Zwei Wochen Urlaub gehabt, viel gelesen, deshalb erstmal im Schnelldurchlauf:
Simon Beckett, Die Chemie des Todes
Lahmer Krimi, 0815-Schema und schreiben kann Beckett auch nicht wirklich, stilistisch ziemlich dürftig.
Ganz anders hingegen:
Don Winslow, Frankie Machine (Suhrkamp)
Spannender, rasanter Krimi um einen Ex-Mafiakiller, der unfreiwillig aus dem Ruhestand gerissen wird. Don Winslow konstruiert einen raffinierten Plot und heraus kommt ein Roman, der von der ersten bis zur letzten Seiten fesselt. Absolut empfehlenswert! (Wird auch grad unter der Regie von Michael Mann mit Robert De Niro in de Ttitelrolle verfilmt.)
Gordon Dahlquist, Die Glasbücher der Traumfresser (Blanvalet)
Unterhaltsamer Genremix aus Gothic Novel, Schience Fiction, Abenteuer- und Kriminalroman. Hat einige Längen, insgesamt aber ein ziemlich guter Schmöker für ein langes Wochenende.
Dietmar Dath, Die Abschaffung der Arten (Suhrkamp)
Der Roman ist ziemlich sperrig, nichts für mal eben nebenbei. Hat man sich aber dann eingelesen, ist “Die Abschaffung der Arten” ein faszinierendes Epos, in dem auf kluge Art Fragen von Philosphie, Biotechnik und Evolution mit einem Endzeitszenario, in dem die Tiere bzw. deren Weiterentwicklung (“Gente”), die Herrschaft über die Welt übernommen haben, verbunden werden. In drei riesigen Stätdten leben die Gente, die wenigen Menschen vegetieren in Randzonen dahin. Auf dem südamerikanischen Kontinent erhebt sich ein mächtiger Gegner, der die soziale Ordnung und das Überleben der Gente bedroht.
Ein intelligentes Vergnügen, fantastische Lektüre.
Jaume Cabre, Senyoria (Suhrkamp)
Ein früher Roman des Autors von “Die Stimmen des Flusses”.
Im Barcelona des Jahres 1799 angesiedelt, entwirft Cabre eine durchaus spannende Geschichte um Intrigen der höheren katalanischen Gesellschaft, Mord, Karrierestreben und lasterhaften Vergnügungen. Heraus kommt ein historischer Roman, der deutlich über vielen anderen Erzeugnissen dieses Genres steht. Mich hat er aber nicht restlos begeistert, wobei das eigentlich unfair ist. “Senyoria” wurde in Spanien 1991 veröffentlicht , also 13 Jahre vor “Die Stimmen des Flusses”. Und man merkt, dass Cabre in diesen Jahren sein schriftstellerisches Können weiter verfeinert hat. “Senyoria” fehlt es häufig noch an der stilistischen und konstruktiven Raffinesse. Trotzdem wird man auf gehobenem Niveau unterhalten.
Stephan Thome, Grenzgang (Suhrkamp)
Einer der seltenen Romane, in denen nicht viel passiert, in dem sich keine großen Dramen abspielen und der doch auf jeder einzelnen Seite mehr Tiefgang als die ersten 12 Titel der aktuellen Spiegel-Bestsellerliste zusammen enthält.
Es geht um das kleine Leben in der Provinz. Zwei Menschen, sie geschieden, Mutter eines Sohnes, er alleinlebend, Lehrer ihres Sohnes. Fixpunkt der Handlung ist der aller sieben Jahre stattfindende Grenzgang, ein traditionelles Fest in einer Kleinstadt in Hessen. Der Text erzählt in zeitlich ineinander verschachtelten Ebenen, am Rande des Grenzgangs vom ganz normalen Leben. Zwei Menschen treffen sich, verlieben sich, heiraten, trennen sich wieder. Träume bleiben unerfüllt, oder vielleicht doch nicht? Thome erzählt in seinem ersten Roman kein sentimentales Provinzrührstück, sondern vollkommen unspektakulär davon, dass das Leben auch ohne große Dramen erzählenswert ist. Und dies gelingt im derart vollkommen, dass es wenig verwundert, dass “Grenzgang” auf der Shortlist zum deutschen Buchpreis gelandet ist. Ein Höhepunkt des Bücherherbstes!
Jan Graf Potocki, Die Handschrift von Saragossa oder Die Abenteuer in der Sierra Morena (Zweitausendeins)
Ein, vielleicht der Monumentalroman des 19. Jahrhunderts. Angelehnt an die erzählerische Struktur von “Tausendundeiner Nacht” werden die Erlebnisse des Alfons van Worden erzählt, der im Jahr 1739 seinen Dienst in der Wallonischen Garde in Madrid antreten will. Auf dem Weg dorthin durchquert er die Sierra Morena, ein menschenleerer, wilder Landstrich in Spanien. In der Rahmenhandlung trifft er auf zahlreiche Abenteurer, Schmuggler, Räuber, zwei zärtliche Schwestern, den ewigen Juden und viele mehr. In die Handlung eingebettet sind zahlreiche Begebenheiten, Legenden und philosophische sowie kabbalistische Abhandlungen, die sich die auftretenden Figuren erzählen. Häufig sind diese Geschichten auf bis zu vier Ebenen ineinander verwoben.
“Die Handschrift von Saragossa” enthält alles, was ein Unterhaltungsroman enthalten kann: Abenteuer, Erotik, exotische Schauplätze, wilde Landschaften. Die Form ist an den Schauerroman angelehnt. Es ist aber weit mehr als bloße Unterhaltung. Immer wieder werden zentrale Fragen über Religion angerissen. Potocki war ein Verfechter der Aufklärung und die zentralen Gedanken werden im Roman transportiert. Es ist gleichzeitig auch ein Dokument der (religiösen) Toleranz, in dem Christen, Juden und Moslems gleichberechtigt nebeneinander auftreten und diskutieren.
Einzigartig und faszinierend, unterhaltsam und klug, fällt in die Kategorie “Lieblingsbücher.
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