Hollywood als unmoralische Anstalt. Kenneth Anger “Hollywood Babylon”


„Die Möglichkeiten des Films zur moralischen Erziehung und Beeinflussung sind grenzenlos. Deshalb muss seine Integrität geschützt werden“, predigte Will H. Hays 1922 den versammelten Studiobossen, und während er sprach, „grinsten die Gründungsväter des Filmlands, als müssten sie Scheiße fressen“. Als Präsident der Motion Picture Producers and Distributors of America, der Behörde zur Einstufung von Filmen, führte er einen bigotten Kampf gegen Unmoral im Film. Auf der Leinwand zeigte sein Kreuzzug zumindest eine Zeit lang Erfolg. Den Blick hinter die Leinwand zeigt Kenneth Anger.

 

Bereits in seiner Kindheit hatte der 1927 in Santa Monica geboren engen Kontakt mit Hollywood.  So spielte er als Kind in Reinhardts „Sommernachtsraum“ eine Rolle. Hat er zumindest behauptet, stimmt aber nicht, wie man heute weiß. Als Avantgarde-Filmemacher beschäftigte er sich früh mit Homosexualität als Thema und gilt als Pionier des New American Cinema. Dem Okkultismus und den Lehren Aleister Crowleys zugewandt, inspirierte Kenneth Anger Mick Jagger zu „Sympathy for the devil“.

Als Filmemacher nur einem kleinen Kreis von Cineasten bekannt, erreichte Anger ein weit größeres Publikum mit seiner zweibändigen Skandalchronik „Hollywood Babylon“.

 

Der 1. Band erschien 1959 (oder 1960 – die Jahreszahl variiert) in Paris. Einen amerikanischen Verlag fand „Hollywood Babylon“ erst 1975. Nicht, dass man es bis dahin nicht aufmerksam las, ein Raubdruck existierte bereits 1966, erhältlich in der Pornoabteilung. Zu den eifrigsten Lesern gehörten allerdings zahlreiche Anwälte und Richter, sodass schlussendlich eine bereinigte Version auf den US-Markt kam.

1985 erschien der 2. Teil der Skandalchronik.

 

Nun ist bei Zweitausendeins eine Neuauflage der beiden vergriffenen Teile in einem Band erschienen.  Ungekürzt und unbearbeitet – und zu einem Preis, der sich kaum von dem für beide Bände im Jahr 1985 unterscheidet. Die teilweise recht krude Rechtschreibung wurde ebenso beibehalten wie die nicht immer nachvollziehbaren Unterstreichungen im Text, die dem Leser häufig Rätsel aufgeben. Optisch wirkt der Textkorpus wie eine Art Hypertext, der Leser ertappt sich unweigerlich dabei, hinter den Unterstreichungen Links zu erwarten, die weiterführende Erläuterungen bieten.

 

Die Lust am Skandal, am Sex, am Tragischen bestimmt den Text. Eines der ersten Kapitel widmet sich dem Stummfilmstar Fatty Arbuckle, dessen Karriere endete, nachdem er angeklagt wurde, im Zuge einer Orgie das Starlet Virginia Rappe unter Zuhilfenahme einer Champagnerflasche zu Tode vergewaltigt (mehr…)

Die Nullerjahre als Fotobuch. Rainald Goetz „elfter september 2010“


Man kann in den Band elfter september 2010 ganz viel reingeheimnissen, man kann, wie Volker Weidemann in der FAZ, zum Schluss kommen, dass Goetz seinen Verlag gebeten [hat], einen schönen blauen Umschlag um das Fotoalbum mit den Bildern seiner Freunde zu binden. Eine etwas intensivere Betrachtung lohnt dann aber doch.

