Lesebefehle


Vor Kurzem habe ich einen Tumblr-Blog eingerichtet, auf dem ich wochentäglich (zumindest versuche ich es) ein Buch empfehle. Einfach so und unkommentiert. http://lesebefehle.tumblr.com/

Weihnachten: Bücher zum Verschenken an Leute, die nicht doof sind


Holger Heimann: Die beste Buchhandlung der Welt. Wo Schriftsteller ihre Bücher kaufen.

Von A wie Altenburg, Matthias über Glavinic, Meier und Spinnen bis Z wie Zähringer, Norbert – in diesem Band erzählen 50 Schriftsteller von ihrer Lieblingsbuchhandlung. Die Portraits vereinen so unterschiedliche Buchhandlungen wie das Kulturkaufhaus Dussmann und die Buchhandlung Bindernagel in Friedberg. Thomas Pletzinger ist mal auf dem aus Büchern gebauten Sofa der Connewitzer Verlagsbuchhandlung eingeschlafen, auf das zu setzen ich mich nie getraut habe. Navid Kermani bekommt von seinem Buchhändler auch mal einen Klassiker des türkischen Kommunismus in die Hand gedrückt, weil Herr Ömer mit Kermanis Auswahl nicht zufrieden war. Und Alex Capus scheut sich, er schreibt: Da werden ja alle anderen böse, diese Frage beantworte ich auf keinen Fall. Buchhändler sind eifersüchtig wie Frauen.

Erschienen bei Berlin University Press.

Neil MacGregor: A history of the world in 100 objects.

Anhand von 100 Objekten aus dem Bestand des British Museum erklärt uns MacGreogor, wie wir zu dem wurden, was wir sind. Jedes Objekt steht für einen Entwicklungsschritt, von der ägyptischen Mumie bis zur Solarlampe entfaltet sich ein kulturelles Panorma, das faszinierend und spannend zugleich ist.

Erschienen bei Penguin.

 

 

Thea Dorn und Richard Wagner: Die deutsche Seele

Abendbrot, Fußball, Kitsch, Schadenfreude oder Wurst sind nur einige der Schlagwörter, denen Dorn und Wagner reich bebilderte Essays gewidmet haben. Ihr Versuch, die deutsche Seele zu ergründen, ist so fundiert und lesenswert, dass nach der Lektüre vieles erhellt wurde und gleichzeitig neue Fragen aufgeworfen werden.

Erschienen bei Knaus.

 

 

Guy Delisle: Aufzeichnungen aus Jerusalem

Vermutlich gibt es nur wenige Bücher, die das alltägliche Leben im Spannungsfeld zwischen Israelis und Palästinensern so anschaulich wiedergeben, wie es in Delisle neuester Graphic Novel der Fall ist. Die Stärke ist dabei, dass Delisle zwar deutlich macht, wo seine Sympathien liegen, dabei aber auf plumpe und einseitige Schuldzuweisungen verzichtet. Und über allem liegt der Hauch des Humors, der Delisles Werke auszeichnet.

Erschienen bei Reprodukt.

 

 

Alexandre Dumas: Schiffbrüche. Wahre Geschichten

Vor knapp zehn Jahren entdeckte man in Frankreich die 1852 als Zeitungsfeuilletons veröffentlichten Berichte Dumas’ über vier Schiffskatastrophen wieder, die jetzt auch auf Deutsch vorliegen. Der Kampf zwischen Mensch und Natur – eindrucksvoll und spannend vom Autor der „Drei Musketiere“ erzählt.

Erschienen bei Matthes & Seitz.

Nicht immer nur dasselbe. Die Leipziger Buchmesse 2012


Ich habe vorab mal meine alten Buchmesseeinträge quergelesen und festgestellt, dass ich oft dasselbe schreibe. Deshalb erzähle ich in diesem Jahr ausdrücklich nicht, dass Walde & Graf wieder mal unglaublich schöne Bücher präsentiert hat und ich erwähne erst recht nicht, dass ich mich besonders auf die Lektüre von Chester Browns “Ich bezahle für Sex – Aufzeichnungen eines Freiers” freue. Und auch auf das “ABC der Lähmungen. Ein Kneipenroman”, der in einer hannoverschen Altstadtkneipe spielt. Nach den vergangenen Messen hätte ich vermutlich auch noch auf die tolle Schuberausgabe dreier Tarzanromane hingewiesen, mach ich aber in diesem Jahr nicht.

Auch Voland & Quist erwähnte ich eigentlich immer, das spare ich mir ebenfalls, ihr müsst halt selber rausfinden, dass die grad eine tolle Graphic Novel namens “Alois Nebel” im Programm haben.

