Lesebefehle


Vor Kurzem habe ich einen Tumblr-Blog eingerichtet, auf dem ich wochentäglich (zumindest versuche ich es) ein Buch empfehle. Einfach so und unkommentiert. http://lesebefehle.tumblr.com/

Jodie sieht an der einen Stelle fast nackt aus


Mit Jochen Schmidt ins Ferienlager

 

schmidt coverMit 14 steht einem die Welt offen, auch wenn es nur die kleine Welt der DDR ist, die höchstens bis zum Balaton reicht, in der ein Ausflug in die CSSR schon den Hauch von Exotik und Abenteuer verströmt. Die Sommerferien dauerten zwei volle Monate, und der Aufenthalt im Ferienlager gehörte zum Standardprogramm. Zumindest für die Jüngeren, mit 14 durfte man ein letztes Mal. 14 ist auch das Alter von Jens, Protagonist in Jochen Schmidts Roman „Schneckenmühle“, so der Name des Ferienlagers in Sachsen, dass auch der Autor Jochen Schmidt besucht hat. Jeder größere Betrieb unterhielt ein eigenes Ferienlager für die Kinder der Werktätigen, Schneckenmühle war das Ferienlager der Akademie der Wissenschaften. Gleichwohl legt Schmidt Wert darauf, dass er keinen autobiographischen Roman verfasst hat.

Es ist ein besonderer Sommer, aber davon ahnen Jens und die anderen noch nichts oder nicht viel, es ist der Sommer 1989. Die sich andeutenden politischen Umwälzungen spielen vorerst nur am Rande eine Rolle, zwei Mitarbeiter des Ferienlagers sind eines Tages verschwunden, es heißt, sie hätten sich nach Ungarn in die Botschaft der BRD abgesetzt. Viel wichtiger sind aber die klassischen Beschäftigungen, die so in jedem Ferienlager stattfanden. Tischtennis, vor allem in der Variante Chinesisch, Skat, als Höhepunkte die Nachtwanderung, die Diskos und das abschließende Lagerfeuer. Und natürlich erste zaghafte Erfahrungen mit Alkohol und die Bungalows der Mädchen, inklusive der Waschräume.

Schneckenmühle“ ist kein Roman mit einer sonderlich stringenten Handlung, das Erzählte lebt von Abschweifungen und Gedanken, der Alltag im Ferienlager gestaltet sich zunächst recht geruhsam, zumindest so geruhsam, wie es in einer Gruppe von Kindern und Jugendlichen sein kann. Erst nachdem Jens Peggy begegnet, spannt sich der Erzählbogen. Peggy ist Außenseiterin, irgendwie komisch und einzige Sächsin unter lauter Berliner Gören, deren Arroganz DDR-weit Legende war. Trotz ihres Außenseitertums fühlt sich Jens zu Peggy hingezogen, auch wenn er sich das Warum nicht so recht erklären kann. Als Peggy vor dem Mobbing der anderen ausreißt, werden der schüchtern-naive Jens und das Mädchen zu Verbündeten, in der Folge kommt es auch zu einer anrührenden Roadmovie-Geschichte.

Jochen Schmidt war Mitbegründer der Berliner Lesebühne „Chaussee der Enthusiasten“ und die Lesebühnenerfahrung schimmert immer wieder im Text durch, die hohe Pointendichte ist kennzeichnend. Flach wird’s nur dann, wenn die Erinnerung all die flachen Witze („Tod durch Bongo Bongo“ oder der mit dem Maiskolben, „Hm, mit Butter!“) und Bezeichnungen hervorbringt, die 14-Jährige nun mal so raushauen. Und davon gibt es einige, die meisten werden nur angedeutet, der Leser kennt sie ja alle (fast zumindest, welches Essen sich hinter dem Begriff „Kinderpuller“ verbarg, traut man sich auch nicht zu googeln). Wenn er denn eine Vergangenheit in der DDR hat, wie der Rezensent. Der war nämlich im Sommer 1989 ebenfalls 14, ebenfalls zum letzten Mal im Ferienlager, genauer im Pionierlager Graal-Müritz. Und natürlich hat man damals dieselben Unterhaltungen geführt, die Pubertierende eben so führen, in der Mischung aus Halbwissen, Klugscheißen, Sexismus, Mythen und Unbedarftheit, mit der Chuzpe, die man aufbringt am Übergang zwischen Kindheit und Erwachsenwerden, denn „In allem, was uns betrifft, sind wir ihnen [den Erwachsenen] von Natur aus überlegen“. Alle wussten, dass, „wenn man bei Colt Seavers auf Schwarz-Weiß dreht“, Jodie „an der einen Stelle fast nackt“ aussieht, auch wenn das irgendwie nie funktionierte, so sehr man auch drehte. Auch wir verzogen in der Disko angewidert das Gesicht, wenn ein Lied „von hier“ gespielt wurde und sangen an der Stelle „Deutschland, Deutschland, (more…)

Keine Lust auf Wirtschaftswunder. Ralph Dohrmanns Debütroman “Kronhardt”


kronhardtAuf rund 920 Seiten mal eben die gesamte bundesrepublikanische Geschichte abhandeln, dazu noch die große Weltgeschichte und ein paar Ausflüge zurück ins Kaiserreich und zu den Nazis. Man kann nicht behaupten, dass es Ralph Dohrmann mit seinem ersten Roman klein angehen lassen hat. Das Ergebnis ist allerdings nur in Teilen gelungen.

