Streifzug durch die Frühjahrsprogramme 2015, Teil 1


Welche Titel ich genauer anschauen werde:

Manuel Jorge Marmelo: Eine tausendmal wiederholte Lüge (A1)

Barbara Honigmann: Chronik meiner Straße (Hanser)

Annika Reich: Die Nächte auf ihrer Seite (Hanser)

W.G. Sebald: Logis in einem Landhaus (Hanser)

Teju Cole: Jeder Tag gehört dem Dieb (Hanser Berlin)

Péter Esterházy: Die Mantel-und-Degen-Version (Hanser Berlin)

Richard Schuberth: Chronik einer fröhlichen Verschwörung (Zsolnay)

Antonia Baum: Ich wuchs auf einem … (Hoffmann & Campe)

Thomas Brussig: Das gibt’s in keinem Russenfilm (Fischer)

Ulrich Zieger: Durchzug eines Regenbands (Fischer)

Sarah Thornton: 33 Künstler in 3 Akten (Sachbuch, Fischer)

Valerie Fritsch: Winters Garten (Suhrkamp)

Andreas Maier: Der Ort (Suhrkamp)

Uwe Nettelbeck: Prozesse (Sachbuch, Suhrkamp)

Technischer Totalitarismus (edition Suhrkamp)

Vea Kaiser: Makarionissi (KiWi)

Leif Randt: Planet Magnon (KiWi)

Bruno Preisendörfer: Als Deutschland noch nicht Deutschland war (Galiani)

Peter Richter: 89/90 (Luchterhand)

Christiane Neudecker: Sommernovelle (Luchterhand)

Christine Bilkau: Die Glücklichen (Luchterhand)

Steffen Kopetzky: Risiko (Klett Cotta)

David Whitehouse: Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek (Tropen)

Thomas Asbridge: Die Kreuzzüge (Sachbuch, Klett Cotta)

Gedanken zum Mauerfall


Ich habe keine Erinnerungen an den 9. November 1989. Es muss ein Tag wie so viele andere gewesen sein, ein Tag, an den man sich nach 25 Jahren einfach nicht mehr erinnert. Der 9. November war immer der Tag vor Muttis Geburtstag. Irgendwann bin ich schlafen gegangen. Ich habe es schlichtweg verpennt. Natürlich ahnte ich auch einen Tag später noch nicht, welche Bedeutung der 9. November für mein weiteres Leben haben sollte.

Ich gehöre zu den Glücklichen. 1989 war ich 14. Ein Alter, in dem man die DDR noch bewusst erlebt hat, ein Alter aber auch, in dem das System DDR noch keinen entscheidenden Einfluss auf die eigene Zukunft nehmen konnte. Ich war nicht Mitte 20, mit einem frischen Studienabschluss in einem Fach, dass mir zugewiesen wurde und für das es auf einmal keine berufliche Perspektive mehr gab. Ich war auch nicht Ende 40, hatte mich nicht mit Überzeugung in meinem Leben eingerichtet und musste nicht verarbeiten, wie aus richtig auf einmal falsch wurde.

Ich weine der DDR keine Träne nach. Mein Leben ist um so vieles schöner, als es in der DDR hätte sein können.

Ich lebe in Hannover, hier ist mein Zuhause. Als ich vor knapp acht Jahren nach Hannover gezogen bin, kannte ich fast niemanden. Heute bin ich mit vielen tollen Menschen befreundet. Dass ich aus dem Osten komme, hat hier nie eine Rolle gespielt, weder positiv noch negativ, obwohl meine Frau und ich die Einzigen im Freundeskreis sind, die in der DDR geboren wurden. Ich bin damals auch nicht vom Osten in den Westen gezogen, sondern von einer Stadt in eine andere. Wenn wir uns in der Kneipe abends über unsere Kindheits- und Jugenderinnerungen unterhalten, werfe ich immer mal wieder ein „Wir hatten ja nichts!“ in die Runde, und meine Freunde tun dann so, als ob sie das auch beim 500. Mal noch lustig finden. Es sind halt tolle Freunde.

Heimat aber ist woanders. Heimat ist Dessau, Heimat ist Anhalt. Da sind meine Wurzeln, da bin ich aufgewachsen und dahin komme ich immer wieder gern zurück. Für ein paar Tage. Leben möchte ich dort nicht mehr.