"Ich habe heute leider kein Känguru für dich." Marc-Uwe Kling und der verschwommene Sebastian Wolter von Voland&Quist.“Ich habe heute leider kein Känguru für dich.” Marc-Uwe Kling und Sebastian Wolter von Voland&Quist  (Sebastian traf ich am Abend zuvor in einem Lokal und er blieb länger als ich, da habe ich lieber den Verschwommen-Modus gewählt).

Ich hätte normalerweise auch vom Salis Verlag berichtet, auf dessen Neuerscheinung, HF Cotellos “Einige Abenteuer und seltsame Begegnungen im Leben des stillen Kommandeurs” ich gespannt bin. Aber in diesem Jahr soll ja der Beitrag anders werden.

Hier also mal was anderes:

Die Cosplayer werden auch immer verrückter. Die Dame links heißt Carola und kam in einem fast täuschend echten Kostüm als Heike Schmidt von UTB auf die Messe. Damit gewann sie aber leider nur den zweiten Preis bei der “Bestes Cosplaykostüm”-Verleihung, die Jury bemängelte zu Recht die falsche Schuhwahl.

Den ersten Preis bekam übrigens Maik Schulze aus Hintertupfing, im Hauptberuf Versicherungsvertreter. Seine Kostümierung als FC-Bayern-Zuschauer fand einstimmigen Zuspruch der Jury. (Maik Schulze im Kostüm)

Abgeschlagen auf dem letzten Platz landete der Carsten-Tergast-Wannabe, der in dieser Verkleidung nicht mal die die Türsteher der Random-House-Party austricksen konnte.

(Schlechte Kopie mit Sonnenbrille)

Bücher gabs auch

Eins der schönsten Bücher in diesem Jahr war zweifelsohne „Manchmal könnte ich ein U-Boot gebrauchen” von Juliane Blech, mit Illustrationen von Christina Röckl, aus dem Hasenverlag in Halle. Ein Bändchen voll mit wunderschönen Sprachspielereien, das in keinem Haushalt mit Kindern, die nicht ganz doof sind, fehlen sollte. Und auch Erwachsene ohne Kinder werden ihren Spaß haben. Die 12,95 dafür waren gut angelegt.

Ebenfalls gekauft habe ich mir “Aufzeichnungen aus Jerusalem”, den neuen Comicband von Guy Delisle, erschienen bei Reprodukt. Hier beantwortet Guy Delisle noch Fragen, kurze Zeit später zeichnet er mir ein was in mein Exemplar.

4:0 und Viertelfinale

Das absolute Highlight der Messetage war natürlich das 4:0 von Hannover 96 gegen Standard Lüttich (Frank Goosen, falls Sie das hier zufällig lesen: Ich weiß, als Bochum-Fan hat man mit internationalen Wettbewerben nicht so viel zu tun, aber Ihre Lesung parallel zum Spiel stattfinden zu lassen, war schon schade.) Ich habe das Spiel zusammen mit Lieblingsfrau, meiner Lieblings-Börsenverein-Mitarbeiterin und meinem Lieblingsbraunschweiger geguckt. Vor allem letzterer, also Holger, war begeistert. Guten Fußball kennt er ja sonst eher nicht so.

Anschließend gingen wir alle noch in ein nettes Lokal, also alle außer Carsten Tergast. Dort soll wohl Henryk M. Broder neben uns gesessen haben, wurde mir zumindest erzählt.

Buchmessehölle

Richtig stressig war der Messesamstag, wie man auf diesem Bild gut erkennen kann. Allerdings hätte ich da auch gern einen der Helden meiner Kindheit (eigentlich ist er es auch jetzt noch) getroffen, Morten Grunwald. Die Lesung war aber leider komplett überfüllt.

eBooks

Eure eBooks können mich mal.

Ein neuer Bekannter

Eine bis dato virtuelle Bekanntschaft, die seit der Messe real geschlossen wurde, ist die mit Stefan Weidle vom gleichnamigen Verlag. Ganz passend ist im Weidle-Verlag grad Jörg W. Gronius’ “Horch” erschienen, Hauptfigur ist ein Werbetexter, der in Hannover lebt. Stefan Weidle ist nicht nur Verleger, sondern auch Vorsitzender des Vorstands der Kurt Wolff Stiftung. Deren jährlich auf der Leipziger Buchmesse verliehenen Preise gingen in diesem Jahr an  den Verlag “Das Wunderhorn” und die Literaturzeitschrift “BELLA triste”.

Und sonst noch so?

