Der Januar nähert sich langsam seinem Ende, hier noch die nachgereichte Favoritenliste.
zeitgenössische Belletristik
Ein Internat in Kanada, zwei Jungen, ein Mädchen. Aus einem eigentlich ziemlich konventionellen Plot konstruiert McAdam einen Roman, der sich inhaltlich und stilistisch fern jeglicher Internatsromantik bewegt. Aus unterschiedlichen Perspektiven, mit unterschiedlichen sprachlichen Mitteln wird eine Coming-of-Age-Geschichte erzählt, die unaufhaltsam auf ein Ende zusteuert, das kein gutes sein kann.
Erschienen bei Wagenbach
Klassiker
Michel Georges-Michel: Die von Montparnasse
Ein Roman, der ein beeindruckendes Zeugnis der Pariser Kunstszene abliefert, der lustvoll die Rauschzustände, in denen Kunst geboren wird, beschreibt und das Elend der zu Lebzeiten Glücklosen artikuliert.
Erschienen bei Walde & Graf
Krimi
Als Krimi kommt das Buch daher, und es ist auch ein rasanter Plot, den Don Winslow da entwirft. „Tage der Toten“ ist aber weit mehr als das. Es ist der Blick in die Abgründe eines Landes, das als Spielball zwischen Organisierter Kriminalität und Machtinteressen des Nachbars im Norden immer stärker zu einem Schlachtfeld wird. Einer der besten Romane des Jahres, vielleicht sogar der beste.
Erschienen bei Suhrkamp
Sachbuch
Fritz J. Raddatz: Tagebücher 1982-2001
Jahrmarkt der Eitelkeiten, Namedroping, bösen Seitenhiebe, Lästereien, Selbstmitleid, Zweifel, Einblick in die Literatur- und Feuilletonschickeria der Bundesrepublik – ein Vergnügen.
Nach der Lektüre ist man froh, dass man nicht mit Literaten und Kulturmenschen befreundet ist, sondern mit ganz normalen Leuten.
Erschienen bei Rowohlt
Comic/Graphic Novel
Peer Meter/Isabell Kreitz: Haarmann
In Bildern, die Hannovers Altstadt und das ärmlich Leben der 20er Jahre lebendig werden lassen, erzählt dieser vorzügliche Bildroman die Geschichte von Fritz Haarmann, der bis 1924 24 junge Männer ermordete, ihre Knochen in der Leine versenkte und das Fleisch (darauf deuten Indizien hin) in der Nachbarschaft verkaufte. “Haarmann” verzichtet dabei auf drastische Bilder. Im Zusammenspiel der eindrucksvollen schwarz-weiß-Bilder und dem behutsam verwendeten Text entstand ein eindrucksvolles Werk, dass nicht nur Chronik der Taten eines Massenmörders ist, sondern auch das Versagen von Polizei und Justiz aufzeigt. Meisterhaft.
Erschienen bei Carlsen
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Mein Favorit (keine Ahnung, ob das Buch im 2. Halbjahr herauskam): Mathias Énard: Zone. Es wurde in Frankreich wesentlich mehr geschätzt als in Deutschland. Hierzulande ist man offensichtlich auf das Moralisieren vergattert, d. h. Literatur, die nicht recht ordentlich den Krieg verdammt, wird mit spitzen Fingern angefasst.