Als einziger Erbe eines Bremer Stickereiunternehmens wird Willem Kronhardt in den frühen fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts geboren. Sein Vater starb früh während einer gemeinsamen Bootsfahrt, Willem hat dies nie verwinden können. Seine geschäftstüchtige, kontrollbesessene Mutter heiratet den Bruder des Vaters, gemeinsam richten sie Willems Erziehung auf die spätere Übernahme der Firma aus. Bereits in der Grundschule wird Willem dazu verdonnert, mit Kindern zu spielen, deren Eltern nützlich fürs Geschäft sind, seine Kreise soll der Junge in der Bremer Upperclass ziehen. Da passt es nicht ins Erziehungskonzept von Mutter und Stiefvater, beide noch in der Gedankenwelt und im Vokabular der Zeit, in der die Stickerei eifrig Hakenkreuze stickte, dass Willem so gar keine Ambitionen zu einer Karriere im Wirtschaftswunderland hat, lieber mit seinem nicht standesgemäßen Freund Schlosser die Umgebung, später auch die Frauen erkundet. Willem entwickelt im Laufe der Zeit eigene Mechanismen, um sich Freiräume zu schaffen, indem er sich scheinbar mit den Erwartungen arrangiert, diese aber immer wieder unterläuft. Eigentlich Naturwissenschaften studieren wollend, nimmt er ein Betriebswirtschaftsstudium auf, sein eigentliches Engagement gilt aber der einen oder anderen Affäre. Mit Schlosser verbringt er einige Zeit in Berlin – wir befinden uns mittlerweile am Ende der 60er Jahre –, er lernt das Leben in einer Kommune kennen. Allerdings sind ihm extreme Ansichten suspekt und zu anstrengend, Willem strebt eine Existenz als Oblomow des 20. Jahrhunderts an, ohne dessen tragische Züge freilich. Da passt es auch ganz gut, dass sich Willems Zeugungsunfähigkeit herausstellt, was ihn von der Pflicht der Nachkommenschaft befreit. In Barbara findet er seine kongeniale Frau fürs Leben, sie bringt den Ehrgeiz mit, die Geschäfte des Familienunternehmens den sich wandelnden Anforderungen anzupassen und sie prosperieren zu lassen. „Kronhardt“ lässt sich auch als Kapitalismusgeschichte der BRD lesen. Willem Oblomow hingegen richtet sich bequem in einer Halbtagsexistenz als Firmenerbe ein, während er den Rest des Tages überwiegend auf dem Sofa liegend mit der Lektüre naturwissenschaftlicher Magazine verbringt. All dies spielt sich vor dem Hintergrund der bundesdeutschen Geschichte ab, die immer wieder ins Leben der Protagonisten rein drückt. Zudem ist es ein Sittenbild der unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, flankiert von zahlreichen Personen, die zwischen Karikatur, Typen und Charakteren wechseln, wichtigen und weniger wichtigen. Sie tauchen auf, viele verschwinden ebenso schnell wieder und selbst Schlosser fliegt ab nach Mexiko und ward nie wieder gesehen.

Hätte Ralph Dohrmann seinen Roman nach reichlich 500 Seiten beendet, (more…)

Buchmesse, mal wieder


Einen neuen Besucherrekord gibt es zu vermelden. Prima. Am Sonnabend mussten teilweise die Zugänge zu den Hallen gesperrt werden, so voll war es. Ich weiß schon, warum ich immer nur an drei Tagen, nie aber am Sonnabend auf der Messe bin, obwohl man da wahrscheinlich nicht alle paar Meter über einen gelangweilten Teenager fällt, der mit seiner Klasse zum Besuch verdonnert wurde, dafür aber bestimmt ständig gegen irgendwen anders prallt, der urplötzlich vor einem stehen bleibt. Ist halt Buchmesse, ist wie immer, nur ein bisschen schlimmer war es dies Jahr schon. Verständlich, dass sich Messe und Aussteller (alle?) über mehr Besucher freuen, der Messebesuch wird für den einzelnen aber nicht erfreulicher, für das Sicherheitspersonal offenbar auch nicht, viele Klagen über, vorsichtig ausgedrückt, nur so mittel freundliches Gebaren waren zu lesen, ich hatte ja nie das Vergnügen, die deutsch-deutsche Grenze zu passieren, damals, aber es wurde gemutmaßt, dass der eine oder andere problemlos (more…)

Zur Beratungsqualität Buchhandel vs. Amazon


Eines der Hauptargumente gegen Amazon und für den stationären Buchhandel ist ja die fehlende Beratung. Nun ist es sicher so, dass man mir zum Beispiel bei Hammett in Berlin treffsicher eine Krimiempfehlung auf Basis meiner diesbezüglichen Vorlieben aussprechen kann. Es gibt sicher die Situation, dass sich Buchhändler und Kunde seit Jahren kennen, einen ähnlichen literarischen Geschmack teilen und sich der Kunde auf die Empfehlung verlassen kann. Aber ist das der Normalfall? Ich denke nicht. Als ich vor einiger Zeit Kapielskis “Neue sezessionistische Heizkörperverkleidungen” suchte (wurde zu dieser Zeit in mehreren überregionalen Feuilletons rezensiert, hätte man also schon mal gehört haben können), wurde ich in Buchhandlung xy gefragt “Kapielski? Wie schreibt man das?” Da brauche ich dann gar nicht mehr darüber nachdenken, ob ich mich dort beraten lassen will. Auf der Basis von Nichtwissen kann es keine weitergehenden Empfehlungen geben. Und nun Amazon, die Rubrik “Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch”. Da werden mir Bücher von Henschel, Droste, Goldt, Ulf Erdmann Ziegler, Matthias Altenburg empfohlen, da werde ich auf Müllers Subkultur Westberlin 1979-1989 aufmerksam gemacht, Urs Engeler ist aufgelistet und und und. Mit anderen Worten: Ich werde – zwar auf andere, auf einem Algorithmus basierende Weise – beraten. Und dies deutlich treffsicherer als vermutlich in 7 von 10 Buchhandlungen.

