Nachtrag 16. Januar. Heute erhielt ich einen Anruf von einer freundlichen Dame vom Kundenservice. Resultat (per E-Mail schriftlich fixiert):
Sehr geehrter Herr Möller,
wie gerade telefonisch besprochen, bestätigen wir Ihnen die Zusage zum Umtausch der Küchenfronten
hiermit schriftlich.
Das IKEA Einrichtungshaus in Burgwedel nimmt die von Ihnen reklamierten Küchenfronten zurück. [Anmerkung: Die ursprünglichen Fronten sind nicht mehr lieferbar]
Der Rückkauf der Küchenfronten erfolgt aus Kulanz ohne Anerkennung einer Rechtspflicht.
Unter Vorlage der originalen Kaufunterlagen bringen Sie die Küchenfronten ins IKEA Einrichtungshaus Burgwedel zurück.
Der Kaufpreis von 2007 wird Ihnen nach der Rückgabe auf eine IKEA Guthabenkarte erstattet. Diese Guthabenkarte ist drei Jahre gültig und als Zahlungsmittel bei IKEA einzusetzen
Mit freundlichen Grüßen
Ende Nachtrag.
Ikea gilt ja gemeinhin als äußerst kulant, wenn es um Reklamationen geht. Gemeinhin.
Auf Küchen gibt Ikea 20 Jahre Garantie. Soweit die Theorie. Bei unserer im Jahr 2007 gekauften Küche platzt an mehreren Oberflächen die Farbe ab. Grund genug, dies bei Ikea in Großburgwedel zu reklamieren. Die erste Auskunft am Serviceschalter lautete: Ja, es ist ein Reklamationsfall. Allerdings müssen wir Ihnen noch einen Gutachter schicken, der sich die Schäden bei Ihnen zu Hause ansieht.
Ist ja kein Problem, der Gutachter kam, meldete keine Zweifel an, dass es sich um eine berechtigte Reklamation handelt und hinterließ folgendes Gutachterprotokoll:
(Es ist schlecht lesbar, ich habe es nicht besser eingescannt bekommen. Deshalb hier der Wortlaut: „Ein Abplatzen der Kanten an allen Küchenblock Türen. Die Ableimer lösen sich und platzen ab/auf. Nur an den Türen nicht an den Schubladeblenden. Eine Bearbeitung ist nicht vor Ort möglich. Mit Marco von Ikea telf. 11 Türen und Herdunterschiebkasten tauschen.“ Zudem ist auf dem Berichtsbogen angekreuzt: „Zur Behebung Ihrer Beanstandung bestellen wir heute ein Ersatzteil, das Ihnen in den nächsten 4-6 Wochen von unserem Auftraggeber direkt zugesandt wird.“)
Ikea Großburgwedel interpretierte den Berichtsbogen wie folgt:
Besonders bemerkenswert finde ich dabei den letzten Satz, „Wir würden uns freuen Sie trotzdem wieder als zufriedenen IKEA Kunden begrüßen zu dürfen.“ Ja ne, is klar.
Bei den beiden Herren auf dem Bild handelt es sich um Schulze und Schultze, aber um die geht es hier nicht. Es geht um das Ding im Vordergrund – meinen Eierschalensollbruchstellenverursacher. Ein Geschenk zum Einzug, die Schenkenden waren – what a surprise – zwei Ingenieure. Der Eierschalensollbruchstellenverursacher löst das Problem, vor dem wohl jeder beim Anblick eines Frühstückseis steht. Man kann mit dem Eierschalensollbruchstellenverursacher nämlich Frühstückseier – also gekocht, roh ginge wohl auch, macht aber eine riesige Sauerei – köpfen. Man setzt den Eierschalensollbruchstellenverursacher auf das Ei, lässt die Kugel fallen, dreht dann den Eierschalensollbruchstellenverursacher leicht und hebt dann etwas angeschrägt das Ganze samt Eierkopf ab.
Coole Sache. Braucht kein Mensch, bei uns wird er aber trotzdem seit fast fünf Jahren zu jedem Wochenendfrühstück mit großer Freude benutzt.
Warum ich hier den Eierschalensollbruchstellenverursacher vorstelle? Weil der oreillyblog eine Küchengadget-Blogparade veranstaltet.
asphalt & anders wurde 2009 in Hamburg gegründet. Stefan Mayr und Nico Schröder, die beiden jungen, nebenberuflichen Verleger, wollen speziell der Literatur einen Platz geben, die die Stadt als Lebensraum in allen Facetten beleuchtet. Die Stadt als Motiv durchzieht die Veröffentlichungen (mit einer Ausnahme) in unterschiedlicher Form. Die Stadt als alles verschlingendes Monster oder Fluchtpunkt – so unterschiedlich die Deutungen, so unterschiedlich auch die Textarten des Verlagsprogramms. Mehr dazu auf der Verlagswebseite.