Chronologisch geordnet und in 3 Kapitel unterteilt, liefert Goetz seine Betrachtung des vergangenen Jahrzehnts, der Nullerjahre, ab. Erzählen in Bildform ist nicht ganz neu bei Goetz, bereits im 1999 erschienenen, von Christian Kracht herausgegebenen Band Mesopotamia. Ernste Geschichte am Ende des Jahrtausends hat Goetz eine Fotoerzählung unter dem Titel Samstag, 5. Juni 1999. Hotel Europa beigesteuert, in der sich Motive und Personen finden, denen man im vorliegenden Band wieder begegnet.

Vordergründig ist es vor allem eine Schau der Kulturschickeria. Viele Bilder zeigen bekannte Gesichter. Christian Krachts Anzüge sitzen immer perfekt, Volker Panzer mit Monokel (und Bierflasche im Bücherregal), Diedrich Diederichsen trinkt Kaffee, DJ Hell bei der Arbeit, Westbam mit Buch, wichtigste Accessoires sind Weingläser oder Bierflaschen (immer die elegante Beck’s-Flasche, niemals eine ordinäre braune Halbliterpulle). Viele der Gezeigten werden in den Bildunterschriften namentlich nicht genannt, (Er-)Kennen wird vorausgesetzt. Fixpunkt des Goetz’schen Kosmos ist Berlin, Berlin Mitte; das Gros der Aufnahmen ist in Berlin entstanden. So ist es denn auch ein Berlin-Mitte-Buch geworden, Spiegelung einer Stadt in der Stadt,  eines Soziotops, in dem sich, nimmt man die Bilder als Maßstab, junge Menschen, Schriftsteller, Intellektuelle, Medienmenschen und Künstler tummeln. Im Klappentext heißt es, in den Gesichtern wütet die Zeit. Das Wüten kann so dramatisch nicht gewesen sein, zu attraktiv erscheinen die Gesichter. Dafür fällt etwas anderes auf. Gesichter und Menschen haben sich im Lauf der Nullerjahre nicht verändert. Auf dem zweiten Bild des Bandes (Seite 11), das 2000 entstanden sein dürfte, blickt der Betrachter auf zwei junge Frauen, sich umarmend, (mehr…)

Nachgereichtes Debüt einer großen Erzählerin. Alice Munro “Tanz der seligen Geister”


„Ich finde, ich brauche ein Büro“, verkündet die namenlose Ich-Erzählerin ihrer Familie. Ein Büro als Ort zum Schreiben, denn, so das Eingeständnis, „ich bin Schriftstellerin“, geplagt noch von Zweifeln, aber selbstsicher genug, um einen Büroraum in einem Einkaufszentrum anzumieten. Schnell stellt sich die Schattenseite des vermeintlichen Ruheorts heraus: der Vermieter Malloy. Aufdringlich, zuerst gar nicht bösartig, eher lästig verehrt er der Mieterin Zimmerpflanzen, Teekessel und andere Dinge, die sie nicht benötigt, die sie nicht haben möchte. Von der Ich-Erzählerin abgewiesen – nicht körperlich, diesbezüglich gibt es keine Annäherungsversuche – wird Malloy misstrauischer. Er schnüffelt im Büro, er setzt Gerüchte über seine Mieterin in die Welt, er zeiht sie der Beschmierung der Toilette. Die Erzählerin zieht aus. Der Rahmen der Erzählung „Das Büro“, einer von 15 in diesem Band versammelten, ist damit abgesteckt. In diesem Rahmen aber befindet sich die Selbstaufwertung eines (weiblichen)Schriftsteller-Ichs, die Emanzipation, das vorerst Scheiternde, das aber nur vorübergehend ist, so deutet es sich an. Ich weiß nicht, inwieweit die Erzählung autobiographisch geprägt ist, aber an dieser Stelle erlebt der Leser auch die ersten Schritte der Kanadierin Alice Munro in der Welt der Literatur. Es sind große Schritte, beeindruckend wirken die Erzählungen trotz geringem Umfangs und den vordergründig wenig dramatischen Plots. „Tanz der seligen Geister“ erschien 1968 als Debüt Alice Munros, eine bedeutendsten Autoren Kanadas, und ist jetzt erstmal in der Übersetzung von Heidi Zernig auf Deutsch zugänglich. Ein Debüt, dass bereits viel von der großen Kunstfertigkeit Munros besitzt, deren Erzähltechnik auf die große Geste, das Überladene, das Sentimentale verzichtet. Der Stoff findet sich im Leben in der Provinz, abseits der großen Themen, im kleinen Leben, in den Alltäglichkeiten, immer wieder im Scheitern. „Tanz der Geister“ ist aber auch eine Sammlung von Erzählungen, die Reifeprozesse zum übergeordneten Thema haben, das Verstehen, das Lernen. Die Protagonisten sind überwiegend jung und auf der Suche nach ihrem Stand in der Welt, einer Welt, die vom Mief der Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre geprägt ist. Distanziert betrachtet Alice Munro die Welt und doch führt diese Distanzierung nicht zu einer Distanzierung durch den Leser. Der wird herein gezogen in den Sog von Munros Erzählungen, die trotz des mittlerweile beachtlichen Alters von einer Frische sind, die eben wahre Literatur auszeichnet. Und so bleibt ein nachgereichtes literarisches Debüt, das vollkommen ohne Patina erkennen lässt, welch große Erzählerin Alice Munro bereits in jungen Jahren war.