Die Damen vom Milena-Verlag (cooles Programm, wie immer), fuhren mit dem Taxi von der Messe zum Cafe Puschkin. Da saßen wir davor, es waren noch rund 20 Grad, und beim Leute gucken im Allgemeinen und dem “Milena-Verlag steigt aus dem Taxi “-Gucken im Besonderen erkannte ich einen alten Freund, den ich seit vielen Jahren nicht mehr gesehn hatte. Der hatte grad den Milena-Verlag von der Messe zum Cafe Puschkin gefahren. Verrückt.

Ansonsten waren Markus Hablizel und ich uns einig, dass die Tatsache, dass man in der einen oder anderen Halle schwitzt, mit Überheizung und nichts mit dem Körpergewicht zu tun hat.

Da ich ja diesmal über anderes als in den Vorjahren berichten will, erwähne ich weder, dass Wibke Ladwig wieder Wortweide-Buttons mitgebracht hatte, noch, dass die Anzahl der gewechselten Worte mit Karla Paul im Vergleich zu Frankfurt rückläufig war, wir trafen uns nur kurz vor dem Klo.

Und dann war die Messe auch schon wieder vorbei, auf der Rückfahrt hörten wir noch Hannover 96 4:1 gegen diesen rheinländischen Verein gewinnen. Dann waren wir zu Hause, und da ist es auch schön. Zumindest bis zur nächsten Messe.


Büchertipps für untern Weihnachtsbaum 3


Böse: „Äh … was machst du da eigentlich? The essential David Shrigley”

David Shrigleys Zeichnungen und Fotografien sind tiefschwarzhumorig, teils unglaublich komisch, teils grausam und mitunter auch unglaublich grausam-komisch. Aus den Bildern und Worten des schottischen Künstlers spricht eine Weltsicht, die sämtlichen Unbilden mit Fatalismus begegnet. Aber wenn man die Welt schon nicht ändern kann, dann kann man ihr wenigstens den Spiegel vorhalten – eigentlich weniger den Spiegel vorhalten, eher den ausgestreckten Finger. Und was die Welt – und wir auch – da zu sehen bekommt, ist wenig schmeichelhaft, immer böse, immer komisch, nachdenklich machend, absurd, tiefgründig. „Bloody Swans“, Figuren, denen alles am „Arsch vorbei“ geht, „Zertritt die Eier, bevor sie schlüpfen“. Mit wenigen Worten liefert Shrigley präzise Pointen zu seinen Zeichnungen, die sich gängigem Gefallen entziehen, wie Gekritzel wirken sie oft.

Erwähnte ich eigentlich bereits, dass es ein wahnsinnig komisches Buch ist, bei dem einem das Lachen aber von Zeit zu Zeit im Halse stecken bleibt? Dann jetzt: Äh … was machst du da eigentlich?“ ist ein wahnsinnig komisches Buch, bei dem einem das Lachen aber von Zeit zu Zeit im Halse stecken bleibt!

Oder, um den Klappentexte, von Shrigley selbst verfasst, zu zitieren: Dies ist ein wirklich gutes und sehr interessantes Buch. Bitte kaufen Sie es. Danke sehr.

Erschienen bei Eichborn.

Melancholisch: Jochen Schmidt „Weltall. Erde. Mensch.“

Jochen Schmidt ist ein Zweifelnder, der sich mit den alltäglichen Absurditäten auseinandersetzt, mit dem stetigen Kampf, darüber nicht zu verzweifeln. Jochen Schmidt ist ein guter Autor, und so vermag er es, seinen täglichen Kampf in Texte zu kleiden, die warmherzig, humorvoll und melancholisch sind. „Weltall. Erde. Mensch“ versammelt Lesebühnentexte, Zeitungsartikel, Comics und Bildergeschichten aus den letzten Jahren. Kleine Kunstwerke, die sich mit seinen Todesängsten auseinandersetzen, das Fußballgucken mit Freunden beschreiben oder eine (fiktive) Unterhaltung zwischen Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow und seiner Mutter wiedergeben – „Dirk, warum lasst ihr eigentlich nur Jungs in eurer Band mitspielen? Oder findet ihr keine Mädchen, die Lust haben? Soll ich die Heike mal fragen, das ist die Tochter von meiner Fußpflegerin, die singt im Kirchenchor.“

Und die ideale Gutenachtgeschichte schreibt er auch gleich noch ins Buch rein, ideal, weil so langweilig, dass man garantiert einschläft.

Ein erstklassiges Lesevergnügen, und wie bei allen Büchern von Voland & Quist liegt dem Buch eine CD bei, auf der Jochen Schmidt einige Texte vorträgt.