Stefan Petermann „Der Schlaf und das Flüstern“
Pola kann die Zeit anhalten. Genauer: Sie kann die Zeit verlangsamen und Geschehnisse verändern. Janek weiß von Polas Fähigkeit. „Der Schlaf und das Flüstern“ erzählt die Geschichte der beiden, deren Schicksal sich miteinander verknüpft, abwechselnd aus der Perspektive von Pola und Janek. Beide sind Waisenkinder, Pola lebt bei ihrer Großmutter, ihre Eltern kamen bei einem Unfall ums Leben, Janek wohnt bei Adoptiveltern, im Ort Lange Sömme kreuzen sich ihre Wege. Als Charaktere könnten sie am Beginn der Geschichte kaum unterschiedlicher sein, sie die Introvertierte, er der Laute, Gewalttätige. Pola erscheint als perfektes Opfer für Janek, doch mit ihrer Gabe weiß sie sich zur Wehr zu setzen. Aus dem sadistische Züge tragenden Jungen wird durch Polas Manipulation ein schüchterner Außenseiter. Bis er Polas Achillesferse entdeckt; denn nach jedem Zeitanhalten versinkt sie in eine Erschöpfungsphase, während der sie anfällig für Einflüsterungen ist. Unausweichlich treiben beide auf ein furioses Finale zu. Sehr ruhig beginnt der Roman, verträumt fast, doch bereits nach wenigen Seiten ahnt der Leser, dass er es hier mit einem Roman zu tun hat, der realistische Konventionen sprengt, der sich geschickt zwischen unterschiedlichen Genren bewegt, Tempowechsel vorlegt und der seine Vorbilder im magischen Realismus hat. Scheinbar aus der Zeit gefallen ist der Ort Lange Sömme mit seinen Bewohnern. Und über allem weht ein Duft von Kamille. „Der Schlaf und das Flüstern“ gehört zu den eigenwilligsten Debütromanen der letzten Jahre. Der 1978 geborene Stefan Petermann spielt mit den Erwartungen des Lesers und schafft es, diesen immer wieder zu überraschen und mit seinem Mix aus poetischer Sprache und schräger Story zu begeistern. Neben seinem Romandebüt erschien auch der Erzählband „Ausschau halten nach Tigern“ bei asphalt & anders.
Stefan Petermann
Der Schlaf und das Flüstern
Roman Gebunden, 272 Seiten
18,90 € [D] ISBN: 978-3-941639-02-7
Marco Dzebro „Dorian“
Dorian berichtet in Postkarten über den Zeitraum von einem Jahr aus New York. Jede Karte beginnt mit den Worten „Meine Stadt ist …“, gefolgt von Vergleichen, die tief aus der Kiste geholt sind, auf deren Schild Lebensfreude durchgestrichen ist. Da kommt schnell der Verdacht auf, dass es sich der Autor da recht einfach gemacht hat. Und tatsächlich wird der Leser diesen Verdacht zu Beginn der Lektüre nicht los.
„Meine Stadt ist ein Gedicht namens Hass“, lautet der erste Satz. In dieser Tonalität geht es weiter. Wenn es Untertitel und Klappentext nicht bereits verraten würden, man käme ziemlich schnell darauf, dass die Postkarten vom Scheitern und von Verlorensein berichten.
„Meine Stadt ist deine Adoptivtochter, die beim Duschen jedes Mal vergisst, die Tür zu schließen, bevor sie sich wie eine billige Schlampe schminkt, um mit ihren Freundinnen in der Disco an abgestandenem Bier und abgestandenen Typen zu lutschen.“
Kein Lichtblick, nur Verkommenheit, ausgebreitet auf rund 170 Seiten, in kurzen Absätzen, „Meine Stadt ist …“ Das nervt, so meint der Leser und will das Buch weglegen. Eine Seite noch. Und etliche Seiten später stellt er fest, dass er das Buch immer noch in der Hand hält. Denn von Seite zu Seite verfällt er dem Sprachrhythmus, der stärker und stärker zum Tragen kommt, der eine Sogwirkung entfaltet. Und das ist konsequent, ist es doch der Sog der anonymen Stadt, der Dorian verschlingt, am Ende ist er verschwunden. New York wird zur austauschbaren Oberfläche, die Karten könnten ebenso aus London, Paris, Berlin oder Tokio stammen. Die Großstadt als Gebilde, in der der Einzelne verschwindet, untergeht. Dorian ist ein sehr eigenwilliger Roman, vielleicht ist es auch gar kein Roman. Es ist eine Sammlung von Miniaturen, die böse und traurig sind, voller gewaltvoller, makabrer Sprachbilder.