Gruppe 47 – Literatur als Event


Die Tagebücher von Hans Werner Richter und Helmut Böttigers Geschichte der Gruppe 47 liefern eine profunde Analyse der zunehmenden Verzahnung von Literatur und Medienbetrieb und belegen Hans Werner Richters immensen Einfluss auf die deutsche Nachkriegsliteratur.

Mit 16 Teilnehmern begann ein bedeutendes Kapitel der westdeutschen Nachkriegsliteraturgeschichte. Zwischen dem 6. und 7. September 1947 versammelten sich am Bannwaldsee bei Füssen junge, unbekannte Autoren auf Einladung von Hans Werner Richter, um zu lesen und zu diskutieren. Die meisten Teilnehmer des ersten Treffens dürften heutzutage nur noch einigen Wenigen geläufig sein, allenfalls Wolfdietrich Schnurre ist noch einem breiteren Publikum ein Begriff. Auch wenn dieses erste Treffen noch nicht absehen ließ, dass die Gruppe 47 – der Name entstand nach diesem ersten Treffen – zu der Institution werden würde, die sie im Laufe der 20 Jahre ihres Bestehens wurde, kristallisierten sich bereits hier die ungeschriebenen Spielregeln heraus, die bis zum Ende Bestand haben sollten. Der Vortragende darf die geäußerte Kritik nicht erwidern, die Kritik hat ausschließlich den vorgetragenen Text zum Gegenstand.

Helmut Böttiger beleuchtet nun mit seiner umfassenden Gesamtdarstellung die Ursprünge der Gruppe 47, liefert eine profunde Analyse der zunehmenden Verzahnung von Literatur und Medienbetrieb und zeichnet die Nachwirkungen auf.

Ein Ursprung der Gruppe lässt sich in den USA finden. Im Kriegsgefangenenlager Fort Kearney unweit New Yorks erschien im Zeichen der Reeducation erstmals die Zeitschrift Der Ruf, die sich dem “sozialistischen Humanismus” widmete. An ihr arbeiteten unter anderem Hans Werner Richter, der ebenfalls an der ersten Tagung teilnehmende Walter Kolbenhoff sowie Alfred Andersch. Andersch war es, der als Herausgeber der 1946 neu gegründeten Zeitschrift, die ebenfalls unter dem Namen Der Ruf in München erschien, Richter als Redakteur engagierte. Bald fungierte auch Richter als Herausgeber, bevor nach acht Monaten die Zeitschrift auf Betreiben der amerikanischen Zensurbehörde verboten wurde.

Aus dem nicht verwirklichten Plan Richters, eine Nachfolgezeitschrift ins Leben zu rufen, entstand dann die Idee der Gruppe 47. Anfangs zweimal im Jahr, später dann jährlich versammelten sich Autoren und zunehmend auch Kritiker und Verleger, um Positionen der deutschen Gegenwartsliteratur auszuleuchten. Ging es in der Anfangszeit vor allem um die Bestimmung des eigenen Standortes, mit der sich die Autorengeneration der Kriegsheimkehrer auseinandersetzte, um die Abgrenzung zur literarischen Sprache und den Themen der Nazijahre, entwickelten sich die Tagungen nach und nach zu dem, was heutzutage den Begriff Literaturbetrieb kennzeichnet.

Böttiger_Gruppe 47

Aufschlussreich das Kapitel, das Böttiger den Kritikern widmet. Vor allem Marcel Reich-Ranicki, Walter Jens und Hans Mayer, aber auch Walter Höllerer und Joachim Kaiser wurden zunehmend zu den dominierenden Protagonisten der Tagungen und traten seit den späten 50er Jahren als „geschlossener Block” auf, der selbstbewusst in der ersten Reihe Platz nahm. Böttiger zitiert und ergänzt ausführlich Martin Walsers Brief an einen ganz jungen Autor, in dem Walser (dem Böttiger in leicht süffisantem Ton bescheinigt, das Tragische an seiner Laufbahn sei, dass dieser Text zu seinen besten gehöre) das sich bietende Schauspiel unnachahmlich beschreibt. Sebastian Haffners Dokumentation über die Gruppe 47 (in Auszügen hier zu sehen) verdeutlicht die zunehmende Selbstinszenierung der Kritiker. Dies stieß auf Widerwillen der Autoren, vor allem Reich-Ranicki wurde zur Projektionsfläche der Abneigung, es gab Bestrebungen seitens von Autoren wie Wolfgang Hildesheimer, ihn nicht mehr zu den Tagungen einzuladen; Richter widerstand dem allerdings.

Zugleich aber befand sich die Literaturkritik der Zeit in einem Stadium des Richtungskampfes, Reich-Ranicki oder Joachim Kaiser lösten die bis dahin tonangebende konservative, zum Teil durch in die NS-Diktatur verstrickte Autoren verfasste Literaturkritik ab. Deren Akteure wie Friedrich Sieburg oder Hans Egon Holthusen erhoben nach 1945 die klassische Moderne zum Maßstab (vgl. dazu auch Oliver Pfohlmann; Literaturkritik der Bundesrepublik, in Anz/Basler; Literaturkritik, München 2007) und sprachen Literatur jeglichen Bezug zu aktuellem Geschehen ab. Zugleich kritisierten sie die Gruppe 47, zu der sie nie eingeladen wurden, in teils deutlichen Worten, konnten aber den Generationswechsel nicht mehr verhindern.