Erschienen bei Voland & Quist

Klug: Alexander Osang „Im nächsten Leben. Reportagen und Portraits”

Die zumeist im Spiegel erstmals erschienenen Reportagen des vielfach ausgezeichneten Journalisten und Romanautors Alexander Osang erzählen alle vom Neubeginn, vom Wechsel, von zweiten Chancen. Sie berichten von dem Mädchen aus Thüringen, dass in den USA zur Pornodarstellerin wurde und die, aufgrund einer Zystenentfernung, kurzfristig einen Dreh absagen musste. Bei diesem Dreh steckte der männliche Darsteller ihren Ersatz mit HIV an, mit dem Virus hatte er sich kurz zuvor in Brasilien angesteckt.

Angela Merkels zögerlicher Weg in die Politik, der 1989 begann, wird nachgezeichnet; deutsche Rentner auf der vergeblichen Suche nach Glück in Thailand portraitiert. Die Reportagen sind schnörkellos, prägnant, nie vorführend und doch auch bewertend. Osang benutzt Sprache gekonnt, um mit wenigen Sätzen Charakterstudien zu entwerfen, die entwaffnend treffend sind. Der Spannungsbogen der einzelnen Texte ist präzise konstruiert, Journalismus klassischer Schule.

„Im nächsten Leben“ zeugt davon, dass der inflationär verwendete Begriff „Qualitätsjournalismus“ nicht nur Floskel sein kann. Leider viel zu selten.

Erschienen im Ch. Links Verlag.

Büchertipps für untern Weihnachtsbaum 2


Graphic Novel: Malet/Tardi „120, rue de la Gare“

Leo Malet ist einer der großen Kriminalautoren des 20. Jahrhunderts. Seine Romane um den Privatdetektiv Nestor Burma sind meisterhafte Portraits des Lebens in Paris. Jacques Tardi hat in Zusammenarbeit mit Malet einige der Burma-Romane graphisch umgesetzt. Das Ergebnis ist eine faszinierende Einheit von Kriminalhandlung und Bildern, in denen die Welt von Nestor Burma lebendig wird. Nestor Burma trägt zahlreiche autobiographische Züge seines Autors. „120, rue de la Gare“ ist der erste Burma-Roman – und die zweite Zusammenarbeit von Malet und Tardi -, er erschien 1943. Der Privatdetektiv betritt die Bühne, nachdem er aus dem deutschen Stalag Sandbostel entlassen und fährt mit einem Zug in die nicht besetzte französische Zone. Zuvor hat ihm ein sterbender Gefangener die Adresse 120, rue de la Gare genannt. Während eines Aufenthaltes trifft Burma einen seiner Angestellten, der ihm ebenfalls die Adresse nennt, bevor er erschossen wird. Die sich daraus entspinnende Story, die nicht in Paris, sondern in Lyon spielt, ist ein rasantes Wechselspiel aus Ungewissheiten, Doppelbödigkeiten und Albträumen, von Tardi mit zahllosen bildlichen Anspielungen und Rätseln versehen. In Schwarz-Weiß gehalten lassen die Zeichnungen das triste Leben im Frankreich der frühen Vierzigerjahre wiederaufleben. „120, rue de la Gare“ ist ein anspruchsvolles und unterhaltsames Werk, ein Muss für jeden, der sich für Krimis und Graphic Novels begeistert.

Erschienen bei Edition Moderne.

Literaturzeitschrift: edit (Jahresabo)

edit ist eine Zeitschrift für junge deutschsprachige Literatur. Herausgegeben wird sie in Leipzig, sie erscheint dreimal jährlich. Jede Ausgabe versammelt Lyrik, Erzählungen, Grafiken und Auszüge längere Texte von jungen Autoren, Rezensionen, Essays. Trotz relativ geringer Auflage ist edit eine der maßgeblichen Literaturzeitschriften, vielleicht sogar die maßgebliche. Die Herausgeber haben seit 1993 ein hervorragendes Gespür für die Entdeckung begabter Autoren. Zu denjenigen, die in edit veröffentlichten, gehören Namen wie Sibylle Berg, Marcel Bayer, Georg Klein, Jenny Erpenbeck oder Thomas Lang. Jede Ausgabe ist eine Fundgrube, die Aufmerksamkeit auf talentierte Autoren richtet und die zugleich die Entwicklung der Gegenwartsliteratur verdeutlicht.