„Meine Stadt ist die von allen begeistert aufgenommen Fleischbrockensuppe des Cateringauftrags, zu dessen Gelingen das Hochzeitspaar, welches seit mehreren Stunden nicht mehr gesehen wurde, einen großen Teil beigetragen hat.“
Und aus dem anfänglichen Verdacht ist ein düsteres Vergnügen geworden, auf das einzulassen sich unbedingt lohnt.
Eine kurze Empfehlung: Selim Özdogan „Ein Glas Blut“
Der Prosaband des 1971 in Köln geborenen Selim Özdogan versammelt Kurz- und Kürzesttexte, in denen sich der Autor als einer präsentiert, der zum Erzählen einer Geschichte nicht viele Worte benötigt. Die Geschichten drehen sich um die ewigen Themen der Suche nach dem Platz im Leben und der Liebe. Özdogan bedient sich dabei verschiedener Sprachmittel, von lyrischen Ansätzen („Erinnern“) bis zu Sprachspielereien voller Komik („Foethes Gaust“). „Ein Glas Blut“ ist ein Buch, das an beliebiger Stelle aufgeschlagen werden kann, in dem man sich festlesen oder häppchenweise vergnügen kann.
Mit Ich erinneremich erscheint das vielleicht liebenswerteste Buch des Herbstes
Joe Brainard gehörte in den sechziger Jahren zur New Yorker Künstlerszene – der New York School -, seine Werke bewegen sich im Einflusskreis der Pop Art, er zeichnete Comicstrips und fertigte Bühnenbilder. Als Literat erlangte er dann 1970 mit I remember Aufmerksamkeit, zwei weitere Teile folgten in den darauffolgenden Jahren.
Nach mehr als 40 Jahren wird die ungewöhnliche Autobiographie von Joe Brainard dem deutschsprachigen Leser erstmals zugänglich macht.
Auf den ersten Blick wirkt der Text verwirrend.
Ich erinnere mich an rosarote Zuckerwatte und das klebrige Gefühl danach.
Ich erinnere mich, dass ich plötzlich darauf achtete, „wie“ ich meine Zigarette in Homo-Bars hielt.
Ich erinnere mich, dass ich versuchte, ein Pflaster mit einem einzigen Ruck abzureißen.
Die Struktur ist vordergründig einfach. „Ich erinnere mich …“ – Mit diesen Worten beginnt jede der rund 1500 Miniaturen.
„Ich erinnere mich“ entzündet aber schnell ein Feuerwerk der Erinnerungen, das keiner Chronologie oder thematischer Einordnung gehorcht, keine durchgehende Handlungsebene besitzt. Und doch ergeben die einzelnen Erinnerungsstücke ein Bild eines jungen Mannes, das klarer und figürlicher ist, als es manch Autobiographie in klassischer Textform zu zeichnen vermag. Die Entdeckung seiner Homosexualität hat dabei gleichberechtigt neben Erinnerungen an Familie, an Fernsehshows und Filme oder an Gerüche und Geschmäcker Platz. Nichts in seinen Erinnerungen scheint geschönt und doch zieht sich eine Leichtigkeit durch das Buch, das voller Wärme, Komik und Lebensfreude steckt.
Ich erinnere mich an das Schokohäschen-Problem: Wo fängt man an?
Ich erinnere mich, dass ich in Laubhaufen sprang, und an den Staub, oder was immer dabei aufgewirbelt wurde.
Ich erinner mich an ein Mädchen in Dayton, das mir „beibrachte“, was man mit der Zunge macht. Wie sich aber herausstellte, war es definitiv das, was man nicht mit seiner Zunge machen sollte. Es hätte tatsächlich schlimme Folgen haben können (Ersticken).
„Ich erinnere mich …“ sind aber auch die Worte, die den Leser mit seinen eigenen Erinnerungen konfrontieren. Brainards Gedankenkosmos ist nicht nur seine eigene Biographie, es ist die Biographie von uns allen. Jeder wird zahlreiche Momente entdecken, die die eigenen sein könnten. Beim Lesen schweifen die eigenen Gedanken permanent ab, zurück in die eigene Vergangenheit. Dabei ist die geografische Distanz – Brainards Erinnerungen führen zurück nach Tulsa, Boston und New York, meine nach Dessau, Leipzig und Hannover – vollkommen unerheblich.