Alice Munro

Tanz der seligen Geister

Fünfzehn Erzählungen
Aus dem Englischen von Heidi Zerning
Deutsche Erstausgabe
Originaltitel: Dance of the Happy Shades
384 Seiten. Leinen mit Leseband
€ [D] 23.90 / € [A] 24.60 /
SFr. 39.90 (UVP)
ISBN 9783908777557

Erschienen bei Dörlemann.

Vergängliches Idyll. Francis Wyndham “Der andere Garten”


Englische Provinz, Dreißigerjahre des letzten Jahrhunderts. Weit weg von der großen Welt und ihren Wirrnissen befindet sich der geometrische Garten, den der Vater des Ich-Erzählers angelegt hat und in den er sich zurückzog. Eines Tages lernt der Erzähler, 13 Jahre alt, Kay kennen. Kay ist Mitte zwanzig, nicht im klassischen Sinn schön, aber erotisch, unangepasst – verheißungsvoll. Zwischen Kay und dem Erzähler entwickelt sich eine ganz eigene Beziehung, die beider Leben prägen wird; Leben, an dem einer der beiden scheitern wird. Kay wird der Bezugspunkt des Erzählers, er begleitet sie, und er wird, obwohl deutlich jünger, zunehmend zum Beschützer, fast zur Vaterfigur.

Es ist ein leichter Roman, der von der Abgeschiedenheit der ländlichen Idylle zehrt, voller liebenswert gezeichneter Figuren. Und doch schwingt etwas Vergängliches über allem, eine Ahnung vom Ende einer Epoche, die im Zweiten Weltkrieg untergehen wird, der die Provinz nicht direkt erreicht, dessen Nachwirkungen aber alles verändern. Er geht unter, der Idealzustand eines ereignisarmen Lebens, geprägt von Klatsch und vorsichtigen Amouren, der Zustand von Tagen, deren Verlauf bereits am Morgen feststeht und in denen man doch glücklich sein kann. Auch der andere Garten steht symbolisch für diese Vergänglichkeit, bereits zum Zeitpunkt der Erzählung erscheint er aus der Mode.

Kay passt nicht in diese Welt. Ihre Persönlichkeit schwankt permanent zwischen Schutzbedürftigkeit und Aufbegehren, eine Figur, die nicht auf Sparflamme brennt und die umso mehr an den Konventionen zu brechen droht. Der andere Garten wird zu einem Ort, an dem sie frei ist und an dem sie Ruhe findet. Später werden sich Kay und der Erzähler immer wieder aus den Augen verlieren und doch aneinander gebunden bleiben.