Wenn man mich heute fragen würde, was an mir typisch ostdeutsch sei – ich wüsste keine wirkliche Antwort. Natürlich bewundere ich, wie alle anderen in der DDR Geborenen, die Fähigkeit manches Altbundesrepublikaners, genau zu wissen, wie er sich in der DDR hätte verhalten, nämlich mutig und aufrecht. Die Begabung, eine Situation zu beurteilen, in der man selber nie war, geht mir ab. Aber reicht das, um es als „typisch ostdeutsch“ zu klassifizieren?

Ich spreche keinen Dialekt, zumindest keinen sehr ausgeprägten, auch wenn ich die Herkunft von Anhaltern mit heimatlichem Sprachklang auf ungefähr 20 Kilometer genau verorten kann. Auch viele Jahre in Leipzig sind sprachlich spurlos an mir vorbeigegangen, wenn ich zu sächseln versuche, klingt das, als versuchte jemand, sächsisch zu parodieren, der dafür aber null Talent hat.*

Die DDR war ein Unrechtsstaat. Und sie bleibt auch dann ein Unrechtsstaat, wenn einzelne Gesetze durchaus liberal waren; so die Tatsache, dass es in der DDR Frauen weit vor 1977 erlaubt war, ohne Erlaubnis ihres Ehemannes arbeiten gehen zu dürfen und es bereits seit 1972 eine Fristenlösung zur Schwangerschaftsunterbrechung gab. Wer die DDR nicht als Unrechtsstaat betrachtet, betreibt Geschichtsklitterung.

Trotzdem hatte ich eine schöne Kindheit. Ostalgie ist dumm, sentimental auf die Kindheit zurückblicken ist es nicht.

Vor einigen Wochen erschienen in der Zeit eine Reihe von Artikeln, geschrieben von Ostdeutschen, alle ungefähr zehn Jahre jünger als ich. Ich habe mich nicht in vielen Texten wiedererkannt. In Erinnerung geblieben ist mir aber der Beitrag  „Erinnert euch!“ von Bettina Malter. Der Text dreht sich um den Satz „Unsere gemeinsame Erinnerung ist zutiefst westdeutsch.“ Bettina Malter hat mit jeder** Zeile recht. 25 Jahre nach dem Mauerfall drohen die Erinnerungen der Ostdeutschen zu verschwinden. Nicht die Erinnerungen an das politische System, sondern die Erinnerungen an Bücher, Filme und Musik, mit denen man in der DDR aufgewachsen ist. Malter fragt, warum Reinhard Lakomy nicht ebenso groß beerdigt wurde wie Otfried Preußler. Spiegel online war Lakomys Tod zehn knappe Zeilen wert. 2010 starb Helga Göring, als Schauspielerin hatte sie in der DDR einen Bekanntheitsgrad, der dem von Inge Meysel in der Bundesrepublik entsprechen dürfte. Spiegel online fand das nicht erwähnenswert, wie auch die meisten anderen überregionalen Zeitungen. Diese Ignoranz ist respektlos, aber vermutlich werden sich Spiegel, Stern, FAZ und Co. auch weiterhin die Frage stellen, warum sich die SUPERillu im Osten besser verkauft als alle genannten zusammen.

Anne Wizorek schreibt in derselben Zeit-Ausgabe, dass ihr Feminismus ostdeutsch ist. Feminist bin ich auch. Und Atheist. Vielleicht ist es ja typisch ostdeutsch, das Konzept Religion wenig überzeugend zu finden. Zumindest gehören die fünf neuen Bundesländer zu den atheistischsten Regionen der Welt. Daran kann ich nichts Schlechtes finden.

*Edit: E. wies mich drauf hin, dass ich aber „um Acht“, „halb Acht“ und „viertel Acht“ sage. Es ist tatsächlich etwas anstrengend, sich immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass vor allem bei die letzten beiden fast nie verstanden werden und man stattdessen „viertel nach“ und „viertel vor“ sagen muss.

**Wobei: Eine ungarische Wurstsuppe habe ich in Hannover ebenso wenig auf einer Speisekarte gefunden wie eine Soljanka (ein Wort übrigens, das mir die Rechtschreibkontrolle meines Schreibprogramms als unbekannt unterstreicht).