Ich erinnere mich, dass ich die Eiswürfelbehälter bis obenhin mit Wasser füllte und dann, ohne etwas zu verschütten, zum Kühlschrank zurückzutragen versuchte. Daran erinnere ich mich. Und daran, wie unpraktisch das eigentlich war, weil der Einsatz niedriger als der Eiswürfelbehälter war und deshalb das Eis zu einem Block zusammengefroren war, den man nur schwer auseinanderbrechen konnte. Und ich erinnere mich, dass wir damals einen Kühlschrank mit Holzverkleidung besaßen, und dass …
Paul Auster, der das Vorwort beisteuerte, schreibt über das kleine Meisterwerk: Es ist eines der seltenen Bücher, die einen ein Leben lang bereichern. Es ist eines der Bücher, die niemals ausgelesen sind. Ich erinnere mich kann immer wieder an einer beliebigen Stelle aufgeschlagen werden, der Leser wird aufs Neue überrascht. Von Joe Brainards Welt und von seiner eigenen.
Joe Brainard – Ich erinnere mich
208 Seiten
12,5 x 18,0 cm
Mit einem Vorwort von Paul Auster
gebunden
Übersetzt von Uta Goridis
Zwei Tage waren es diesmal – und die Erkenntnis, dass man nach zwei Tagen erschöpfter sein kann als nach drei oder, wie in Leipzig, sogar vier Messetagen. Eine weitere Erkenntnis: eine Stunde in der Buchhandlung seines Vertrauens, und man hat gefühlt doppelt so viele Bücher in der Hand gehabt als auf der Messe, der diese Dinger ihren Namen gaben.
Zumindest hatte die Frankfurter Messe den diesjährigen Termin mit dem Europa-League-Spielplan abgestimmt, eine Woche später und ich wäre wirklich in Gewissenskonflikte geraten.
Was ist übrigens der Unterschied zwischen einem Europa-League-Spiel und der Frankfurter Buchmesse? Richtig, am Ende der einen Veranstaltung hat ein nicht unbeträchtlicher Teil der Besucher einen im Tee, bei der anderen gibt es nur alkoholfreies Bier.
Eine Premiere gab es für mich in diesem Jahr, also genaugenommen mehrere, die aber alle durch die eine begründet waren. Ich habe erstmals direkt in Frankfurt genächtigt. Das hatte zur Folge – davon später.
Mein Gastgeber war Stefan Geyer., der gerade bei S.Fischer eine Anthologie herausgegeben hat. „Auf buntbewegten Gassen. Literarische Spaziergänge von Schiller bis Kafka.“ – ein wundervolles Buch, das Spaziergehmuffeln wie mir einen guten Grund gibt, eben nicht zum Spaziergang zu müssen, sondern auf dem Sofa Kafka, Fontane und andere auf ihren Wegen zu begleiten.
Bereit für einen Kaffee führte der erste Weg zum Börsenverein. Dort gab es zwar keine Bücher zu sehen, aber eine liebe Freundin (die hiermit daran erinnert wird, dass sie gefälligst bald nach Hannover – sie weiß schon). Kaffee war gut und der Joachim Kurz traf dann auch ein. (Anmerkung: Auf ausdrücklichen Wunsch eines nicht näher genannten Herrn K. sei noch angemerkt, dass der Joachim Kurz mich, wie in jedem Jahr, den ganzen Tag über begleitet hat und es wie immer ein großes, großes Vergnügen war!
Ein Muss auf jeder Buchmesse ist der Gang zum Stand von Voland & Quist. Leif und Sebastian warteten unter anderem mit „Tattoogeschichten“ auf. Was soll man sagen? Schöne Bücher konnten die beiden schon immer, aber dieser Band ist ein echtes gestalterisches Highlight.
Außerdem freuten sie sich über den Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache für Nora Gomringer, die sich damit in Gesellschaft mit Loriot oder Udo Lindenberg befindet.
Danach ging es um die Ecke zu Markus Hablizel und dem gleichnamigen Verlag (also gleichnamig ohne „Markus“). Wir kannten uns noch nicht persönlich, aber das Schöne war, dass es zumindest mir nicht so vor kam. Im Herbstprogramm erschienen ist „Skunk“ von Justin Courter, der Roman, für dessen Übersetzung und Veröffentlichung Markus eigens den Verlag gegründet hat.
(Das Teil ist so brandheiß, dass ist noch nicht auf der Verlagsseite zu finden)
Schon der Klappentext lässt erahnen, warum.
Stefan G. hatte übrigens Standdienst bei der Edition Faust, die nicht nur eine interessante Webseite betreibt, sondern auch noch eine kleine, sehr schicke Reihe schön gestalteter Hefte veröffentlicht hat.
Nächster Programmpunkt: ein *hüstel* Kaltgetränk mit Carsten Tergast. Der freute sich über den Erfolg des neuen Buchs von Michael Winterhoff, an dem er, wie an allen anderen Winterhoff-Büchern, nicht unwesentlich beteiligt war.