Mehr Spektakel

Es mag kein Zufall sein, dass das Pointen heischende Wechselspiel der Kritiker mit dem Zeitpunkt an Fahrt gewann, als die Tagungen mehr und stärker in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurden. Nachdem Günter Grass 1958 mit Auszügen aus der Blechtrommel für einen Paukenschlag sorgte, drängelten sich Verleger in den Sälen, die Autoren wurden zur Minderheit. Aber auch unter den Schriftstellern machte sich zunehmend die Gewissheit breit, dass die Teilnahme entscheidenden Einfluss auf die literarische Karriere haben konnte. Richter konnte dem Spektakel eigentlich wenig abgewinnen und fand doch keinen Weg zurück zum intimen Rahmen der Anfangsjahre. Öffentlichkeitswirksam fanden Treffen in Schweden und in den USA statt. Vor allem das Treffen in Princeton 1966 – mit Peter Handke als Fixpunkt – markiert den Punkt, an dem der Zenit überschritten wurde. Der Literaturbetrieb hatte sich als Teil der Medienkultur etabliert.

Zudem verhalf die Gruppe 47 zahlreichen Autoren zum literarischen Durchbruch, auch beim insgesamt zehn Mal verliehenen Preis der Gruppe 47 bewies sie Gespür. Unter den zehn Preisträgern, die, mit Ausnahme des Niederländers Adriaan Morriën, über die Zeiten gelesen werden, befinden sich fünf Büchner- und zwei Nobelpreisträger. Böttigers Verdienst ist es, die umfassende Geschichte und ihre Auswirkungen bis ins 21. Jahrhundert in einer anschaulichen, angenehm zu lesenden Form darzubieten. An der einen oder anderen Stelle hätte er etwas mehr auf die Konzentrationsfähigkeit des Lesers vertrauen können und sich manch Wiederholung sparen können. Mitunter schleicht sich der Verdacht ein, dass ein wenig leichtfertig ein schwarz-weißes Bild der literaturhistorischen Kontrahenten gezeichnet wurde, auch persönliche Sympathien und Antipathien sind oftmals nicht verborgen. Nichtsdestotrotz zählt Böttigers Die Gruppe 47. Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb zu den bemerkenswertesten Sachbüchern der Herbstprogramme.

Hadern mit zunehmender Radikalisierung

Hans Werner Richter_Tagebücher

In den letzten Jahren ihres Bestehens sah sich die Gruppe Angriffen ausgesetzt, die aus einer für sie ungewohnten Richtung kamen – von links. Zunächst aus der DDR, im Jahr 1966 auch offensiv durch Hans Erich Nossack und Robert Neumann in der Zeitschrift „konkret”, die der Gruppe vorwarfen, eine monopolistische Cliquenwirtschaft zu betreiben. Diese Anschuldigungen trafen Hans Werner Richter und mögen, so spekuliert Hans Dieter Zimmermann im Vorwort der Tagebücher, Anlass gewesen sein, ein Tagebuch zu beginnen. Richter hatte nie vor, Tagebuch zu schreiben, hatte 1965 gar einen Essay unter dem Titel Warum ich kein Tagebuch schreibe veröffentlicht. 1966 beginnt er aber doch mit den Aufzeichnungen, sie enden 1972. Dass sie erst jetzt an die Öffentlichkeit gelangten, ist dem Umstand geschuldet, dass Arnulf Baring, dem Richter sie zur Aufbewahrung gab, schlichtweg deren Existenz vergessen hatte und sie erst spät und durch Zufall wiederfand. Dominik Geppert und Nina Schnutz haben sie herausgegeben und mit einem äußerst umfangreichen Anhang versehen.

Hans Werner Richter entpuppt sich denn auch als nicht sonderlich fleißiger Tagebuchschreiber, oftmals finden sich große Lücken zwischen den einzelnen Einträgen. Privates findet sich nicht, Richters Pole waren die Politik und die Literatur. Als Richter mit den Aufzeichnungen begann, war das Ende der von ihm initiierten Gruppe 47 absehbar und Richter ringt um sein Lebenswerk. Zur letzten ‘offiziellen’ Tagung kam es 1967 in der Pulvermühle in der Fränkischen Schweiz, Richter schwankt noch Jahre ob einer Weiterführung hin und her. Letztlich war es aber auch das politische Auseinanderdriften der Akteure, die eine Weiterführung nicht mehr möglich machten. Richter, ehemals Kommunist, dann Anhänger der Sozialdemokratie, erscheint als gemäßigter Linker, der der zunehmenden politischen Radikalisierung vieler Linker konträr entgegensteht. In der Einschätzung der politischen Gegebenheiten zeigt sich Richter als relativ unabhängiger Geist, der sich nicht scheut, Positionen zu beziehen, die der salonfähigen Meinung widersprachen.

Besonders an der Person Enzensberger arbeitet er sich in den Aufzeichnungen ab, dessen Positionen, die er vor allem im Kursbuch Nr. 15 unter dem Titel Gemeinplätze, die neueste Literatur betreffend formulierte und die gemeinhin als die Verkündung des Tods der Literatur verstanden wurden – eine Interpretation, die bei heutiger Lektüre nicht zwangsläufig standhält – ihn in Richters Augen zu einer Art Wortführer seiner Kritiker machen. In seinem Urteil ist Enzensberger literarischer Playboy. Auch andere bekommen ihr Fett weg, amüsant die doch sehr expliziten Charakterisierungen von Walser, Grass und weiteren. Und so bieten die Tagebücher auch Einblicke in und Kommentare zum Literaturbetrieb, der geprägt ist von Eitelkeiten und Missgunst. Überraschend ist dies hingegen nicht, vor allem der Leser der Erinnerungen und der Tagebücher von Fritz J. Raddatz wird sich an dieser Stelle an die Lektüre zurückerinnern. Fast vergessen ist, dass sich auch Hans Werner Richter als Literat bemühte, nicht ganz erfolglos, die Auflagen betreffend, literarische Beachtung durch ‘seine’ Autoren hingegen findet er nicht. So klingt denn auch immer wieder die Kränkung durch, die diese fehlende Akzeptanz hervorrief.