Ein Jahresabo kostet 14 EUR, zu bestellen unter http://www.editonline.de

Sprach- und Gedankenkunstwerk: Raymond Federmann/George Chambers „Penner-Rap“

Zwei Penner, Penner Eins und Penner Zwei, treffen sich und unterhalten sich. Sie unterhalten sich über das Leben, Frauen, Sex, Geschenke, Deutschland und vieles andere. Die kurzen Passagen des Buches sind subtile Betrachtungen, Sprachspiele, Kurzessays und philosophischer Gedankenaustausch. „Penner-Rap“ – erinnert nicht von Ungefähr an „Warten auf Godot“ – ist ein Sprachkunstwerk, bei dessen Lektüre man ständig auf Sätze stößt, die schön und tiefgründig zugleich sind.

Jedes einzelne der kurzen Kapitel besitzt mehr Tiefgang als das Gesamtwerk eines Coelhos. „Penner sind vielleicht Arschlöcher, aber nicht alle Arschlöcher können Penner sein.“

Erschienen bei Suhrkamp.

Büchertipps für untern Weihnachtsbaum 1


Roman des Jahres: Don Winslow „Tage der Toten“

Die Zahl der in diesem Jahr in Mexiko im Zuge der Auseinandersetzung zwischen staatlichen Organen und Drogenkartellen Getöteten geht in die Tausende. Don Winslow gibt diesem Krieg eine literarische Stimme. Mit brutalen Bildern und aus unterschiedlichen Perspektiven durchleuchtet er die Zusammenhänge und Verflechtungen mit der US-amerikanischen Politik. Als Krimi kommt das Buch daher, und es ist auch ein rasanter Plot, den Don Winslow da entwirft. „Tage der Toten“ ist aber weit mehr als das. Es ist der Blick in die Abgründe eines Landes, das als Spielball zwischen Organisierter Kriminalität und Machtinteressen des Nachbars im Norden immer stärker zu einem Schlachtfeld wird. Die Sprache ist beeindruckend, ein meisterhafter Roman!

Erschienen bei Suhrkamp

Historischer Roman: Hilary Mantel “Wölfe”

Ein Genre, dass mich eigentlich nicht interessiert. Hilary Mantel hat aber mit „Wölfe“ einen Roman vorgelegt, der wie ein Leuchtfeuer aus den seichten Belanglosigkeiten der Wanderhuren und Hebammen herausragt. Der Roman deutet die Figur von Thomas Cromwell, Lordkanzler am Hof von Heinrich VIII. um. In der Überlieferung weitgehend negativ behaftet, schreibt Hilary Mantel das Portrait eines Machtmenschen, der weniger skrupellos als eher ausgleichend wirkte, der aber als Sohn eines Bierbrauers letztlich keinen wirklichen Zugang zur höfischen Welt findet. „Wölfe“ ist ein Roman darüber, wie Macht funktioniert und dadurch, trotz des historischen Stoffs, ein hochaktuelles Buch.

Mantel eliminiert aus dem Text alles Betuliche, alles sprachlich Banale. Übrig bleibt ein Roman, der von kunstvollen Dialogen und schnelle Dialogabfolgen lebt, der ständig zwischen verschiedenen Personen wechselt. „Wölfe“ ist ein Glücksfall für das Genre, Literatur eben.

Erschienen bei Dumont

Für Zwischendurch: Holger Reichard „111 Gründe sich selbst zu lieben“

Das Buch trägt den Untertitel „Eine kleine Verbeugung vor der eigenen Großartigkeit“. Da erwartet man eine eher überflüssige Egoshow, aber weit gefehlt. Der Autor kitzelt aus dem Thema teilweise doch recht erstaunliche Facetten heraus. Wie Reichard zum Beispiel den Bogen zum Schutz der Privatsphäre oder zum Generationenkonflikt spannt, ist klug und unterhaltsam. Die 111 Kapitel eignen sich vorzüglich zum Blättern, zum immer-mal-wieder-darin-lesen und auch zum Nachdenken. Und letztlich ist unser „Selbst“ die einzige Konstante, derer wir uns in einer Welt, in der alles mit allem irgendwie zusammen hängt, gewiss sein können und die wir verstehen. „Ich hau dir in die Fresse, du haust mir in die Fresse, und wir beide wissen, warum.“

Erschienen bei Schwarzkopf & Schwarzkopf

(An dieser Stelle der Hinweis, dass ich Holger Reichard persönlich kenne, mich in meiner  Empfehlung aber nicht von Sympathie habe leiten lassen. Und einen Gefallen schulde ich ihm auch nicht)

SuB: Stapel ungelesener Bücher. Update 11


Neuzugänge in den letzten  Wochen:

Volker Mertens: Der Gral. Mythos und Literatur (Reclam)

Julian Barnes: Arthur & George (Kiepenheuer & Witsch)

Jonathan Safran Foers: Extrem laut und unglaublich nah (Kiepenheuer & Witsch)