Wie bei den letzten Malen auch ließ sich feststellen, dass Carsten trotz des Bestsellererfolges die Bodenhaftung nicht verloren hat und sich mit ganz normalen Menschen wie mir abgibt. Eben ein Typ wie du und ich, zumindest fast, er ist Werder-Fan.
Am späteren Nachmittag benötigt man auf der Messe keine Uhr mehr, man weiß, es ist 16.30, wenn eifrig die Gläser auf die Standtische geräumt werden. 16.50 kommen dann die Flaschen hinzu und ab 17.00 sammeln sich Menschentrauben bei mare oder Kunstmann. Bei letzteren gab es sogar tschechische Kaltgetränke, die nicht aus Trauben hergestellt wurden. Hat man mal eins probiert. Kunstmann hatte auch was zu feiern,die Biographie eines nahezu unbekannten Fußballers von 1860 München verkauft sich ja überraschend gut.
Der Tag auf der Messe endete, wie er begann, nur diesmal gab es beim Börsenverein keinen Kaffee, sondern Cocktails wurden für einen guten Zweck verkauft. Und da es für einen guten Zweck war … Der Joachim Kurz war immer noch dabei, er entschied sich für einen „Journalist“. Und wie es sich für Journalisten gehört, war der richtig heftig.
Wenn man denn nun schon in Frankfurt nächtigt, Stefans Standdienst war in der Zwischenzeit beendet, dann muss man ja wohl zum Abendessen in ein Apfelweinlokal. Haben wir dann auch gemacht, es musste auch eine Grundlage – oder besser Zwischenlage – für die S.Fischer-Party geschaffen werden. Dieser Apfelsaft war auch lecker, ich weiß nur nicht, warum die in Frankfurt ihn Wein nennen.
Auf der Fischer-Party war es voll, es gab Getränke auf Traubenbasis, es war voll und es gab …
Vorabsacker danach im Klabunt, festgeredet, Absacker dann in der Küche. Ende des Donnerstags.
Am Freitag hatte sich dann Stefans neuer Messegast mit Adresse, U-Bahnlinie und allem geirrt, das bescherte etwas mehr Schlaf. Die Frankfurter Nacht führte aber trotzdem zu einem anständigen Kater, aber nicht gejammert. Also nur ein bisschen. (Mein Nachfolger als Messegast hatte dann später am Abend, so erzählt er es in seinem taz-Blog, die Adresse komplett vergessen. Die war zwar auf dem Handy gespeichert, dummerweise hatte das keinen Saft mehr.)
Pünktlich morgens um 12 dann wieder auf der Messe, es stand das Twittagessen an – mittlerweile einer der Höhepunkte jeder Buchmesse.
Die lange Nacht war mir offenbar nicht anzusehen, denn die schönen Frauen wollten sich reihenweise mit mir fotografieren lassen.
Siehe hier
die Heike und ich,
hier
(Schüchtern im Hintergrund Miriam, vorn Karla, die ich anschließend noch bei Diogenes getroffen habe. Wir haben einen neuen Rekord an gewechselten Wörtern aufgestellt, ein richtiges Gespräch! Ja, ja! Ganz hinten versteckt sich der Holger Ehling, der zusammen mit Wibke Ladwig, Steffen Meier und anderen ein Buch rausgebracht hat, in dem es wohl irgendwie ums so ein neuartiges Ding namens Internet geht.),
und hier
Ähm, okay, das ist keine schöne Frau, das ist Holger Reichard aus Braunschweig, und Braunschweiger sind bekanntlich immer begeistert, wenn sie einen Hannoveraner sehen. In Braunschweig kommt der Hannoveraner ja aus dem fotografiert werden und Autogramme geben gar nicht mehr raus. Vermutlich schafft der Hannoveraner es auch deshalb nie, zum Beispiel mal bei der putzigen blau-gelben Hobbyfußballertruppe vorbeizuschauen.
Der Holger hat auf der Messe einen Vertrag für ein neues Buch abgeschlossen, wenn das so gut ist wie sein letztes,
dann darf er es mir schenken. Oder zumindest signieren, ist dann auch egal, dass er aus Braunschweig ist und ich in Hannover lebe. (Und hiermit sei dann auch feierlich gelobt, dass in meinem nächsten Buchmesserückblick der Name Braunschweig, oder einer der anderen Namen, die man hier für diese Stadt gebraucht, nicht auftauchen wird. Irgendwann fällt einem ja auch nichts mehr ein.) Außerdem hat Holger mir fest versprochen, mich in diesem Jahr noch zu besuchen und darauf freue ich mich!
Sein Kollege Weyershausen war nicht auf dem Twittagessen, sondern damit beschäftigt, gegen Roboter kämpfenden Enten zu zeichnen. Aber der twittert auch nicht, hat jetzt aber eine eigene Facebookseite.