Die Tagebücher Hans Werner Richters verdeutlichen seine Position im kulturellen Leben der Zeit, die Position eines Mannes, dessen Beitrag zur Nachkriegsliteraturgeschichte im Moderieren und im – Neudeutsch – Netzwerken bestand und ohne den die deutsche Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – (be-)wertungsfrei – eine andere gewesen wäre.

Hans Werner Richter_Tagebücher

Hans Werner Richter: Mittendrin. Die Tagebücher 1966-1972; C. H. Beck, München 2012; 383 S., 24,95 Euro. Laden Sie hier eine Leseprobe herunter.

Böttiger_Gruppe 47

Helmut Böttiger: Die Gruppe 47. Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb; DVA, München 2012; 480 S., 24,99 Euro. Eine Leseprobe finden Sie hier.

Außerdem zitiert aus:

Anz, Thomas / Baasner, Rainer: Literaturkritik. Geschichte, Theorie Praxis, C.H.Beck, München 2007, 272 Seiten, 12,95 Euro. Leseprobe

 

 

Die Rezension wurde zuerst auf Diesseits.de – Das humanistische Online-Magazin veröffentlicht.

 

Weihnachten: Bücher zum Verschenken an Leute, die nicht doof sind


Holger Heimann: Die beste Buchhandlung der Welt. Wo Schriftsteller ihre Bücher kaufen.

Von A wie Altenburg, Matthias über Glavinic, Meier und Spinnen bis Z wie Zähringer, Norbert – in diesem Band erzählen 50 Schriftsteller von ihrer Lieblingsbuchhandlung. Die Portraits vereinen so unterschiedliche Buchhandlungen wie das Kulturkaufhaus Dussmann und die Buchhandlung Bindernagel in Friedberg. Thomas Pletzinger ist mal auf dem aus Büchern gebauten Sofa der Connewitzer Verlagsbuchhandlung eingeschlafen, auf das zu setzen ich mich nie getraut habe. Navid Kermani bekommt von seinem Buchhändler auch mal einen Klassiker des türkischen Kommunismus in die Hand gedrückt, weil Herr Ömer mit Kermanis Auswahl nicht zufrieden war. Und Alex Capus scheut sich, er schreibt: Da werden ja alle anderen böse, diese Frage beantworte ich auf keinen Fall. Buchhändler sind eifersüchtig wie Frauen.

Erschienen bei Berlin University Press.

Neil MacGregor: A history of the world in 100 objects.

Anhand von 100 Objekten aus dem Bestand des British Museum erklärt uns MacGreogor, wie wir zu dem wurden, was wir sind. Jedes Objekt steht für einen Entwicklungsschritt, von der ägyptischen Mumie bis zur Solarlampe entfaltet sich ein kulturelles Panorma, das faszinierend und spannend zugleich ist.

Erschienen bei Penguin.

 

 

Thea Dorn und Richard Wagner: Die deutsche Seele

Abendbrot, Fußball, Kitsch, Schadenfreude oder Wurst sind nur einige der Schlagwörter, denen Dorn und Wagner reich bebilderte Essays gewidmet haben. Ihr Versuch, die deutsche Seele zu ergründen, ist so fundiert und lesenswert, dass nach der Lektüre vieles erhellt wurde und gleichzeitig neue Fragen aufgeworfen werden.

Erschienen bei Knaus.

 

 

Guy Delisle: Aufzeichnungen aus Jerusalem

Vermutlich gibt es nur wenige Bücher, die das alltägliche Leben im Spannungsfeld zwischen Israelis und Palästinensern so anschaulich wiedergeben, wie es in Delisle neuester Graphic Novel der Fall ist. Die Stärke ist dabei, dass Delisle zwar deutlich macht, wo seine Sympathien liegen, dabei aber auf plumpe und einseitige Schuldzuweisungen verzichtet. Und über allem liegt der Hauch des Humors, der Delisles Werke auszeichnet.

Erschienen bei Reprodukt.

 

 

Alexandre Dumas: Schiffbrüche. Wahre Geschichten

Vor knapp zehn Jahren entdeckte man in Frankreich die 1852 als Zeitungsfeuilletons veröffentlichten Berichte Dumas’ über vier Schiffskatastrophen wieder, die jetzt auch auf Deutsch vorliegen. Der Kampf zwischen Mensch und Natur – eindrucksvoll und spannend vom Autor der „Drei Musketiere“ erzählt.

Erschienen bei Matthes & Seitz.

Indie-Verlage: Corso


Reisebücher jenseits des klassischen Reiseführers, anspruchsvoll, optisch und haptisch ein Genuss – mit diesem Anspruch gründete Rainer Groothuis vor wenigen Jahren in Hamburg den Corso Verlag. 2010 wurde auf der Frankfurter Buchmesse das erste Programm präsentiert. Die Reaktionen waren voll des Lobes. Zu den Autoren und Herausgebern zählen unter anderem Martin Mosebach, Ilma Rakusa, Matthias Politycki, Elke Heidenreich und Andreas Altmann. Auch Walter Benjamin und Aby Warburg sind im Programm vertreten. Die Reihe CORSOfolio widmet sich mit jedem Band einer Stadt. Ein „Gastgeber“ verbindet Texte, Reportagen und Fotografien zu einem städtischen Panorama. Andere Bände beschäftigen sich mit Themen wie Trampen oder dem Reisen mit Büchern.