Die Frankurter Buchmesse – oder wie wir coolen Leute jetzt sagen: die #fbm14


Kurzes Stutzen auf dem Weg in die Messehallen. Irgendwas fehlt, aber was? Richtig, keine Buchmessezeitung der FAZ. Hey FAZ, das könnt ihr doch nicht machen! Wie kriegen die Menschen jetzt heraus, was sie auf den Messepartys so getrieben haben? Bitte, bitte, ich möchte im nächsten Jahr wieder eine Zeitung haben!

Erstes Händeschütteln und „Wir sehen uns noch!“ auf dem Weg zur Garderobe. Man sieht sich natürlich nicht noch, aber das ahnt man, weiß es aber noch nicht sicher. Ein Schwatz mit Wolfgang Franßen und Stephanie Glasa beim Polar Verlag. Denen geht es gut, zwei vielversprechende Titel erscheinen im Winter. Außerdem ging vor Kurzem das neue Magazin Polar Noir online.

Lustig war es diesmal bei der Bekanntgabe des Literaturnobelpreises. Die Pressemeute versammelte sich in freudiger Erwartung bei Dumont (Murakami) und A1 (Ngugi Wa Thiong’o). In Halle 4.1. Patrick Modiano – Hanser – Halle 3.0, ziemlich weit hinten. Jo Lendle hat aber auch zurzeit echt einen Lauf.

Zum Treffen mit Holger Reichard, Stefan Geyer, Joachim Kurz, Carsten Tergast und Karsten Weyershausen hatte sich schon eine riesige Traube junger Menschen auf der Agora gebildet, um uns zu bejubeln. Da wir uns aber in Ruhe unterhalten wollten, haben wir die Kinder mit einem Unterhaltungsmusiker abgelenkt.

Als wir dann unsere Ruhe hatten, erzählten Holger und Karsten von ihrem neuen Buch (das noch nicht fertig ist, deshalb hier der Link zu ihrem alten Buch). Da geht es um Stadtbewohner und Landbevölkerung und die Vor- und Nachteile. Wobei die Frage aufkam, wer von beiden den Stadtpart übernimmt, schließlich wohnt keiner von beiden in einer Stadt, der eine in Cremlingen, der andere in Braunschweig. Wahrscheinlich waren sie in Hannover auf Recherche.*

Stefan Geyer erzählte dann von seinem neuen Buch, zusammen mit Jürgen Roth hat er die „Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten“ herausgegeben. Und für das Buch spricht, dass es am Stand in großer Zahl geklaut wurde.

Carsten Tergast erzählte davon, dass er um drei Uhr nachts losgefahren ist und dass Werder Bremen in der aktuellen Tabelle eher so mittelgut dasteht.

Joachim hat grad kein neues Buch in der Mache und bedauert dies. Wir vermuteten einen Zusammenhang mit der Tatsache, dass er in den letzten zwei Jahren die Buchmesse schwänzte.

Der meistgehörte Satz an den Verlagsständen in diesem Jahr war „Da ist unser finnischer Autor!“, oder abgewandelt von Stefan Weidle „Da hängt die Jacke von unserem finnischen Autor! (Mooses Mentula)“.

Ich traf Karla Paul. Und sie hatte Zeit, denn sie wurde gerade von einem Termin versetzt. Karla ist schwanger, das Kind wird im Frühjahr das Licht der Welt erblicken. Der Name steht schon fest, „1781“ wird das Baby heißen und das neue eLiteratur-Label (eBook-Label trifft es nicht ganz) von Hoffmann & Campe (finnischer Autor: Tuomas Kyrö). Dafür hat sie sich ganz viel einfallen lassen und es mir erzählt. Ich bemühte mich derweilen, mich nicht von ihren unfassbar hohen Stilettos ablenken zu lassen.

Keine Stilettos hatte Dominique Pleimling an. Als neuer Cheflektor bei Eichborn (finnischer Autor: Juha Vuorinen) erscheint dann in Bälde das erste Programm, für das er verantwortlich zeichnet. Es wird sich also zeigen, ob sein Geschmack auch den Geschmack des Publikums treffen wird, wobei ich mir da keine Sorgen mache.