Ich zähle jetzt nicht auf, wer sonst alles so dort war, weiß sowieso jeder selber und ich habe viele bereits auf Facebook erwähnt. Und jeder weiß auch, bei wem ich mich gefreut habe, ihn/sie zu treffen. Allerdings sollte es schöne Tradition werden, dass die Wibke Ladwig zu jedem Messe-Twittagessen neue Wortweide-Buttons mitbringt.
Denk dir also schon mal was für Leipzig aus, liebe Wibke!
Kurzer Rundgang durch die Hallen, schnell noch bei Salis und Walde & Graf auf einen Kaffee vorbei geschaut. Von Salis sei allen „Bruttoglobaltournee“ ans Herz gelegt, von Walde & Graf habe ich im Urlaub „Das Fest des Monsieur Orphée „ verschlungen. Zum diesem Buch gab es auch die schicksten Beutel der ganzen Messe, da bin sogar meinem Vorsatz, keine Beutel mitzunehmen, untreu geworden.
17.00, Sekt bei UTB. Es sind halt Schwaben, bei Taschen gabs im letzten Jahr Champagner. Die waren in diesem Jahr allerdings dann gar nicht mehr auf der Messe. Und da ich auf UTB und Heike Schmidt nicht verzichten möchte: Dann lieber Wasser als Champagner, ich komme auch so vorbei! Wäre auch besser für meine immer noch vorhandenen Kopfschmerzen gewesen – aber man will ja nicht jammern.
Ohne UTB wüssten Tim und ich auch heute noch nicht, dass es Homiletik gibt und was das ist (Predigtlehre); falls jemand mal bei „Wer wird Millionär“ damit konfrontiert wird, mag er mich angemessen beteiligen.
Feierabend, zum Bahnhof, dort noch die obligatorische Abschluss-Fleischkäsesemmel, rein in den Zug und irgendwann zu Hause.
Fazit: Buchmesse? Ich bin echt zu alt für so ‘nen Scheiß! Wann beginnt die Leipziger? Hoffentlich bald!
Lieber Niels ist ein unerhörtes Buch. Eine Frechheit. Kollegenbeschimpfungen – das tut man nicht. Nicht öffentlich zumindest. Und veröffentlichen sollte man sie schon mal gar nicht. Matthias Zschokkes Mail-Wechsel mit seinem Freund Niels Höpfner – dessen Antworten im Buch nicht enthalten sind – sind voll von Auslassungen der unfeinen Art.
Lese gerade: Alain Sulzer bekommt den Prix Medicis etranger […] Offenbar wird auch dort nur mit Wasser gekocht. (6.11.08)
Dein Kommentar zu Sulzer ist herrlich. […] „Schwule in der Jury …“ […] So einfach wird’s sein. (6.11.08)
Unerhört. Unerhört amüsant.
Der vorliegende Band versammelt rund 1500 E-Mails, die Zschokke zwischen 2002 und 2009 an Niels geschickt hat. Es entfaltet sich ein Tagebuch eines Schriftstellers, das durch den Verzicht auf Rücksichtnahme auf sich und andere, durch Bissigkeit, viel Unverstandenfühlen und viel Humor zum Zeugnis des Literatenalltags und des Literaturbetriebs wird. Entscheidend dabei die Form des Briefwechsels, denn obwohl die Mails von Niels fehlen, ist dieser doch Motivator, Resonanzfläche und Reibungspunkt. Der daraus entstehende Dialog in Monologform zählt unzweifelhaft zu den schönsten Leseerlebnissen des Jahres.
Lieber lass ich’s ganz bleiben
Matthias Zschokke gehört zur großen Schar derer, die seit Jahren im Literaturbetrieb präsent sind und doch einem größeren Lesepublikum unbekannt sein dürften, der Autor dieser Zeilen gesteht, auch lediglich den Namen mal vernommen zu haben. Der 1954 in der Schweiz geborene, seit 1980 in Berlin lebende Autor hadert damit, natürlich. Und ist Realist genug, zu wissen, dass seine Vorstellung von Literatur nicht massentauglich ist.
Habe den Bestseller-Schmitt gelesen, Monsieur Ibrahim … Klebrig, anbiedernd, einfältig. Das also schafft es auf den Markt. […] Lieber lass ich’s ganz bleiben, als so etwas vorzulegen.