Es ist ein Roman vom Erwachsenwerden, durch Kay wächst der Erzähler zu einem Mann heran, bereit, ins Leben zu treten. Francis Wyndham schildert dies alles mit einer Leichtigkeit, die selten so zu finden ist.

„Der andere Garten“ ist ein wunderbarer kleiner Roman.

Francis Wyndham

“Der andere Garten”

Aus dem Englischen von Andrea Ott
Deutsche Erstausgabe
Originaltitel: The Other Garden
192 Seiten. Gebunden mit Leseband
€ [D] 18.90 / € [A] 19.50 /
SFr. 28.90 (UVP)
ISBN 9783908777571

Erschienen bei Dörlemann.

„Wer nicht pariert, wird hart gefickt!“ Anton Waldt „Auf die Zwölf“


„Dein Scheißsaft brennt voll auf mein’m frisch rasierten Pussyalarm!“ Sagt Mandy. Tom sinniert derweil „Dürfen Veganer eigentlich schlucken?“ Willkommen in Toms Welt! Eine Welt voll im Blut-Sperma-Drogen-Rave-Rausch, mit einem Protagonisten, vor dem Eltern ihre Kinder immer gewarnt haben. Tom ist Raver, schluckt alles, was ihm in die Finger kommt, wichst ständig, und wenn er nicht wichst, dann vögelt er Typen, Bräute, Tiere – Stop, Tiere nicht, so eine Sau ist Tom dann doch nicht.

Anton Waldt, Chefredakteur von De:Bug, versammelt im vorliegenden, im Verbrecher Verlag erschienenen Band ein Best of seiner Texte, die zwischen 1998 und 2007 erschienen sind. Zuerst in „Partysan“, später dann auf den Flyern des Berghain.

Entsprechend kurz sind die – hinter aller vermeintlichen Obszönität sprachlich äußerst versierten – Texte, die den Leser in eine Welt aus Exzess entführen, die jeglicher Sinnhaftigkeit entbehrt. Im Stakkato-Ton geht es voran, atemlos rauscht Tom durch die Welt oder das, was er für die Welt hält. Und immer wieder gibt es auf die Fresse. Tom steht wieder auf. Beim Schaurammeln im Galerieschaufenster von einer Horde Serben, die „keine Schwulen, die ihre Dödel auf der Straße schwenken“ mögen, aufgemischt? „Tom steht nackt in den Trümmern der Galerie und ist immer noch geil.“ Peace, man! Im Darkroom den Lichtschalter angeknipst? „Tom hat eine gute Zeit auf der Intensivstation.“

Und das Bildungsbürgertum wendet sich angewidert ab.

Gelesen werden sollte „Auf die Zwölf“ in spärlicher Dosierung, schnell stellt sich sonst ein Anflug von Ekel ein; der verschwenderische Umgang mit Körperflüssigkeiten wirkt irgendwann klebrig.

Doch hinter der orgiastischen Fassade schimmert immer wieder das Wissen um eine verkorkste Existenz durch. Das Leben als Dauerporno (mehr…)

Von Sumpfschnorchlern und Cricket-Regeln. Holger Ehling “England, glorious England”


Klar, über England, respektive die Engländer, wissen wir eigentlich alles. Sie trinken warmes Bier in Massen, sind nie ohne Regenschirm unterwegs und im Fußball haben die Three Lions nur einen einzigen Erfolg mit tatkräftiger Unterstützung eines sowjetischen Linienrichters errungen; aber Humor, den können sie.

Holger Ehling, langjähriger England-Korrespondent für verschiedene Zeitungen und Fernsehsender, hat mit „England, glorious England“ ein vergnügliches Kompendium geschrieben, das den Untertitel „Annäherung an eigenwillige Verwandte“ trägt, schließlich gab es ja – neben der Tatsache, dass die Angeln und die Sachsen germanischen Ursprungs sind – eine Reihe hannoveraner Georgs, die England regierten, und das Haus Windsor hieß bis 1917 Sachsen-Coburg-Gotha.