Evelyn Steinthaler und ich hatten uns bereits in Klagenfurt kurz getroffen, sie lud mich auf einen Wodka (okay, es waren zwei, aber kleine!) an den Milena-Stand ein. Wir sprachen über Berge vs. Meer als Urlaubsziele, über die Unterschiede zwischen Frankfurt und Leipzig („In Leipzig haben sie uns nach Messeschluss mal vier Kartons mit Büchern geklaut. Und überhaupt wurden mal von allen österreichischen Ständen Bücher geklaut, nur von einem nicht. Die waren dann ein bisschen beleidigt.“) und über den Unterschied im Paarungsverhalten auf einer Buchmesse und anderen Messen. Es war sehr schön. Zu Hause liegt jetzt Dee Dee Ramones „Chelsea Horror Hotel“ auf dem Nachttisch.

Bei Voland & Quist (Leif Greinus ein paar Stunden zuvor: „Hast du einen Termin mit Sebastian ausgemacht? Der macht ja nie Termine, während ich immer vorbildlich alles in den Kalender eintrage.“) stehend wurde man von einem Haufen Bodyguards gebeten, mal kurz zur Seite zu treten, damit die wichtige, zu beschützende Person durchkam. Leider hatten weder Sebastian Wolters noch ich noch irgendein anderer eine Ahnung, wer da beschützt werden musste; und um die Bodyguards danach zu fragen, blieb keine Zeit mehr, es war schließlich schon 17.00.

17.00 traf sich wie in jedem Jahr alles bei Kunstmann. 17.10 interessiert sich am Stand vom Kunstmann wie in jedem Jahr niemand mehr für das Rauchverbot. Wibke Ladwig freute sich, Stefan Geyer und Joachim Kurz zu treffen, Stefan Geyer und Joachim Kurz freuten sich, Wibke Ladwig zu treffen, ich hatte alle schon vorher getroffen und freute mich immer noch, es herrschte pure Freude.

Am Stand vom Börsenverein noch ein Treffen mit Thomas Hummitzsch (das ist der, der im Aspekte-Beitrag zur Buchmesse Ijoma Mangold und Tobi Schlegl erzählt, wer den Nobelpreis gewonnen hat). Außerdem waren meine Freundin Jana und die immer noch erfreuten Wibke, Stefan, Joachim sowie Holger und Karsten da. Es sollte Cocktails geben, allerdings war dem Börsenverein bei der Ankunft bereits das Eis ausgegangen, eine nicht unwesentliche Zutat für einen Caipi. Machte aber nichts, am Nebentisch saß Holger Ehling. Wir küssten uns und Holger stellte mich Elmar und Schorsch vor, deren Agentur den Börsenverein versichert (soweit ich das verstanden habe). Elmar und Schorsch kamen aus Köln und hatten einen ganzen Lkw voller gekühlter Kölsch-Fässchen mitgebracht. Wir unterhielten uns zudem über Fußball, als Hannoveraner konnte ich ihnen viel über guten Erstligafußball erzählen. Danach ging’s mit Wibke zur Digital Night.

Zur Digital Night hatte ich eine Einladung bekommen. Die Mail dazu erreichte mich im Urlaub und ging bei der Weiterleitung irgendwie im Spamordner verloren. Ralph Möllers wollte mich noch auf die Gästeliste setzen, da fand sich mein Name aber nicht. Egal, Wibkes Argument „Der muss hier rein, der hat bei Twitter ganz viele Follower!“ fand der Einlass überzeugend. Schön war es trotzdem, Ralph zu treffen. Und Steffen Meier, mit dem ich mir mal kurz zuprostete, bevor er sich wieder den wichtigen Leuten zuwandte. Miriam Semrau schaute auch kurz vorbei und holte sich noch ein Kompliment für ihre Halskette ab. Den Rest der Messe war sie damit beschäftigt, von Interviewtermin zu Interviewtermin zu hetzten und für den Hessischen Rundfunk zu bloggen. Stefanie Leo war auch da und hat sich in diesem Jahr selbst vermessen, mit so einem neumodischen Dingens ums Handgelenk, das zurückgelegte Kilometer, Kalorien und Promille anzeigt. Es gab Fingerfood (gut) und Freigetränke (kalt) und eine Frau in einem knallroten Gymnastikanzug.