Schmitt und Zschokke sind beide zum Zeitpunkt des Mail-Verkehrs Autoren des Ammann Verlags, der im letzten Jahr aufgelöst wurde. Zschokke fühlt sich von Egon Ammann schlecht betreut, beklagt die Langsamkeit, mit der Ammann auf seine Manuskripte reagiert, ganz anders als bei der Verlags-Cashcow Schmitt. Trotzdem kann, ja will er sich nicht endgültig vom Verleger trennen, schön die Passagen, in denen beschrieben wird, wie es das Schlitzohr Ammann immer wieder schafft, seinen Autor zu besänftigen, anzutreiben.
Von der Literaturkritik fühlt er sich nicht gewürdigt – und wenn doch, dann von zweitklassigen Kritikern. Die Zeit darf ruhig verreißen, aber gefälligst Iris Radisch und nicht irgendjemand.
Keinesfalls soll hier aber der Eindruck entstehen, Lieber Niels sei eine 760-seitige Jammertour. Zschokke besitzt die Eigenschaft – und hierin unterscheidet sich Lieber Niels deutlich Raddatz‘ Tagebüchern, die sich bei der Lektüre als Vergleich aufdrängen -, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Und gar so schlecht ergeht es dem Autor dann auch nicht. Es lässt sich schon irgendwie aushalten in diesem Literaturbetrieb. In den Zeitraum des Mail-Wechsels fallen längere Stipendienaufenthalte in Budapest, Amman und New York, Zschokke ist regelmäßig zu Gast auf champagnervernichtenden Empfängen und den einen oder anderen Preis gibt es auch.
Gleichwohl, geben wir es zu, lesen wir gern die vernichtenden Urteile, etwa über Philip Roth.
Das ist ja ganz und gar entsetzlich! Grauenhaft. Und die ganze Welt macht diesen Beschiss mit?! […] Ich bin einmal mehr schockiert über uns Europäer, die nichts Besseres zu tun wissen, als diese Industrieschreiberei auch noch nachzuahmen. (25.4.08)
Immer wieder kommt es dabei auch zu komischen Brechungen. Wenn er über Christ Wolf schreibt,
Als ich einmal mit Christa Wolf zusammen eingeladen war, las ich vorher alle Bücher von ihr, weil ich dachte, das gehöre sich so – und starrte sie daraufhin den ganzen Abend wütend an, weil ich die Bücher so grauenvoll gefunden habe. (23.1.06), mag man sich das bildlich vorstellen.
Tantenerschrecker
Nicht nur mit Literatur setzt sich Matthias Zschokke auseinander. Er ist auch ein begeisterter Theatergänger, liebt die Oper. Umso weniger scheut er sich auch hier, sein Urteil kundzutun. Wenn über eine Aufführung von Jonathan Meese zu lesen ist,
Meeses Dramaturgie hatte es darauf abgesehen, seinen Tanten einen Schreck fürs Leben einzujagen. In der Aufregung hatte er aber nicht Weiterlesen »
„Die Möglichkeiten des Films zur moralischen Erziehung und Beeinflussung sind grenzenlos. Deshalb muss seine Integrität geschützt werden“, predigte Will H. Hays 1922 den versammelten Studiobossen, und während er sprach, „grinsten die Gründungsväter des Filmlands, als müssten sie Scheiße fressen“. Als Präsident der Motion Picture Producers and Distributors of America, der Behörde zur Einstufung von Filmen, führte er einen bigotten Kampf gegen Unmoral im Film. Auf der Leinwand zeigte sein Kreuzzug zumindest eine Zeit lang Erfolg. Den Blick hinter die Leinwand zeigt Kenneth Anger.
Bereits in seiner Kindheit hatte der 1927 in Santa Monica geboren engen Kontakt mit Hollywood. So spielte er als Kind in Reinhardts „Sommernachtsraum“ eine Rolle. Hat er zumindest behauptet, stimmt aber nicht, wie man heute weiß. Als Avantgarde-Filmemacher beschäftigte er sich früh mit Homosexualität als Thema und gilt als Pionier des New American Cinema. Dem Okkultismus und den Lehren Aleister Crowleys zugewandt, inspirierte Kenneth Anger Mick Jagger zu „Sympathy for the devil“.
Als Filmemacher nur einem kleinen Kreis von Cineasten bekannt, erreichte Anger ein weit größeres Publikum mit seiner zweibändigen Skandalchronik „Hollywood Babylon“.
Der 1. Band erschien 1959 (oder 1960 – die Jahreszahl variiert) in Paris. Einen amerikanischen Verlag fand „Hollywood Babylon“ erst 1975. Nicht, dass man es bis dahin nicht aufmerksam las, ein Raubdruck existierte bereits 1966, erhältlich in der Pornoabteilung. Zu den eifrigsten Lesern gehörten allerdings zahlreiche Anwälte und Richter, sodass schlussendlich eine bereinigte Version auf den US-Markt kam.
1985 erschien der 2. Teil der Skandalchronik.