Thomas Klupp: Paradiso (bvt)

Mark Twain: Huckleberry Finns Abenteuer (Insel)

Rolf Dieter Brinkmann: Briefe an Hartmut (Rowohlt)

Thomas Meinecke: The Church of John F. Kennedy (edition Suhrkamp)

Hans Pleschinski: Nach Ägyppten (Haffmanns)

Das Bücherlesebuch, Hrsg. Horst Günther (Wagenbach)

Wiglaf Droste: Im Sparadies der Friseure (Edition Tiamat)

Wiglaf Droste: Will denn in China gar kein Sack Reis umfallen? (Edition Tiamat)

Guy Delisle: Aufzeichnungen aus Birma (Reprodukt)

Posy Simmonds: Tamara Drewe (Reprodukt)

Zora del Buono: Big Sue (Mare)

Frank Klötgen: Der Fall Schelling (Voland & Quist)

Chaussee der Enthusiasten (Voland & Quist)

Volker Strübing: Mr. und Missis Sippi (Voland & Quist)

Unbedingte Universitäten. Was passiert? (diaphanes)

Angelika Meier: England (diaphanes)

Alexander Kluge & Joseph Vogl: Soll und Haben. Fernsehgespräche (diaphanes)

Hans Joachim Neubauer: Fama. Die Geschichte des Gerüchts (Matthes & Seitz)

Tilman Spreckelsen: Der Maigret-Marathon (Diogenes)

Hermann Burger: Diabelli-Blankenburg (Ammann)

Diedrich Diederichsen: Eigenblutdoping (Kiepenheuer & Witsch)

Doron Rabinovici: Andernorts (Suhrkamp)

Laura Alcoba: Das Kaninchenhaus (Insel)

Don Winslow: Tage der Toten (Suhrkamp)

Isabell Allende: Die Insel unter dem Meer (Suhrkamp)

Jörg Magenau: Die taz (Hanser)

Theodor Lessing: Meine Tiere (Matthes & Seitz)

Francis Wyndham: Der andere Garten (Doerlemann)

Hansjörg Küster & Ansgar Hoppe: Das Gartenreich Dessau-Wörlitz. Landschaft und Geschichte (C.H.Beck)

Runter vom Stapel, beendet oder in `Bearbeitung`:

Das Bücherlesebuch, Hrsg. Horst Günther (Wagenbach)

Wiglaf Droste: Im Sparadies der Friseure (Edition Tiamat)

Hansjörg Küster & Ansgar Hoppe: Das Gartenreich Dessau-Wörlitz. Landschaft und Geschichte (C.H.Beck)

Jörg Magenau: Die taz (Hanser)

Diedrich Diederichsen: Eigenblutdoping (Kiepenheuer & Witsch)

Hans Joachim Neubauer: Fama. Die Geschichte des Gerüchts (Matthes & Seitz)

Tilman Spreckelsen: Der Maigret-Marathon (Diogenes)

Hermann Burger: Diabelli-Blankenburg (Ammann)

Volker Strübing: Mr. und Missis Sippi (Voland & Quist)

Guy Delisle: Aufzeichnungen aus Birma (Reprodukt)

Posy Simmonds: Tamara Drewe (Reprodukt)


Preis der Independent Verlage – Nominierungen


Der Preis der Independent Verlage geht ins zweite Jahr. Fünfzehn Titel kommen auf die Hotlist2010, aus der dann der Preisträger gewählt wird.

Acht Titel werden durch eine Jury bestimmt, sieben Titel durch das Lesepublikum. Die Publikumsabstimmung läuft bis 10. August, alle weiteren Informationen finden sich auf der Hotlist-Seite, die Abstimmung selber findet auf den Seiten von “Der Freitag” statt.

Ich habe mich noch nicht für (m-)einen Favoriten entscheiden können, bis zum 10. August wird das aber noch.

SuB: Stapel ungelesener Bücher. Update 10


Neuzugänge in den letzten  Wochen:

Michel Georges-Michel: Die von Montparnasse (Walde & Graf)

Eliszabeth Lunday: Die grossen Künstler und ihre Geheimnisse (Walde & Graf)

Alice Munro: Tanz der seligen Geister (Dörlemann)

Richard K. Breuer: Brouille (Eigenverlag)

Hanns-Josef Ortheil: Fermer (btb)

Jade Y. Chen: Die Insel der Göttin (Münchner Frühling Verlag)

Roberto Saviano: Gomorrha (Hanser)

Giorgio Manganelli: Lügenbuch (Wagenbach)

Warlam Schalamow: Durch den Schnee. Erzählungen aus Kolyma  (Matthes & Seitz)