Trotz medialer Beachtung geriet der Verlag in diesem Jahr in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Im April wurde das vorläufige Insolvenzverfahren angeordnet – allerdings ist dies nicht gleichbedeutend mit dem Aus. Sämtliche Bücher sind erhältlich, die nächste Zeit entscheidet darüber, ob es für den Verlag ein tragfähiges Sanierungskonzept geben wird. Zu wünschen wäre es.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Adriaan van Dis „Unter den Dächern aus Zink. Paris, ein ABéCédaire

 

 

 

Adriaan van Dis’ ABéCédaire ist ideale Einstimmung, perfekter Begleiter und stimmungsvolle Nachlese Van Dis bewegt sich im Dazwischen durch Paris. Er ist kein Fremder mehr, aber auch kein Einheimischer. Seine Streifzüge und Beobachtungen werden durch Schwarz-Weiß-Fotografien ergänzt. Er berichtet von Begegnungen mit einem Clochard, begibt sich in die Banlieue, beschreibt eine Toilette an der Madelaine – „Der Parkettboden ist ein Juwel der Intarsienkunst, die Bleiglasfenster sind Art nouveau, das Kupfer des Schuhputzthrons verspricht höchsten Glanz, und all das wird bewacht von einer feudelschwingenden Matrone. Zu schön zum Pinkeln, eigentlich eher ein Ort, um sich die Nase zu putzen“. Das Alphabet beginnt bei A & Z, Aussicht auf Zinkdächer, der Kreis schließt sich bei Z & A, Zink und anderes. Es sind die kleinen Momente, das Abseitige, die dieses Buch so lesenswert machen. Jenseits der ausgetretenen touristischen Pfade und manchmal mitten drauf erlebt der Leser ein Paris, das romantisch, traurig, nachdenklich, hart und wundervoll zugleich ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pier Paolo Pasolini „Rom, andere Stadt“

Annette Kopetzki und Theresia Prammer haben für diesen Band Tagebuchaufzeichnungen, Gedichte und Geschichten ausgewählt, die Pasolini in vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts verfasst hat. Pasolini beschreibt „Das Rom der Gauner“, unternimmt Streifzüge in die Umgebung, beobachtet den Alltag.

Es sind Bruchstücke, Beobachtungen, die zusammen ein Bild der Stadt ergeben, die Pasolini Heimat war, die es ihm nicht leicht machte und in der er, der Skandalregisseur, Gesellschaftskritiker, Linke und Homosexuelle, 1975 ermordet wurde. Und so kann das im Band enthaltene Interview mit Pasolini, das er „Il Messaggero“ 1973 gab, als Vorahnung gedeutet werden. Wenn Rom sich verändert hat, extrem zum Schlechten verändert hat, ist das nicht die Schuld der Stadt. Diese Veränderung entstand nicht in dieser Stadt, sie ist Teil eines Verfallsprozesses, der die gesamte italienische Gesellschaft betrifft. […] Ja, eine totale Ablehnung, sodass ich mir sogar ein Plätzchen auf dem Lande gekauft habe, wo ich wahrscheinlich in Zukunft leben werde.“ Zwei Jahre später wird die Pasolinis Leiche am Strand von Ostia gefunden.

Trotzdem sind die Texte Zeugnis einer Liebe zur Ewigen Stadt. Begleitet werden sie von Fotografien von Herbert List.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Reise meines Lebens

Annette Pehnt reist 1986 nach Belfast – „Ich finde Krieg nicht geil, ich will ihn abschaffen. Aber dazu muss ich ihn sehen“ -, Wilhelm Genazinos Tochter verschwindet am Strand in Südfrankreich, Sibylle Lewitscharoff beschreibt einen Trip auf einem Frachtschiff den Amazonas entlang. „Die Reise meines Lebens“ führt nach Paris, auf die Philippinen, nach Tibet und Kairo und Stuttgart. Schriftsteller und Zeit-Autoren erinnern sich an Reisen, die sie prägten. Allein Thomas Kapielski erinnert sich nur ungern an seine Reisen, „Meine wenigen, belanglosen Erlebnisse auf solchen Gramreisen reichen hin, die Menschheit und mich dauerhaft zu beschämen.“ Vor einem Trip nach Sarajevo, Geburtsstadt seiner Frau, legt er sich eine schusssichere Weste („Schutzklasse 4 zu 480 Euro). Auf die Reaktion der Frau – „Spinnst du?! Da schießt schon seit Jahren, seit über 10 Jahren keiner mehr! Und wo ist eine Weste für mich und das Kind?“ schweigt er betreten. Am Ende des Bandes hat sich der Leser vielleicht in der einen oder anderen Situation wiedererkannt, gewiss aber die Lust verspürt, die nächste Reise zu planen. Und sei es die Reise nach Hause.

 

Unter den Dächern aus Zink. Paris, ein ABéCédaire

Adriaan van Dis

Hardcover mit Schutzumschlag, Fadenheftung

96 Seiten mit vielen Fotografien.

Format 17 x 24 cm, Druck in Duotone.

ISBN 978-3-86260-027-4

EUR 19,90 | EUR(A) 20,60 | sFr. 30,50

 

Rom, andere Stadt

Pier Paolo Pasolini

Hardcover mit Schutzumschlag, Fadenheftung

112 Seiten mit vielen Fotografien

Format 17 x 24 cm, Druck in Duotone

ISBN 978-3-86260-001-4

EUR 24,90 | EUR(A) 25,70 | sFr. 37,90

 

Die Reise meines Lebens

Hrsg. Von Stefanie Flamm und Dorothee Stöbener

Hardcover mit Schutzumschlag, Fadenheftung,

128 Seiten mit zahlreichen Fotos.

Format 17 x 24 cm, vierfarbiger Druck.

ISBN 978-3-86260-009-0

EUR 19,90 | EUR(A) 20,60 | sFr. 30,50

 

Alle Bücher auf

http://www.corso-willkommen.de zu bestellen.