Er kratzt an der Oberfläche der Klischees und der Stereotypen, umreißt dabei auch die wechselseitigen Beziehungen zwischen England und seinem „old enemy“, also uns, die wir uns immerhin rühmen können, von den Engländern überhaupt zur Kenntnis genommen zu werden, ein Privileg, das große Teile der Welt nicht besitzen.

Ehling will nicht in Konkurrenz treten zu tiefschürfenden akademischen Werken, im Plauderton handelt der Autor die englische Geschichte ab, stellt englische Helden und Architekturwunder vor, beschäftigt sich mit dem Privatleben, den Marotten und seltsamen Freizeitbeschäftigungen. Ganz wichtig natürlich der englische Humor, Blackadder, Georges Mikes – von dem der Satz stammt, „Die Kontinentaleuropäer haben ein Sexleben, die Engländer haben Wärmflaschen“ – und Sir Humphrey, die Figur aus „Yes, Minister“, sind Ehlings Haushelden und begegnen dem Leser auf Schritt und Tritt. Humorvoll ist auch der Grundton des Buches, der Versuch, deutschen Lesern die Cricket-Regeln darzulegen, kann auch nur mit Humor in Angriff genommen werden, ein Humor, der sich an dieser Stelle des unausweichlichen Scheiterns bewusst ist. Jeder Kontinentaleuropäer, der einmal versucht hat, diese Regeln zu verstehen, kann nur zu dem Schluss kommen, dass alle Engländer (und die meisten anderen Angehörigen des Commonwealth) ein bestimmtes Gen teilen, das Cricket-Gen, das dem Rest der Welt einfach fehlt.

Das Kapitel über den englischen Humor räumt ein wenig mit der Vorstellung auf, dass der Engländer sich ausschließlich über Monty Python oder Rowan Atkinson amüsiert, also die Kronjuwelen dessen, was unter englischem Humor verstanden wird. Er ruft auch die „Benny Hill Show“ ins Gedächtnis, unterschlägt ganz gentlemanlike den Brachialhumor der „Carry on“-Reihe“ oder den kürzlich verstorbenen Norman Wisdom, dessen Slapstick subtil zu nennen auch niemand auf die Idee käme.  Und auch die sich großer Beliebtheit erfreuenden „Knock knock who’s there“-Witze rufen bei nicht Eingeweihten eher ein Kopfschütteln hervor (mehr…)

„Wer als Pilger nach Jerusalem kommt, muss über drei wertvolle Gaben verfügen – Glaube, Geduld und Geld. Die wundersamen Irrfahrten des William Lithgow. Hrsg. von Roger Willemsen


„Wenn das Streben nach Glück unser Leben beherrscht, erschließen uns vielleicht nur wenige unserer Handlungen soviel über die Dynamik dieser Suche – mit all ihrer Inbrunst und ihren Paradoxien – wie die Reisen, die wir unternehmen. […] Nur selten jedoch wird bedacht, dass das Reisen philosophische Probleme aufwirft, [...] deren Betrachtung in bescheidenem Maße zum Verstehen dessen beitragen könnte, was griechische Philosophen mit dem schönen Begriff der eudaimonia, der Entfaltung der Persönlichkeit, bezeichneten.“ So schreibt Alain de Botton im Kapitel „Über Erwartungen“ seines, lesenswerten, Buches „Die Kunst des Reisens“ (S.Fischer). In Bezug auf William Lithgow, dessen Reiseberichte aus dem frühen 17. Jahrhundert erstmals auf Deutsch vorliegen, kann man de Bottons Einlassungen getrost vergessen.

