtochter, die beim Duschen jedes Mal vergisst, die Tür zu schließen, bevor sie sich wie eine billige Schlampe schminkt, um mit ihren Freundinnen in der Disco an abgestandenem Bier und abgestandenen Typen zu lutschen.

Kein Lichtblick, nur Verkommenheit, ausgebreitet auf rund 170 Seiten, in kurzen Absätzen, Meine Stadt ist … Das nervt, so meint der Leser und will das Buch weglegen. Eine Seite noch. Und etliche Seiten später stellt er fest, dass er das Buch immer noch in der Hand hält. Denn von Seite zu Seite verfällt er dem Sprachrhythmus, der stärker und stärker zum Tragen kommt, der eine Sogwirkung entfaltet. Und das ist konsequent, ist es doch der Sog der anonymen Stadt, der Dorian verschlingt, am Ende ist er verschwunden.

New York wird zur austauschbaren Oberfläche, die Karten könnten ebenso aus London, Paris, Berlin oder Tokio stammen. Die Großstadt als Gebilde, in der der Einzelne verschwindet, untergeht.

Dorian ist ein sehr eigenwilliger Roman, vielleicht ist es auch gar kein Roman. Es ist eine Sammlung von Miniaturen, die böse und traurig sind, voller gewaltvoller, makabrer Sprachbilder.

Meine Stadt ist die von allen begeistert aufgenommen Fleischbrockensuppe des Cateringauftrags, zu dessen Gelingen das Hochzeitspaar, welches seit mehreren Stunden nicht mehr gesehen wurde, einen großen Teil beigetragen hat.

Und aus dem anfänglichen Verdacht ist ein düsteres Vergnügen geworden.

Marco Dzebro
Dorian
Ein Scheitern in Postkarten
Taschenbuch, 176 Seiten
12,90 € [D], 13,30 € [A], 23,90 CHF (Schweiz: unverb. Preisempfehlung)
ISBN: 978-3-941639-04-1

Erschienen bei Asphalt & Anders

Leseprobe

Meine Lieblingsbücher der zweiten Jahreshälfte 2010


Der Januar nähert sich langsam seinem Ende, hier noch die nachgereichte Favoritenliste.

zeitgenössische Belletristik

Colin McAdam: Fall

Ein Internat in Kanada, zwei Jungen, ein Mädchen. Aus einem eigentlich ziemlich konventionellen Plot konstruiert McAdam einen Roman, der sich inhaltlich und stilistisch fern jeglicher Internatsromantik  bewegt. Aus unterschiedlichen Perspektiven, mit unterschiedlichen sprachlichen Mitteln wird eine Coming-of-Age-Geschichte erzählt, die unaufhaltsam auf ein Ende zusteuert, das kein gutes sein kann. 

Erschienen bei Wagenbach

Klassiker

Michel Georges-Michel: Die von Montparnasse

Ein Roman, der ein beeindruckendes Zeugnis der Pariser Kunstszene abliefert, der lustvoll die Rauschzustände, in denen Kunst geboren wird, beschreibt und das Elend der zu Lebzeiten Glücklosen artikuliert.

Erschienen bei Walde & Graf

 

Krimi

Don Winslow: Tage der Toten

Als Krimi kommt das Buch daher, und es ist auch ein rasanter Plot, den Don Winslow da entwirft. „Tage der Toten“ ist aber weit mehr als das. Es ist der Blick in die Abgründe eines Landes, das als Spielball zwischen Organisierter Kriminalität und Machtinteressen des Nachbars im Norden immer stärker zu einem Schlachtfeld wird. Einer der besten Romane des Jahres, vielleicht sogar der beste.

Erschienen bei Suhrkamp

Sachbuch

Fritz J. Raddatz: Tagebücher 1982-2001

Jahrmarkt der Eitelkeiten, Namedroping, bösen Seitenhiebe, Lästereien, Selbstmitleid, Zweifel, Einblick in die Literatur- und Feuilletonschickeria der Bundesrepublik – ein Vergnügen.
Nach der Lektüre ist man froh, dass man nicht mit Literaten und Kulturmenschen befreundet ist, sondern mit ganz normalen Leuten.

Erschienen bei Rowohlt

Comic/Graphic Novel

Peer Meter/Isabell Kreitz: Haarmann

In Bildern, die Hannovers Altstadt und das ärmlich Leben der 20er Jahre lebendig werden lassen, erzählt dieser vorzügliche Bildroman die Geschichte von Fritz Haarmann, der bis 1924 24 junge Männer ermordete, ihre Knochen in der Leine versenkte und das Fleisch (darauf deuten Indizien hin) in der Nachbarschaft verkaufte. “Haarmann” verzichtet dabei auf drastische Bilder. Im Zusammenspiel der eindrucksvollen schwarz-weiß-Bilder und dem behutsam verwendeten Text entstand ein eindrucksvolles Werk, dass nicht nur Chronik der Taten eines Massenmörders ist, sondern auch das Versagen von Polizei und Justiz aufzeigt.  Meisterhaft.

Erschienen bei Carlsen

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