Indie-Verlage: Kinzelbach Verlag


Vor 25 Jahren gründete Donata Kinzelbach ihren gleichnamigen Verlag, der seit einem Vierteljahrhundert eine Sonderstellung in der deutschen Verlagslandschaft einnimmt. Von Beginn an spezialisierte sich die Verlegerin auf Romane und Erzählungen von Autoren aus den Maghrebstaaten Algerien, Marokko und Tunesien. Nicht erst seit dem Arabischen Frühling 2011 ist die nordafrikanische Region eher durch politische Unruhen oder als Billig-Destination für Pauschalurlauber bekannt. Wenig weiß man hierzulande aber über die zeitgenössische Literatur. Diese Lücke versucht Donata Kinzelbach zu schließen. Für ihr Engagement wurde sie 2008 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Zu den Autoren gehören Tahar Ben Jelloun, Mohammed Kafir-Eddine und Driss Chraibi.

Donata Kinzelbach im Internet

Maïssa Bey „Nachts unterm Jasmin“

Ein 15-jähriges, schwangeres Mädchen, Dida, liegt in Algier im Krankenhaus. Sie wurde von Islamisten in ein Lager entführt, vergewaltigt, ihre Familie ermordet. Nach ihrer Flucht quälen sie die Erinnerungen, an ihren 2 Jahre alten Bruder, der am Fuß aus dem Elternhaus gezerrt und getötet wurde. An ihren älteren Bruder, der sich den Islamisten anschloss, dann aber mit einem Mädchen vor ihnen floh. Beide wurden eingefangen, gefoltert, ebenfalls ermordet. Dida steht vor der Frage, wie sie weiterleben kann, allein und mit der Schande der Vergewaltigung. Eine Rückkehr in ihr Dorf ist nicht möglich, selbst wenn ihr Vater und ihre Brüder noch am Leben wären, „hätten sie mich umgebracht. Der Ehre wegen.“ Die Erzählung „Nacht und Stille“ ist eine von elf in diesem Band versammelten. Die 1950 geborene Maïssa Bey setzt sich mit der Frau in der algerischen Gesellschaft auseinander, mit dem Patriarchat, religiösem Zwang, archaischen Strukturen. Die Handlung tritt dabei hinter Reflexionen zurück. Bey gibt denen eine Stimme, die um ihre Selbstbestimmung kämpfen, denen, die an der von Männern dominierten Gesellschaft zerbrechen, denen, die ihre Hoffnungen und Träume nicht aufgegeben haben. In einer poetischen Sprache, kunstvoll, aber nicht gekünstelt, lässt Maïssa Bey ihre Protagonistinnen zu Wort kommen.

Nachts unterm Jasmin

Maïssa Bey

ISBN 978-3-927069-98-5

164 Seiten, Euro 19.00

Erzählungen a.d. Französischen von Christine Belakhdar

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Aziz Chouaki „Stern von Algier“

Moussa ist Musiker, er träumt von einer internationalen Karriere, Michael Jackson ist sein Vorbild. In seiner Musik vereint Moussa westliche Elemente mit maghrebinischen Rhythmen. Anfangs hat er Erfolg, Auftritte in den Clubs von Algier. Sein Weg wird von zwielichtigen Gestalten begleitet, Drogen spielen eine wichtige Rolle in seinem Leben. Im Erfolg wird er nicht glücklich, zu groß der Gegensatz zwischen Glitzerwelt und Armut, auch in der Liebe scheitert er. Das größte Drama aber: Der Roman spielt am Beginn der neunziger Jahre, in einem Algerien, in dem islamistische Fanatiker immer größeren Einfluss gewinnen und das Land bald in ein Jahre andauerndes Massaker stürzen. Im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne, zwischen westlichen Einflüssen und religiösem Fanatismus, steuert Moussa unweigerlich auf eine Katastrophe zu. Dramatisch das Ende dieses Romans. Aziz Chouaki wurde 1951 geboren, studierte Literatur und trat als Rockmusiker auf. In den neunziger Jahren floh er nach Frankreich, wo er bis heute lebt. „Stern von Algier“ ist ein Roman, der durchaus distanziert exemplarisch die politische Situation in Algerien am Beispiel eines Mannes erzählt. Durch die – vermeintliche – Distanz ermöglicht Chouakri, dass der Leser ein eigenes Bild entstehen lassen kann. Die Sprache wird durch Sätze dominiert, die rasant daherkommen, fast schon stakkatoartig. Eindringlich.

Stern von Algier

Aziz Chouaki

ISBN 978-3-927069-92-3

198 Seiten, Euro 18.00

Roman a.d. Französischen von Barbara Gantner

Bestellung

Nicht immer nur dasselbe. Die Leipziger Buchmesse 2012


Ich habe vorab mal meine alten Buchmesseeinträge quergelesen und festgestellt, dass ich oft dasselbe schreibe. Deshalb erzähle ich in diesem Jahr ausdrücklich nicht, dass Walde & Graf wieder mal unglaublich schöne Bücher präsentiert hat und ich erwähne erst recht nicht, dass ich mich besonders auf die Lektüre von Chester Browns “Ich bezahle für Sex – Aufzeichnungen eines Freiers” freue. Und auch auf das “ABC der Lähmungen. Ein Kneipenroman”, der in einer hannoverschen Altstadtkneipe spielt. Nach den vergangenen Messen hätte ich vermutlich auch noch auf die tolle Schuberausgabe dreier Tarzanromane hingewiesen, mach ich aber in diesem Jahr nicht.

Auch Voland & Quist erwähnte ich eigentlich immer, das spare ich mir ebenfalls, ihr müsst halt selber rausfinden, dass die grad eine tolle Graphic Novel namens “Alois Nebel” im Programm haben.