William Lithgow, Schneider aus Schottland, war einer der großen Reisenden seiner Zeit. Neben mehreren kleineren Reisen unternahm er zwischen 1609 und 1621 drei große Reisen, die ihn auf drei Kontinente – Europa, Asien, Afrika – führten und deren Beschreibungen mare im bibliophilen Band „Die wundersamen Irrfahrten des William Lithgow. Herausgegeben von Roger Willemsen.“ veröffentlicht hat.

Als Reisender war er ein Solitär.

Das Leben hat ihm übel mitgespielt, dem tapferen Schneiderlein aus South Lanarkshire. Dereinst stimmte er vor dem Fenster der Angebeteten ein Liebeslied an, sehr zum Missfallen ihrer Brüder. So sehr zum Missfallen, dass sie ihm beide Ohren abschnitten. (In einer anderen Version waren es die Brüder seiner Verlobten, nachdem Lithgow bei körperlicher Ertüchtigung mit eben nicht seiner Verlobten erwischt wurde). So ganz belegt ist dies zwar nicht – Lithgows Lebensumstände vor seinen Reisen liegen im Dunkeln -, liefert aber doch eine in der Geschichte des Reisens wohl einmalige Begründung für seine erste Reise (mehr…)

Die Dinge waren schrecklich. Ulrich Ladurner: Solferino. Kleine Geschichte eines großen Schauplatzes


Ein Städtchen in der Nähe des Gardasees, Provinz Mantua, heute leben dort rund 2600 Einwohner. Am 24. Juni 1859 Schauplatz einer Schlacht zwischen Österreich auf der einen und Piemont-Sardinien sowie Frankreich auf der anderen Seite. Als Heerführer standen sich Kaiser Franz Joseph von Österreich und Napoléon III. gegenüber, die über mehr als 200.000 Soldaten gebieten. Die Front zog sich über eine Länge von knapp 20 Kilometern, am Ende des Tages waren über 6000 Soldaten tot, weitere 30000-40000 verwundet. An den Folgen der Verwundungen starben anschließend mehr Soldaten als in der Schlacht.
Österreich verlor die Schlacht und in der Folge auch die Lombardei, für die Habsburgermonarchie war die Niederlage der Anfang vom Ende, für Italien ein wichtiger Schritt zur nationalen Einheit.
Das sind die nüchternen Fakten.

Der zufällig anwesende Henry Dunant ist über die katastrophalen Versorgungszustände nach der Schlacht derart entsetzt, dass er das Buch „Eine Erinnerung an Solferino“ veröffentlicht. Darin unterbreitet er Vorschläge, wie künftig Verwundete von neutralen Freiwilligen versorgt und geschützt werden können. Diese Vorschläge führen zur Gründung des Roten Kreuzes und zu den Genfer Konventionen.

Ulrich Ladurner, Auslandskorrespondent der ZEIT, schreibt in dem vorliegenden Band eine private Geschichte des Schauplatzes. Die Reise nach Solferino ist gleichsam eine Reise in die Vergangenheit seiner Familie. Ladurners Urgroßvater nahm als einfacher österreichischer Soldat an der Schlacht teil, in seinem die Zeiten überdauernden Tagebuch hielt er die Eindrücke seiner Militärzeit fest. Jahre vor seinem Tod überreichte der Vater des Autors das Tagbuch mit den Worten Damit du weißt, woher du kommst, aber erst nach dessen Tod schlägt er es auf und beginnt zu lesen. Der Entschluss, an den Ort zu reisen, an dem das Tagebuch meines Urgroßvaters seinen grausigen Höhepunkt erreichen sollte, fasst Ulrich Ladurner exakt 150 Jahre nach der Schlacht von Solferino.
Er begibt sich auf Spurensuche und entwirft einen ganz eigenes Bild, in dem historische Fakten und die Vorstellung davon, wie der Einzelne Solferino erlebt haben könnte, sich verbinden.
Spazierend bewegt sich Ulrich Ladurner durch die Straßen und Gassen. Inschriften liefern ihm Bruchstücke, hinter denen sich Einzelschicksale verbergen. In Gesprächen setzen sich ein Bild zusammen, (mehr…)