Und ich fand vor der Tür sofort ein freies Taxi zur Fahrt an den Main. Taxi fahren in Frankfurt ist für jemand, der im norddeutschen Hannover lebt, eine ungewohnte Erfahrung. In Hannover steigt man ein, sagt, wo man hin will, nach zehn oder zwanzig Minuten sagt der Taxifahrer „8,50 EUR“ oder „19,80 EUR“ und „Schönen Abend noch“. In Frankfurt steigt man ein und sagt, wo man hin will. Dann erzählt der Taxifahrer, dass früher mehr Betrieb auf der Messe war, dass es seiner Großmutter ganz gut geht, dass Eintracht Frankfurt ja nur so mittel in die Saison gestartet ist, dass das Wetter ja momentan aber so la la sei, ja stimmt, im August war es auch so, nur kälter und überhaupt, die vielen Baustellen … Und nach zehn oder zwanzig Minuten sagt der Taxifahrer „8,50 EUR“ oder „19,80 EUR“ und „Schönen Abend noch“. Es soll in Frankfurt auch Taxifahrer geben, zu denen man lieber nicht ins Taxi steigt, meine waren aber super.

Die Party von der Titanic war eine Premiere, da waren wir (Holger Reichardt, Karsten Weyershausen, Stefan Geyer und ich) noch nie. Sonst ist sie auch immer am Freitag, diesmal aber nicht. Vermuteten wir anfangs, man habe clever die Fischer-Lücke im Messeterminkalender genutzt, war die Wahrheit dann doch ganz einfach, dass die Titanic beim Terminfestzurren gebummelt hatte und ihnen eine Hochzeitsgesellschaft den Freitagstermin schlichtweg weggeschnappt hat. Das Büffet konnte sich sehen lassen, die Terrasse mit Blick über den Main noch viel mehr. Freigetränke gab’s in begrenzter Stückzahl, Andrea Diener hat das Fest im FAZ-Blog, der trotz allem kein gleichwertiger Ersatz für die Buchmessezeitung ist, ganz gut zusammengefasst. Auf dem Foto sieht man übrigens Karsten, Holger und meine Zigarette. Männer, die Jogger starren.

Nachdem die Messenächte mit Stefan (seit Jahren mein Messeherbergsvater, noch mal ein großes Danke!) bisher immer im Klabunt endeten, es das aber nicht mehr gibt, gings diesmal in den Nachfolger, das Henscheid. Zusammengefasst: Digital Night – Titanic-Party – Henscheid – Kopfschmerztabletten

Pünktlich zur Solidaritätsaktion für Daniela Strigl traf ich ein.** Angela Leinen las Sonette von Clemens J. Setz und Katrin Passig und ich war der Einzige, der dem Anlass entsprechend eine Bachmannpreis-Tasche trug.

Finnland war ja Gastland, was die ganzen finnischen Autoren erklärt. Mit Jana war ich dann auch beim finnischen Auftritt. Dort konnte man mit seinen Gehirnströmen Gedichte verfassen. Hätten wir ausprobiert, aber die Schlange war zu lang.

Vermutlich der einzige Verlag ohne finnischen Autor ist Diogenes. Dafür war mit einem Jahr Verspätung der brasilianische Diogenes-Autor in Frankfurt. Auf den Shuttlebussen (hier ein Foto aus früheren Jahren) und in echt. Er sprach im sehr, sehr vippen Business-Club mit Messechef Jürgen Boos über die Zukunft des Lesens. Riesiger Andrang, viele mussten draußen bleiben, so liest man. Offenbar war ich der Einzige, der rein gedurft hätte, dafür aber nicht einen Tag eher anreisen wollte. Ansonsten war Diogenes auch Nobelpreis, einen Modiano-Titel hat man im Programm und als Hörbuch sogar mitgenommen. Susanne Bühler war dann auch noch damit beschäftigt, die Nobelpreis-Deko zu organisieren. Dafür, mir das Programm vorzustellen, blieb aber noch ausreichend Zeit, schließlich hatten wir ja auch einen Termin ausgemacht und konnten nach ein bisschen Verwirrung letztlich sogar klären, wann genau wir verabredet waren.