Thomas Lang: Bodenlos (C.H.Beck)

David Signer: Die nackten Inseln (salis)

Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit (Sammlung Luchterhand)

William Lithgow: Die wundersamen Irrfahrten des Willam Lithgow. Hrsg. von Roger Willemsen (mare)

Auf dem Stapel:

Hans Gerd Pyka: Königswasser (ONKEL & ONKEL)

Hubert Fichte: Detlevs Imitationen „Grünspan“ (Fischer)

Chris Wilson: Fou (Insel)

Andrej Blatnik: Ändere mich (folio)

Emilio Salgari: Die Tiger von Mompracem (Wunderkammer)

Asholt/Fähnders (Hrsg.): Manifeste und Proklamationen der europäischen Avantgarde (1909-1938). (J.B.Metzler) (bei Zweitausendeins)

Don Winslow: Pacific Private (Suhrkamp)

Gary Shteyngart: Snack Daddys Abenteuerliche Reise (Berlin Verlag)

Richard Sennett: Civitas (Berlin Verlag)

Victor Lodato: Mathilda Savitch (C.H.Beck)

Wilhelm Raabe: Romane (antiquarisch)

Uwe Timm: Halbschatten (Kiepenheuer  Witsch)

Salvador Plascencia: Menschen aus Papier (Edition Nautilus)

Hubert Fichte: Die Palette (Fischer Tb.)

T Cooper: Lipshitz (Marebuch)

Martin Mosebach: Die Türkin (dtv)

Rose Tremain: Der weite Weg nach Hause (Suhrkamp)

Abraham Verghese: Rückkehr nach Missing (Insel)

Peter Bosch: Der Spurenzeichner (Albatros)

Ugo Riccarelli: Der vollkommene Schmerz (Zsolnay)

Chandler Brossard: Wacht auf! Wir sind gleich da! (Rogner & Bernhard)

Sir Arthur Conan Doyle: Memories and Adventures (Wordsworth Literary Lives)

Matias Faldbakken: Unfun (Blumenbar)

Donald A. Prater: Thomas Mann. Deutscher und Weltbürger. (Hanser)

Ralf Rothmann: Feuer brennt nicht (Suhrkamp)

Ingo Schulze: Handy (Berlin Verlag)

Ketil Bjornstad: Vindings Spiel (Suhrkamp Tb)

Ketil Bjornstad: Der Fluß (Insel)

Peter Crane: Wir leben nun mal auf einem Vulkan (Weidle)

Hanne Kulessa: Der Große Schwarze Akt (Weidle)

Chuck Palahniuk: Das letzte Protokoll (Goldmann)

Hanns-Josef Ortheil: Die Nacht des Don Juan

Dietmar Dath: Dirac (Suhrkamp)

Donald Windham: Dog Star (Lilienfeld)

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften

Nick Hornby: A long way down

Markus Werner: Am Hang

Peter Handke: Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos

Lewis Carroll: Sylvie und Bruno

Runter vom Stapel, beendet oder in `Bearbeitung`:

Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen: Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch. Aus dem Deutschen des 17. Jahrhunderts von Reinhard Kaiser (Eichborn)

Shane Jones: Thaddeus und der Februar (Eichborn)

P.G. Wodehouse: Reiner Wein, Mulliner schenkt ein, In alter Frische (Edition Epoca)

Manfred Lütz: IRRE (Gütersloher Verlagshaus)

Tahmima Anam: Zeit der Verheißungen (Insel)

Matthias Politycki: In 180 Tagen um die Welt (mare)

Holger Reichard: 111 Gründe, sich selbst zu lieben (Schwarzkopf & Schwarzkopf)

Warlam Schalamow: Durch den Schnee. Erzählungen aus Kolyma  (Matthes & Seitz)

Thomas Lang: Bodenlos (C.H.Beck)

Michel Georges-Michel: Die von Montparnasse (Walde & Graf)

Eliszabeth Lunday: Die grossen Künstler und ihre Geheimnisse (Walde & Graf)

Roberto Saviano: Gomorrha (Hanser)

Dietmar Dath: Sämmtliche Gedichte (Suhrkamp)

Warum tut er sich das an? – “Die Vorleser”


Warum tut sich Ijoma Mangold das an?

Gut, das ZDF bezahlt vermutlich recht anständig. Aber wie hoch muss die finanzielle Entschädigung sein, um es hinzunehmen, von einer selbstgefälligen Schriftstellerdarstellerin regelmäßig vor großem Publikum – naja, so viele Zuschauer sind es zwar nicht, aber trotzdem – wie ein Schuljunge abgebügelt zu werden? „Ihr Intellektuellen“ raunzt es da süffisant beim Namen Proust, um gleich, Frau Fried ist ja auch Journalistendarstellerin, investigativ nachzufragen, ob denn der Herr Mangold tatsächlich die ganze „Suche nach der verlorenen Zeit“ gelesen habe? Ist ja schließlich echt ein dickes Werk.