SuB (Stapel ungelesener Bücher) Update 9


Neuzugänge in den letzten  Wochen:

Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen: Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch. Aus dem Deutschen des 17. Jahrhunderts von Reinhard Kaiser (Eichborn)

Shane Jones: Thaddeus und der Februar (Eichborn)

Ulrich Ladurner: Solferino. Kleine Geschichte eines großen Schauplatzes (Residenz Verlag)

Jed Pearl: New Art City. Manhattan und die Erfindung der Gegenwartskunst (Hanser, via Zweitausendeins)

Nicolais Lilin: Sibirische Erziehung (suhrkamp nova)

Adrian McKinty: Der sichere Tod (Suhrkamp)

Jörn Klare: Was bin ich wert? (suhrkamp nova)

Holger Reichard: 111 Gründe, sich selbst zu lieben (Schwarzkopf & Schwarzkopf)

Manfred Lütz: IRRE (Gütersloher Verlagshaus)

Tahmima Anam: Zeit der Verheißungen (Insel)

Matthias Politycki: In 180 Tagen um die Welt (mare)

Gilbert Adair: Suspense. Der Schlüssel zum Tum, Blindband, Der Tod des Autors (Edition Epoca)

P.G. Wodehouse: Reiner Wein, Mulliner schenkt ein, In alter Frische (Edition Epoca)

Hans Gerd Pyka: Königswasser (ONKEL & ONKEL)


Auf dem Stapel:

Hubert Fichte: Detlevs Imitationen „Grünspan“ (Fischer)

Chris Wilson: Fou (Insel)

Andrej Blatnik: Ändere mich (folio)

Emilio Salgari: Die Tiger von Mompracem (Wunderkammer)

Asholt/Fähnders (Hrsg.): Manifeste und Proklamationen der europäischen Avantgarde (1909-1938). (J.B.Metzler) (bei Zweitausendeins)

Don Winslow: Pacific Private (Suhrkamp)

Gary Shteyngart: Snack Daddys Abenteuerliche Reise (Berlin Verlag)

Richard Sennett: Civitas (Berlin Verlag)

Dietmar Dath: Sämmtliche Gedichte (Suhrkamp)

Victor Lodato: Mathilda Savitch (C.H.Beck)

Wilhelm Raabe: Romane (antiquarisch)

Uwe Timm: Halbschatten (Kiepenheuer  Witsch)

Salvador Plascencia: Menschen aus Papier (Edition Nautilus)

Hubert Fichte: Die Palette (Fischer Tb.)

T Cooper: Lipshitz (Marebuch)

Martin Mosebach: Die Türkin (dtv)

Rose Tremain: Der weite Weg nach Hause (Suhrkamp)

Abraham Verghese: Rückkehr nach Missing (Insel)

Peter Bosch: Der Spurenzeichner (Albatros)

Ugo Riccarelli: Der vollkommene Schmerz (Zsolnay)

Chandler Brossard: Wacht auf! Wir sind gleich da! (Rogner & Bernhard)

Sir Arthur Conan Doyle: Memories and Adventures (Wordsworth Literary Lives)

Matias Faldbakken: Unfun (Blumenbar)

Donald A. Prater: Thomas Mann. Deutscher und Weltbürger. (Hanser)

Ralf Rothmann: Feuer brennt nicht (Suhrkamp)

Ingo Schulze: Handy (Berlin Verlag)

Ketil Bjornstad: Vindings Spiel (Suhrkamp Tb)

Ketil Bjornstad: Der Fluß (Insel)

Peter Crane: Wir leben nun mal auf einem Vulkan (Weidle)

Hanne Kulessa: Der Große Schwarze Akt (Weidle)

Chuck Palahniuk: Das letzte Protokoll (Goldmann)