Im Laufe der Jahre schafft man es irgendwie, seine Termingestaltung mehr und mehr zu perfektionieren. Freitagnachmittags halte ich es so: Ich suche mir einen freien Tisch am Franziskaner-Bierstand und verabrede mich ausschließlich dort. Das ist extrem fußschonend, das könnte man sogar in Karlas Stilettos machen, wenn man es denn schaffen würde, dorthin zu kommen, ohne sich vorher mehrfach jämmerlich auf die Fresse zu legen.

Zuerst traf wieder Holger ein, dem das Bier trotz Partynacht schon wieder schmeckte, besser als mir. Eigentlich war ich ja mit Stefan Mesch verabredet, den musste ich aber erst noch dran erinnern. Zum Glück hatte er grad Internet und fand sich dann doch noch ein. Stefan ist ja mittlerweile so was wie ein A-Blogger, diesmal in Diensten von Deutschlandradio Kultur schien er überall zu sein, vielleicht hat er auch einen Zwillingsbruder, alleine schafft man das Pensum ja gar nicht. Wie dem auch sei, für seine Beiträge ging mindestens ein Viertel der Akkuleistung meines Telefons drauf, ich wollte keinen verpassen, so gut sind sie. Sein Roman macht auch leise Fortschritte, wie man hört, gibt es auch schon Anfragen vonseiten der Verlage. Wobei ein Verlag doof wäre, nicht zumindest mal anzufragen, da kann man später immerhin sagen: Wir wollten ihn aber auch!

Stefan ging dann wieder und Isabel Bogdan kam. Nachdem wir es in Leipzig geschafft hatten, ständig aneinander vorbeizurennen, liefen wir uns diesmal ständig über den Weg. Isa war ein bisschen geknickt. Zwar hat sich ein Verlag für ihren Roman gefunden, leider aber wollte ihn kein renommiertes Haus wie Suhrkamp oder Hanser drucken. So erscheint er nun im Frühjahr (nicht mal Herbstprogramm!) 2016 in einem unbekannten Kleinverlag aus dem Rheinland. Ich habe mir den Namen nicht so genau gemerkt, irgendwas in Richtung Kiepenkasper & Bitch.***

Holger, Isabel und ich unterhielten uns dann noch eine Weile über Übersetzer im Allgemeinen, Übersetzer im Besonderen und darüber, wie traurig es ist, ein richtiger Promi zu sein, weil sich dann auf Partys niemand traut, einen anzusprechen. Am Nebentisch saß einer meiner Lieblingsautoren, ich traute mich aber nicht, Thomas Kapielski anzusprechen.

Fast schon zur Tradition geworden, also sozusagen zum zweiten Mal, ist es, dass der letzte Frankfurt-Termin der wundervollen Elisabeth Dietz gehört. Nach einem großartigen Gesprächseinstand („Dein neuer Artikel über die zehn Punkte, mit denen man sich eine Buchmesse für zu Hause bastelt, ist super!“ – „Es sind acht und der ist aus dem letzten Jahr.“) konnte es nur eine schöne letzte Stunde werden. Wir erzählten uns von unseren Urlauben (Elisabeth hat Sandgesichter gebaut, ich lag nur im Sand rum), tranken ein Bier zusammen, sprachen über Frisuren und Schuhe (sie trug keine Stilettos, ihre Mutter hatte die Schuhe für sie ausgesucht) und über dies und das. Außerdem habe ich ihr noch erzählt, wie man Lakritzschnaps selber macht (Tüte Sallos in Wodka oder Korn kippen, stehen lassen, ab und zu schütteln, fertig). Elisabeths Roman ist auch mehr oder weniger fertig, sie sagt, ich könnte ihn mögen. Ich glaube das auch.

Abgang. Bahnhof Frankfurt. Bahnhof Hannover. Taxi (man steigt ein, sagt, wo man hin will, nach zehn oder zwanzig Minuten sagt der Taxifahrer „8,50 EUR“ oder „19,80 EUR“ und „Schönen Abend noch“). Tschüss.

*Tschuldigung, ich versuche es immer wieder, aber ohne Braunschweig-Witz ist so ein Messerückblick doch doof, oder?

** In Wahrheit hatte ich den Termin völlig verschwitzt, der Zufall ergab es aber, dass das Treffen neben dem Pressezentrum stattfand und ich justament dort meine Jacke abgeben wollte.