Nun ist bei Zweitausendeins eine Neuauflage der beiden vergriffenen Teile in einem Band erschienen. Ungekürzt und unbearbeitet – und zu einem Preis, der sich kaum von dem für beide Bände im Jahr 1985 unterscheidet. Die teilweise recht krude Rechtschreibung wurde ebenso beibehalten wie die nicht immer nachvollziehbaren Unterstreichungen im Text, die dem Leser häufig Rätsel aufgeben. Optisch wirkt der Textkorpus wie eine Art Hypertext, der Leser ertappt sich unweigerlich dabei, hinter den Unterstreichungen Links zu erwarten, die weiterführende Erläuterungen bieten.
Die Lust am Skandal, am Sex, am Tragischen bestimmt den Text. Eines der ersten Kapitel widmet sich dem Stummfilmstar Fatty Arbuckle, dessen Karriere endete, nachdem er angeklagt wurde, im Zuge einer Orgie das Starlet Virginia Rappe unter Zuhilfenahme einer Champagnerflasche zu Tode vergewaltigt Weiterlesen »
Bedauerlich in diesem Jahr finde ich, dass bereits eine Vorauswahl getroffen wurde. Unter den Titeln, die nicht nominiert sind, finden sich nämlich etliche Perlen, die die Chance der Leserabstimmung verdient hätten.
Ein Jahr in einer Hütte in der Wildnis einer Insel Alaskas. Ein Jahr, in der eine brüchige Vater-Sohn-Beziehung auf ein neues Fundament gestellt werden soll. Fischen und Jagen, um Vorräte für den Winter anzulegen, Holz hacken und trocknen, dabei sollen sich Vater und der heranwachsende Sohn wieder näher kommen. Ein großes Abenteuer eben, ein bisschen Robinson, ein wenig Jack London und Jules Verne – Stoff, aus dem gefällige Coming-of-Age-Geschichten entstehen.
Im Schatten des Vaters erzählt keine derartige Geschichte. Der Text erzählt von einer Unternehmung, die von Beginn an zum Scheitern verurteilt ist und die langsam, aber zielstrebig auf ihren entsetzlichen Höhepunkt zusteuert.
An dieser Stelle gerät der Rezensent ins Stocken, denn man kann dieses Buch nicht angemessen würdigen, ohne zu viel von seinem Inhalt zu erzählen. Deshalb: Wer mag, kann jetzt aufhören zu lesen und darauf vertrauen, dass es sich bei Im Schatten des Vaters um ein großes Buch handelt, vielleicht das beste bisher in diesem Jahr.
Jim hat mehrere verpfuschte Beziehungen hinter sich, ist unzufrieden mit seiner Arbeit als Zahnarzt und die Steuerfahndung hat bei ihm Unregelmäßigkeiten entdeckt. Zeit zur Flucht aus dem Alltag, Roy, sein Sohn, soll dabei sein Fluchthelfer sein. Widerwillig, seelisch erpresst von seiner Mutter, fügt sich Roy und begleitet den Vater. Der ist denkbar unfähig, das Leben in der Einsamkeit zu meistern. Ein Bär zerstört einen Großteil der Vorräte, der Vater stürzt und verletzt sich, das vermeintliche oder erhoffte Naturidyll ist wenig idyllisch.
Das Leben fernab der Zivilisation hat nur wenige halbwegs glückliche Momente.
Die wahre Bedrohung aber entspringt nicht der Natur. Schnell wird klar, dass Jim unter Depressionen leidet. Sein Sohn muss Nacht für Nacht das Weinen des Vaters anhören. Zur Überforderung, mehr und mehr auf sich allein gestellt den beschwerlichen Alltag zu meistern, gesellt sich ein emotionales Extrem, dem der 13-Jährige nicht gewachsen ist. Sein Vater benutzt ihn, um die Unzulänglichkeiten seines eigenen Lebens bei ihm abzuladen, in der Hoffnung, eine Art Absolution zu erhalten. Dazwischen immer wieder Phasen, in denen der Vater bemüht scheint, seine Vaterrolle zu erfüllen. Daran, dass dies Fassade ist, besteht allerdings kein Zweifel.
Das größte Opfer
In der Enge der Hütte wird Roy zudem Zeuge, wie Jim am Funkgerät ebenso verzweifelt wie vergeblich versucht, seine letzte Frau Rhoda, die er wie alle anderen auch betrog, zurückzugewinnen. Beim letzten dieser Versuche, während dem Rhoda unmissverständlich zu verstehen gibt, dass die Beziehung keine Chance mehr hat, hat Jim seine Pistole, eine 44er Magnum, in der Hand. Alles scheint auf einen Selbstmord des Vaters hinauszulaufen, die erschütternde Wendung ist Weiterlesen »