"Ich habe heute leider kein Känguru für dich." Marc-Uwe Kling und der verschwommene Sebastian Wolter von Voland&Quist.“Ich habe heute leider kein Känguru für dich.” Marc-Uwe Kling und Sebastian Wolter von Voland&Quist  (Sebastian traf ich am Abend zuvor in einem Lokal und er blieb länger als ich, da habe ich lieber den Verschwommen-Modus gewählt).

Ich hätte normalerweise auch vom Salis Verlag berichtet, auf dessen Neuerscheinung, HF Cotellos “Einige Abenteuer und seltsame Begegnungen im Leben des stillen Kommandeurs” ich gespannt bin. Aber in diesem Jahr soll ja der Beitrag anders werden.

Hier also mal was anderes:

Die Cosplayer werden auch immer verrückter. Die Dame links heißt Carola und kam in einem fast täuschend echten Kostüm als Heike Schmidt von UTB auf die Messe. Damit gewann sie aber leider nur den zweiten Preis bei der “Bestes Cosplaykostüm”-Verleihung, die Jury bemängelte zu Recht die falsche Schuhwahl.

Den ersten Preis bekam übrigens Maik Schulze aus Hintertupfing, im Hauptberuf Versicherungsvertreter. Seine Kostümierung als FC-Bayern-Zuschauer fand einstimmigen Zuspruch der Jury. (Maik Schulze im Kostüm)

Abgeschlagen auf dem letzten Platz landete der Carsten-Tergast-Wannabe, der in dieser Verkleidung nicht mal die die Türsteher der Random-House-Party austricksen konnte.

(Schlechte Kopie mit Sonnenbrille)

Bücher gabs auch

Eins der schönsten Bücher in diesem Jahr war zweifelsohne „Manchmal könnte ich ein U-Boot gebrauchen” von Juliane Blech, mit Illustrationen von Christina Röckl, aus dem Hasenverlag in Halle. Ein Bändchen voll mit wunderschönen Sprachspielereien, das in keinem Haushalt mit Kindern, die nicht ganz doof sind, fehlen sollte. Und auch Erwachsene ohne Kinder werden ihren Spaß haben. Die 12,95 dafür waren gut angelegt.

Ebenfalls gekauft habe ich mir “Aufzeichnungen aus Jerusalem”, den neuen Comicband von Guy Delisle, erschienen bei Reprodukt. Hier beantwortet Guy Delisle noch Fragen, kurze Zeit später zeichnet er mir ein was in mein Exemplar.

4:0 und Viertelfinale

Das absolute Highlight der Messetage war natürlich das 4:0 von Hannover 96 gegen Standard Lüttich (Frank Goosen, falls Sie das hier zufällig lesen: Ich weiß, als Bochum-Fan hat man mit internationalen Wettbewerben nicht so viel zu tun, aber Ihre Lesung parallel zum Spiel stattfinden zu lassen, war schon schade.) Ich habe das Spiel zusammen mit Lieblingsfrau, meiner Lieblings-Börsenverein-Mitarbeiterin und meinem Lieblingsbraunschweiger geguckt. Vor allem letzterer, also Holger, war begeistert. Guten Fußball kennt er ja sonst eher nicht so.

Anschließend gingen wir alle noch in ein nettes Lokal, also alle außer Carsten Tergast. Dort soll wohl Henryk M. Broder neben uns gesessen haben, wurde mir zumindest erzählt.

Buchmessehölle

Richtig stressig war der Messesamstag, wie man auf diesem Bild gut erkennen kann. Allerdings hätte ich da auch gern einen der Helden meiner Kindheit (eigentlich ist er es auch jetzt noch) getroffen, Morten Grunwald. Die Lesung war aber leider komplett überfüllt.

eBooks

Eure eBooks können mich mal.

Ein neuer Bekannter

Eine bis dato virtuelle Bekanntschaft, die seit der Messe real geschlossen wurde, ist die mit Stefan Weidle vom gleichnamigen Verlag. Ganz passend ist im Weidle-Verlag grad Jörg W. Gronius’ “Horch” erschienen, Hauptfigur ist ein Werbetexter, der in Hannover lebt. Stefan Weidle ist nicht nur Verleger, sondern auch Vorsitzender des Vorstands der Kurt Wolff Stiftung. Deren jährlich auf der Leipziger Buchmesse verliehenen Preise gingen in diesem Jahr an  den Verlag “Das Wunderhorn” und die Literaturzeitschrift “BELLA triste”.

Und sonst noch so?

Die Damen vom Milena-Verlag (cooles Programm, wie immer), fuhren mit dem Taxi von der Messe zum Cafe Puschkin. Da saßen wir davor, es waren noch rund 20 Grad, und beim Leute gucken im Allgemeinen und dem “Milena-Verlag steigt aus dem Taxi “-Gucken im Besonderen erkannte ich einen alten Freund, den ich seit vielen Jahren nicht mehr gesehn hatte. Der hatte grad den Milena-Verlag von der Messe zum Cafe Puschkin gefahren. Verrückt.

Ansonsten waren Markus Hablizel und ich uns einig, dass die Tatsache, dass man in der einen oder anderen Halle schwitzt, mit Überheizung und nichts mit dem Körpergewicht zu tun hat.

Da ich ja diesmal über anderes als in den Vorjahren berichten will, erwähne ich weder, dass Wibke Ladwig wieder Wortweide-Buttons mitgebracht hatte, noch, dass die Anzahl der gewechselten Worte mit Karla Paul im Vergleich zu Frankfurt rückläufig war, wir trafen uns nur kurz vor dem Klo.

Und dann war die Messe auch schon wieder vorbei, auf der Rückfahrt hörten wir noch Hannover 96 4:1 gegen diesen rheinländischen Verein gewinnen. Dann waren wir zu Hause, und da ist es auch schön. Zumindest bis zur nächsten Messe.


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