*** Tatsächlich bekam sie das Strahlen gar nicht mehr aus ihrem Gesicht. Kiepenheuer & Witsch war ihr Wunschverlag und es wird sogar ein Leseexemplar von ihrem Roman über einen durchgeknallten Pfau geben.

**** Natürlich habe ich noch viel mehr Menschen getroffen und vergessen, hier zu erwähnen, so zum Beispiel die frisch verheiratete Claudia Mittnacht. Tut mir leid.

***** Falls mich jetzt jemand fragen sollte, welche Bücher mir ins Auge gefallen sind, die man unbedingt lesen sollte: Dafür hat man auf der #fbm14 aber so was von keine Zeit.

********** Isabel bat mich, zu erwähnen, dass sie ein ganz tolles Kleid anhatte. Es war, glaube ich, hellblaugrau.

**************** Sie sagt, es es war so mittelhellblaugrau. Mit japanisch anmutenden Ufos oder Drachen oder sowas drauf.

Ich lese viel weniger Bücher von Frauen und ich weiß nicht, warum


Nachdem ich gestern die Argumentation von Dana Buchzik in ihrem Aufschrei-Artikel in der Welt kritisierte, habe ich mal nachgedacht und nachgesehen, wie groß der Anteil weiblicher Autoren der Bücher ist, die ich empfehle.

Vorab: Buchempfehlungen gebe ich in Verbindung mit meinem zauberhaften Lächeln auf meinem Tumblr-Blog Lesebefehle, ich habe früher für Glanz & Elend und Diesseits rezensiert, heute rezensiere ich gelegentlich – also viel zu selten – für Intellectures. Außerdem fertige ich monatlich eine Bücherseite für Leo – Das Anhalt Magazin, auf der ich drei Titel vorstelle, wofür ich jeweils 560 Zeichen zur Verfügung habe, und die eine persönliche Top-5-Liste zu einem speziellen Thema enthält. Die Titel für den Tumblr und für die Top 5 wähle ich aus dem Bestand meiner Bibliothek, für die Rezensionen und die Empfehlungen auf der Bücherseite fordere ich Rezensionsexemplare an. Mitunter bekomme ich auch unaufgefordert Bücher zugeschickt, wenn ich sie mag, empfehle ich sie auch weiter. Zudem werden alle zugeschickten Bücher fotografiert und auf meiner Facebookprofilseite veröffentlicht.

Zuerst bin ich die Titel, die ich für Leo ausgewählt habe, durchgegangen. Hier habe ich mir eine Quote selbst auferlegt, mindestens ein Titel stammt immer aus einem Indie-Verlag. Die Quote erfüllt sich eigentlich immer von selbst. Ich habe bisher für zwölf Ausgaben geschrieben, also 36 Titel empfohlen. Davon stammen 30 von männlichen Autoren, drei Titel sind von Frauen, drei Titel wurden gemeinsam von einer Frau und einem Mann verfasst bzw. herausgegeben. Die Frauenquote liegt also deutlich unter der Quote, die jetzt beim Deutschen Buchpreis bemängelt wird (nicht dass ich meine Bedeutung mit der des Buchpreises vergleichen will). Auf dem Tumblr ist die Quote ähnlich schlecht, ebenso auf Glanz und Elend. Die Top 5 habe ich nicht durchgezählt, ich vermute aber, dass hier die Quote noch schlechter ist. Für Diesseits habe ich nicht ein Buch von einer Frau rezensiert, auf Intellectures exakt eins.

Das hat mich dann selbst ziemlich überrascht. Ich habe da vorher auch noch nie drüber nachgedacht. Ich wähle die Titel, die mich interessieren, auch nicht nach dem Geschlecht des Autors aus. Ich schaue die einschlägigen Verlagsprogramme durch, stoße durch Rezensionen in FAZ, SZ und der Literarischen Welt auf Titel, lasse mir Titel von Menschen wie Stefan Mesch empfehlen – so, wie es vermutlich die meisten bei der Auswahl halten. Bei Sachbüchern ist es einfacher zu erklären. Da interessieren mich bestimmte Themen, und ich schaue, was es an Veröffentlichungen dazu gibt. Als ich im letzten Jahr einen großen Überblick zu den Neuerscheinungen anlässlich des 250. Geburtstages von Jean Paul geschrieben habe, stammten eben alle Titel von Männern. [Korrektur: Ich vergaß die Jean-Paul-Biographie von Beatrix Langner.] Wenn ich mich für den Ersten Weltkrieg interessiere, ist das Gros der Veröffentlichungen von Männern geschrieben. Ja, und das einzige rezensierte Sachbuch aus der letzten Zeit, das von einer Frau geschrieben wurde, hatte Mode zum Thema (Barbara Vinken: Angezogen). Hier lässt sich spekulieren, dass ein Zusammenhang mit dem Frauenanteil im Wissenschaftsbetrieb besteht. Aber ich kann halt nur auf Vorhandenes zurückgreifen.