Kommt jemand mit einem dicken Buch in die Sendung, dann ist für Frau Fried grundsätzlich Skepsis angebracht, Detlev Buck musste sich ebenfalls fragen lassen, ob er denn wirklich die komplette Mao-Biographie (Chang/Halliday) – sind ja schließlich knapp 1000 Seiten – gelesen habe. Dass er trotz dieser Anmaßung blieb, sie elegant ignorierte, ehrt ihn.

Aber dieses „ihr Intellektuellen“ lohnt doch eine nähere Betrachtung. Wie elegant demonstriert Frau Fried da, dass sie doch eine von uns, eine aus dem Volke ist. Sie weiß, was normale Menschen lesen wollen, sie ist schließlich, ihre Bescheidenheit verbietet es aber, es explizit zu erwähnen, Bestsellerautorin, der die NZZ dereinst gute Chancen bescheinigte, Hera Linds Thronfolgerin zu werden. Sie kennt sich also aus in Sachen Literatur, da kann Ijoma Mangold – kein Bestseller bisher, nur stellvertretender Feuilletonchef der ZEIT und Mitglied der Bachmannpreis-Jury- natürlich nicht gegenhalten.

Deshalb weiß sie auch, dass der gemeine Leser keine Bücher lesen will, die sich gängigen Erzählstrukturen und eingetretenen Pfaden im Handlungsaufbau entziehen. Solche Bücher findet Frau Fried zumeist nicht so toll, da stört sie bei Enquist, dass ihr seine Motivation verschlossen bleibt, da er, leider leider, vergessen hat, sie im Text einfach und verständlich zu erklären. Anne Weber mochte sie auch nicht. Das ist, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, ihr gutes Recht. Wie schön könnten „Die Vorleser“ sein, wenn mit Argumenten um Literatur gestritten würde (Und wenn man nicht gefühlt 20 Bücher in knapp 30 Minuten durchpeitschen würde.) .

Leider sind Mangold und Fried unterschiedlich bewaffnet. Aber um gleich klarzustellen, wer in der Sendung das Sagen hat, beginnt Frau Fried ihre Erwiderung auf Mangolds Lobesworte zu „Luft und Liebe“ mit dem Satz „Ich fürchte, du irrst dich!“ Schon klar, sie wurde schließlich mal als Hera Linds Thronfolgerin in Stellung gebracht, er – und alle anderen Kritiker (=Intellektuelle, pfui) – die Anne Weber auf die Shortlist zum Preis der Leipziger Buchmesse setzten, können da argumentativ nicht mithalten. Mangolds Widerrede wird überheblich weggelächelt. Mittelmaß setzt sie als allgemein gültigen Geschmacksmaßstab über reflektierende Auseinandersetzung.

Literatur muss schließlich hübsch geschmeidig sein, bloß keine Überraschungen liefern (außer vielleicht, dass Lieschen Müller am Ende nicht Roberto, sondern Klaus erwählt) und vor allem: nicht anstrengend zu sein. Fordernde, außergewöhnliche Lektüre ist was für Intellektuelle (Igitt!)

Ulrich Noethen hatte ein nicht ganz so dickes Buch mitgebracht, deshalb bekam er nur die noch nie gestellte Knallerfrage – Wie schaffen Sie es, bei all Ihrer Arbeit überhaupt zum Lesen zu kommen?

Dann aber lieferte Ulrich Noethen ein paar Minuten Anschauungsunterricht, wie man begeisternd von einem Roman erzählen kann und dabei nicht wirkt, als hätte man seine Worte auswendig gelernt oder läse sie grad vom Teleprompter ab.

Vielleicht schaut sich Frau Fried die Aufzeichnung ja noch mal an. Vielleicht vergleicht sie ihre mechanisch anmutende Vorstellung von Mariana Lekys „Die Herrenausstatterin“ mit Noethens Begeisterung für Miljenko Jergovic „Freelander“. Vielleicht stellt sich das ZDF irgendwann die Frage, wer auf die Idee kam, Amelie Fried mit der Moderation zu betrauen und fragt mal vorsichtig bei Ulrich Noethen an, ob er einmal im Monat Zeit habe. Und vielleicht stellt sich Ijoma Mangold auch die Frage, wie lange er sich dies noch antun möchte.

Die Sendung in der ZDF-Mediathek.

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