Hanns-Josef Ortheil: Die Nacht des Don Juan

Dietmar Dath: Dirac (Suhrkamp)

Donald Windham: Dog Star (Lilienfeld)

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften

Nick Hornby: A long way down

Markus Werner: Am Hang

Peter Handke: Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos

Lewis Carroll: Sylvie und Bruno

Runter vom Stapel, beendet oder in `Bearbeitung`:

Joey Goebel: Heartland (Diogenes)

Flamm/Hanika: Berlin im Licht. 24 Stunden Webcam (edition suhrkamp)

Ulrich Raulff: Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben (C.H.Beck)

Ulrich Ladurner: Solferino. Kleine Geschichte eines großen Schauplatzes (Residenz Verlag)

Jed Pearl: New Art City. Manhattan und die Erfindung der Gegenwartskunst (Hanser, via Zweitausendeins)

Nicolais Lilin: Sibirische Erziehung (suhrkamp nova)

Adrian McKinty: Der sichere Tod (Suhrkamp)

Jörn Klare: Was bin ich wert? (suhrkamp nova)

Holger Reichard: 111 Gründe, sich selbst zu lieben (Schwarzkopf & Schwarzkopf)

Martin Kubaczek: Sorge. Ein Traum. (folio)

Gilbert Adair: Suspense. Der Schlüssel zum Tum, Blindband, Der Tod des Autors (Edition Epoca)

So hätte James Joyce geschrieben, wenn er nicht bescheuert gewesen wäre. Flann O’Brien “Auf Schwimmen-Zwei-Vögel”


O’Briens Roman gehört sicher zu den ungewöhnlichsten Romanen der Weltliteratur. Die Handlung? Nun ja, ein Student versucht sich als Autor und beginnt einen Roman mit drei Anfängen (ein vierter kommt rasch hinzu) und einer offenen Anzahl von Enden. Er entwirft eine staatliche Anzahl von Figuren, er wechselt die Gattungen, die Handlungen mäandern so vor sich hin, das Ende rückt in immer weitere Ferne. Es kommt der Zeitpunkt, an dem die Figuren die Schnauze voll vom ziellosen Hin und Her haben, sich in einem Kino versammeln und mit dem Autor Klartext reden, damit die Sache endlich ein Ende habe. Der 1939 erschienen Text entzieht sich jeglicher Kategorisierung, es ist ein beispiellos aberwitziges Buch. O’Brien mixt gnadenlos Alltags-Stereotypen mit keltischen Mythen, parodiert den Typus des genialischen Dichters, haut auf literarische Theorien ein, kommentiert seine Arbeit innerhalb des Textes und schafft damit noch eine dritte Textebene und bleibt dabei vor allem: unheimlich komisch. Als Myles na gCopaleen (Myles von den Pferdchen) schrieb O’Brien lange Zeit eine Kolumne für die Irish Times. In dieser führte er häufig einen Dialog mit dem „einfachen irischen Volk“. Das einfache irische Volk bescheinigte „Auf Schwimmen-Zwei-Vögel“ dann auch: „So hätte James Joyce geschrieben, wenn er nicht bescheuert gewesen wäre.“ Und ob der Roman nun Vorreiter der Postmoderne ist oder tatsächlich das sinnfreieste Meisterwerk der Weltliteratur nach Ulysses – vollkommen egal. Wer immer auch einen Sinn für Absurdität hat und dieses Buch noch nicht gelesen hat, der hole das schleunigst nach. Übersetzt wurde es, und damit schließt sich der heutige Kreis, von Harry Rowohlt. „Auf Schwimmen-Zwei-Vögel“ ist in der O’Brien-Gesamtausgabe oder einzeln zu erhalten. Als Hörbuch ist es ebenfalls bei Kein & Aber erhältlich.

Da es im Buchhandel unter Umständen als “nicht lieferbar” geführt wird (es aber lieferbar ist), bestellt man es besser gleich über den Verlag selbst.

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