Warum der Anteil in der Belletristik so ist, wie er ist, kann ich mir aber selber nicht erklären. Da bin ich weit weniger auf bestimmte Themen fixiert. Es gibt Themen, die mich grundsätzlich weniger interessieren als andere, dazu gehören aber auch vermeintlich männliche Themenkomplexe, ich interessiere mich zum Beispiel nur bedingt für Technik. Und noch mal: Es ist mir komplett wumpe, ob ein Titel von einer Frau oder einem Mann geschrieben wurde. Frauen und Männer mögen andere Blickwinkel auf und Herangehensweisen an Themen haben, ich halte es aber für absurd, daraus ein “besser” oder “schlechter” abzuleiten. Ich werde in Zukunft also verstärkt darauf achten, warum ich ein Buch von Autor A anstelle eines Romans von Autorin B auswähle. Irgendeinen Grund muss es ja haben.

Bei Graphic Novels ist das Verhältnis Mann/Frau übrigens am ausgeglichensten, bei meinen persönlichen Favoriten dürfte es ungefähr bei 50:50 liegen. Warum das so ist, weiß ich aber auch nicht.

Sex sells, Sexismusvorwurf sells aber auch


Dieser ‪#‎Aufschrei‬ von Dana Buchzik in der Welt unterschlägt dann doch ein oder zwei Fakten, die vielleicht nicht komplett irrelevant sind. Wahr ist, dass weniger Romane von Frauen auf der Longlist stehen, Clemens Setz hat ausgerechnet, dass durchschnittlich 5,25, also 25 Prozent, der nominierten Titel, von Frauen stammen, auf der Shortlist ist der Prozentsatz ein wenig höher, er liegt bei rund 30 Prozent. Zwar erwähnt Dana Buchzik, dass in den letzten beiden Jahren Frauen gewonnen haben, die Tatsache, dass der Buchpreis aber insgesamt doppelt so häufig von Frauen gewonnen wurde (6 zu 3), passte ihr wohl nicht in die Argumentation. Ebensowenig passte es in ihre Argumentation, dass die Jury in diesem Jahr mehrheitlich aus Frauen besteht, ebenso wie 2011. In dem Jahr stammten acht nominierte Bücher von Frauen, so viel wie sonst nie. Allerdings gewann mit Eugen Ruge ein Mann. Zudem saßen in den letzten Jahren immer mindestens drei Frauen in der Jury, bei sieben Mitgliedern, also ein Verhältnis, aus dem ich nur schwer eine systemtisch-institutionalisierte Benachteiligung von Frauen ablesen kann. Und das bedeutet eben auch, dass alle sechs Buchpreise, die an Frauen gingen, von einer Jury vergeben wurden, in der mehr Männer als Frauen saßen. Die Statistiken lassen sich hier selber nachrechnen. Jan Drees sammelt auf Lesen mit Links Stimmen zur Diskussion.

In der aktuellen literarischen Welt findet sich auch eine Liste mit den besten Titeln, die die Redaktion auf den Longlisten vermisst hat. Aufgezählt werden zwölf Titel von Männern und drei von Frauen.

Meine Äußerungen beziehen sich ausdrücklich auf den Teil, der sich mit dem Deutschen Buchpreis beschäftigt, nicht auf das, was sie über die Strukturen der Gremien des Literaturbetriebs sagt. Das kann ich nicht beurteilen, weil ich nicht wirklich im Betrieb drinstecke. Ich halte es aber durchaus für möglich, dass sich das nicht grundsätzlich von anderen Bereichen unterscheidet.